Euphorie über das Besatzungsende und neue Träume in Bosnien

11. November 2008, 20:15
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Manche Kroaten betrauerten das Ende der Monarchie, viele Bosnier freuten sich aber über die Gründung Jugoslawiens

Zum Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs werden in manchen bosnischen Familien die Fotoalben herausgeholt. Damals, 1918, habe in Bosnien Euphorie vorgeherrscht, erzählt der Historiker Enver Imamovic, der an der Philosophischen Fakultät in Sarajevo arbeitet, wie sie eben jedes Kriegsende hervorrufe. Die Bosnier hatten ja auch viele Opfer zu verzeichnen. Der jüngste Soldat in der österreichischen Armee war ein zwölfjähriger Bosnier namens Dervisevic, der nach seiner Verletzung an der Front nach Wien zurückkehrte und dort mit großen Ehrungen ausgezeichnet wurde, so Imamovic.

Die Freude über die serbischen Befreier und das Ende der Kaiserzeit verflog aber schnell. Denn mit dem Ende der Monarchie endete auch die Herrschaft des Rechts und der Gleichberechtigung der Völker, kommentiert Imamoviæ. "Österreich stand ja für den Rechtsstaat und eine funktionierende Verwaltung." Besonders die Agrarreform des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen nach 1918, bei der den bosnischen Großgrundbesitzern das Land weggenommen wurde, sei ungerecht gewesen. "Der neue jugoslawische Traum war schnell ausgeträumt."

In Bosnien habe es zudem die Auffassung gegeben, dass man in Österreich trotz der Definition Bosniens als "corpus separatum" durch den Berliner Kongress und die Okkupation einen wahren Freund gewonnen hatte. Imamovic erinnert auch an die Worte des verstorbenen Präsidenten Alija Izetbegovic, der einmal gesagt hatte: "Lieber Gott, wieso sind die Österreicher nicht länger geblieben?"

Markthalle heißt Markale

"Austrija" ist besonders in Sarajevo allgegenwärtig. Von der Vergangenheit zeugen zahlreiche Gebäude. Fragt man die Bürger Sarajevos nach der Monarchie, so assoziieren sie die Eisenbahnstrecke damit oder die "Markale", also die Markthalle, in der heute Käse- und Fleischprodukte verkauft werden. Auf der Website Sarajevo-x.com wird Werner Schachingers Buch "Die Bosniaken kommen" diskutiert und die Leistungen der Bosniaken in der österreichischen Armee gefeiert, aber auch Resad Zuticas Buch "Hadzi Lojo" über den Widerstand gegen die österreichische Okkupation wird thematisiert.

Der Autor Dragan Janic bewertet die österreichische Periode in Bosnien anhand der Werke des Schriftstellers Aleksa Santic. In Santics Werken würden Werte wie Freiheit und Heimatliebe gegenüber Österreich gepflegt. Janic meint, dass die Zeit Österreichs in Bosnien einprägsamer war, als die Herrschaft des Osmanischen Reichs, obwohl diese viel länger gedauert hat. Diese Auffassung, so Janic, sei bei allen Volksgruppen vorhanden.

Über die Gründung Jugoslawiens freute man sich, weil man Hoffnung auf eine Zukunft ohne fremde Herrscher hatte, so Sanic. Tomislav Isek, Direktor des Historischen Instituts in Sarajevo, verweist ebenfalls auf die Zustimmung zum Ende der Okkupation. Schließlich wurde die Okkupation, so Isek auch ausgenutzt, um Bodenschätze aus Bosnien zu holen. Andererseits hätten insbesondere die Kroaten dem Ende der Monarchie nachgetrauert. Eine klare Meinung über das historische Datum gebe es aber in Bosnien nicht, weil der öffentliche Diskurs darüber fehle, sagt Isek. (Erdin Kadunic aus Sarajevo/DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)

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