Phantomschmerz und Sisi-Kult

11. November 2008, 20:06
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Den Zusammenbruch der Monarchie und die darauffolgende Friedensordnung erlebten die meisten Ungarn als nationale Tragödie

Angehörige einer neuen Spezies von "Irredenta-Touristen" reisen neuerdings als rechtsextreme Fußball-Schlachtenbummler mit Großungarn-Fahnen oder als in Naziuniformen posierende Kranzniederleger in die Slowakei und beschädigen und vergiften damit das Verhältnis Ungarns zu seinem nördlichen EU-Nachbarn.

Was für die Österreicher St. Germain war, war für die Ungarn Trianon: jener Pariser Vorortevertrag aus dem Jahr 1920, der über die Aufteilung der ungarischen Reichshälfte entschied. Das historische Ungarn verlor zwei Drittel seines Territoriums, darunter die heutige Slowakei, große Teile Kroatiens, das heute rumänische Siebenbürgen und die heute serbische Vojvodina.

Flüchtlingsstrom

In manchen der abgetrennten Gebiete wie in Kroatien lebten kaum Ungarn, in anderen hingegen in großer Zahl. 3,2 Millionen Magyaren blieben durch die neuen Grenzziehungen in den neu entstandenen oder neu konfigurierten Staaten der Region zurück. "Familien wurden zerrissen und verloren alles, ein Strom von Flüchtlingen schwemmte in das vom Ersten Weltkrieg wirtschaftlich ohnehin ausgezehrte Mutterland", beschreibt es der Historiker András Gerö, der das Habsburg-Institut in Budapest leitet.

Nicht der Monarchie trauerten die Ungarn nach, sondern der eigenen imaginierten historischen Größe. Das Verhältnis zum Habsburger-Reich blieb immer ein zwiespältiges. Die Revolution von 1848/49 ließ der junge Kaiser Franz Joseph I. mit aller Brutalität niederschlagen. Im Ausgleich von 1867 - ein Ergebnis seltener habsburgischer Realpolitik nach der Niederlage von Königgrätz im Jahr davor - erhielt Ungarn im Rahmen der Doppelmonarchie eine gewisse autonome Stellung innerhalb des Reiches. Es war ein Kompromiss, den man nicht liebte, aber mit dem man leben konnte. Die anschließende "Friedenszeit" bescherte dem Land eine beispiellose nachholende bürgerliche Entwicklung und wirtschaftlichen Aufschwung.

In der Rückschau sieht man dies durchaus differenziert. "Die öffentliche Meinung und die Geschichtsschreibung anerkennt die Verdienste dieser Zeit seit dem Ende des Kommunismus zunehmend", sagt Gerö. Sein Institut gründete er 2003 mit dem Ziel, Geschichte eben im Kontext jener Gesamtregion zu studieren, die vom Habsburger-Reich geprägt wurde.

Schon zu Lebzeiten

Außer dem "Phantomschmerz" über die verlorenen Gebiete blieb den Ungarn aber noch ein Andenken an damals: der Sisi-Kult. Die Verehrung der schönen Elisabeth, der Gattin des ungeliebten, spröden Kaisers, begann in Ungarn schon zu ihren Lebzeiten. Immer wieder hatte sich Sisi in das Barock-Schloss Gödöllö bei Budapest zurückgezogen, das ihr zum Geschenk gemacht wurde. Sie sympathisierte mit freiheitsliebenden ungarischen Dichtern und Denkern, pflegte eine intime Freundschaft mit dem ungarischen Politiker Graf Gyula Andrássy und lobbyierte gern für ungarische Anliegen.

Das 1998 renovierte Schloss Gödöllö mit seiner ständigen Sisi-Gedenkausstellung wurde zum Kristallisationspunkt des nach der Wende neu aufgelegten Sisi-Kults. Ein wenig verdankt sich aber auch der einem Missverständnis: Während die Ungarn etwas Habsburgisches suchten, das sie zu lieben vermochten, floh die Kaiserin einfach nur vor ihrem Gatten und den einengenden Verhältnissen am Wiener Hof. "Elisabeth suchte ihre eigene Freiheit, die Ungarn suchten ,ihren' Habsburger", schreibt Gerö in seiner Monografie "Imaginierte Geschichte": "Sie suchten einander nicht, aber fanden einander." (Gregor Mayer aus Budapest/DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)

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