Milderer Blick auf die Monarchie

11. November 2008, 20:08
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Bei den Tschechen hat sich die historische Einschätzung der Monarchie in den letzten Jahren deutlich geändert

Auch wenn die Tschechen seit Jahrzehnten als eingefleischte Republikaner gelten, hat sich in den letzten Jahren ihre negative Einstellung zur Vergangenheit im Rahmen des Habsburger Reiches stark gelockert. Nichts bringt dies wohl besser zum Ausdruck als der Umstand, dass seit gut zwei Jahren mit Karl Schwarzenberg ein Vertreter des historischen böhmischen Adels Außenminister der Tschechischen Republik und dabei sogar noch beliebt ist. Eben der Adel, wie auch die katholische Kirche, galten über viele Jahre als größte Stützen der Monarchie und wurden dementsprechend negativ beurteilt.

Eine Wiedereinführung der Monarchie ist jedoch im heutigen Tschechien kein wirkliches Thema. Und das, obwohl viele Tschechen bei den beiden vergangenen Wahlen des Staatspräsidenten an ihren Abgeordneten und Senatoren schier verzweifeln konnten. Denn diese lieferten sich vor laufenden Fernsehkameras ein unwürdiges Schauspiel.

Aktive Monarchisten

Auch wenn die Monarchisten in solchen Fällen immer wieder Morgenluft zu spüren glaubten und vor allem publizistisch nicht müde waren, die angeblichen Vorteile eines Königreiches aufzuzählen, ist die Zahl der Monarchie-Befürworter sehr überschaubar geblieben.

Ein Grund dafür mag sicher auch sein, dass die Anhänger einer Wiedereinführung der Monarchie sich in zwei Gruppen teilen. Die einen, deren informeller Kopf der junge Historiker und Romanautor Petr Placák ist, sieht in der Monarchie ein zeitloses Konstrukt. Deshalb finden sich unter den Unterstützern dieser Gruppe zahlreiche Intellektuelle, die jedoch eine Antwort auf die wichtigste Frage schuldig bleiben. - Nämlich die, wer denn den böhmischen Thron besteigen soll?

Ganz anders ist es um die zweite Gruppe bestellt, die sich um die Monarchisten-Partei Koruna èeská (Böhmische Krone) schart. Diese Monarchisten nehmen regelmäßig an Wahlen teil, wenn auch mit recht bescheidenem Erfolg. Im Jahr 2006 wählten gerade einmal 7300 Tschechen die Partei, was ungefähr 0,13 Prozent der Stimmen entspricht.

Die Koruna èeská sieht die Habsburger als legitime Thronerben, gefolgt von den Fürsten Schwarzenberg und Lobkowicz als ranghöchste Vertreter des historischen böhmischen Adels.

Am Vorabend des Republik-Jubiläums hat die Koruna èeská ein auf zehn Jahre angelegtes Programm zur Wiedereinführung der Monarchie verkündet und am 27. Oktober als ersten Schritt einen Fahnenzug durch Prags Innenstadt veranstaltet.

"Historische Gerechtigkeit"

Der Zusammenbruch der Monarchie wurde in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit als Akt einer "geschichtlichen Gerechtigkeit" interpretiert. Dies hatte zur Folge, dass das Leben in der Monarchie auch von den Historikern in den dunkelsten Farben dargestellt wurde.

Das ist heute nicht mehr der Fall, wie der Historiker Michal Pehr von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften im Gespräch mit dem Standard bestätigt. "Heute werden sowohl die Vorteile wie auch die Nachteile der Monarchie erwähnt." Zu Ersteren gehört laut Pehr der Umstand, dass die Habsburger Monarchie einen Stabilisationspunkt im unruhigen Mitteleuropa bildete.

Zu den Nachteilen zählt Pehr die Unfähigkeit des Vielvölkerstaates, die Nationalitätenfrage zu lösen. "Durch den österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 erhielten zwei Völker in der Monarchie einen Vorteil gegenüber den anderen, die sich benachteiligt fühlten." (Robert Schuster aus Prag/DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)

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