Sehnsucht nach den fetten Jahren

11. November 2008, 21:13
posten

Mit Barack Obama soll frischer Wind in die US-amerikanische Forschung kommen - Auch österreichische Wissenschafter in den USA hoffen auf neue Impulse

"Es war eine Eruption von positiven Emotionen, das ganze Land atmet auf", beschreibt Philipp Marxgut, Direktor des Office of Science & Technology an der österreichischen Botschaft in Washington, die Stimmung nach dem Wahlsieg Barack Obamas. Die möglichen positiven Auswirkungen auf die Attraktivität der USA als Wissenschaftsstandort werden allerdings von der Finanzkrise getrübt. "Ich glaube, man darf sich nicht zu viel erwarten. Mit den ganzen Bailout-Programmen steht der neuen Regierung eigentlich kein Geld zur Verfügung", sagt Marxgut.

Die wissenschaftliche Community steht weitgehend hinter Obama, nicht zuletzt, weil dieser im Wahlkampf ein eindrucksvolles wissenschaftliches Beraterteam aufbot. Angeführt von zwei Nobelpreisträgern, dem Krebsforscher Harold Varmus, der unter Bill Clinton Chef der National Institutes of Health (NIH) war, und dem Mediziner und Molekularbiologen Peter Agre, einem offenen Kritiker der Busch-Regierung, wurden erste, wenngleich vage Pläne für die kommenden Jahre ausgearbeitet.

Allen voran plant Obama, was bereits unter Clinton zu Erfolg führte: Innerhalb von zehn Jahren sollen die Budgets für Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften und Life Sciences sowie in Technik und Mathematik verdoppelt werden.

Dramatische Engpässe

In der Medizin und Biotechnologie setzt Forschungseinrichtungen und Universitäten das seit 2003 flache Budget der NIH zu. In den fetten Jahren davor wurden Gerätschaft und Personal angeschafft, beide sind heute nur noch schwer zu erhalten. Elias Zerhouni, der seinen Job als Chef der NIH per Ende Oktober zurücklegte, veranschlagte für 2009 erneut die nahezu gleichbleibende Summe von 29,5 Mrd. Dollar (23,2 Mrd. Euro).

"Das hat im Bereich der universitären Grundlagenforschung zu wirklich dramatischen Engpässen geführt", verdeutlicht Peter Nagele, neuer Präsident des österreichischen Wissenschafternetzwerks in Nordamerika, Ascina. Vor fünf Jahren noch sei rund ein Fünftel aller Förderungsanträge bei den NIH bewilligt worden. "Jetzt liegt der Wert bei zehn Prozent und darunter", sagt der Anästhesist und Intensivmediziner Nagele, der an der Washington University in St. Louis forscht.

Für Ausländer gestalten sich Anträge beim NIH oftmals schwierig. Zwar gibt es Programme, die auch Visumshaltern offenstünden, für "die großen Summen" müsste der Hauptantragsteller aber zumindest eine Green Card besitzen. "Das ist eine große bürokratische Hürde, weil die unbeschränkte Aufenthaltsgenehmigung für viele sehr lange dauert", erklärt Nagele.

Im Bereich embryonaler Stammzellenforschung konnte Bushs Veto bisher zwar nicht die wissenschaftliche Arbeit zum Thema unterbinden, jedoch deren staatliche Finanzierung. Obama sprach sich im Wahlkampf für eine Aufhebung des Verbots aus. Nagele erwartet sich, dass der neue Präsident zwar rasch mit den "pseudoreligiösen Vorbehalten der aktuellen Regierung" aufräumt. "Aber es könnte sein, dass die Aufhebung des Verbots länger dauert, als man glaubt", zeigt er sich vorsichtig.

Der größte Teil des Budgets, innerhalb und außerhalb der Forschung, fließt in militärische Ausgaben. Norman Neureiter, Direktor des Center for Science, Technology and Security Policy und ehemaliger Wissenschafts- und Technologieberater der Außenminister Madeleine Albright und Colin Powell, sprach beim Austrian Science Talk in Chicago eine Umverteilung an: "Die einzige Weg, um mehr Geld für Forschung und Wissenschaft zu bekommen, ist es, Ausgaben in der Landesverteidigung zu reduzieren." Ob es dazu kommt, ist fraglich. Neureiter argumentiert, dass Militärprojekte stets groß im Umfang und langfristig angelegt seien. Einschnitte kosten Jobs: "Und das ist derzeit sehr schwierig." Für Beobachter nicht weiter überraschend ist daher, dass Obama ankündigte, die militärische Grundlagenforschung mittelfristig verdoppeln zu wollen. (Alexandra RieglerDER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)/

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Neuer Glanz für die Forschung: Obama plant, die Budgets für Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften, Life Sciences, Technik und Mathematik innert der nächsten zehn Jahre zu verdoppeln.

Share if you care.