Verlust der Distanz

11. November 2008, 19:21
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Die ORF-"Wochenschau" soll eingespart werden: Schade, sie ist eine wichtige Entführung aus der Hektik der Aktualität

Irgendwann werden wir es wissen: Ist Obama ein guter Präsident gewesen? Hatten die Aktienkurse im Oktober 2008 ihre Tiefstände erreicht? - Und insgesamt: War diese jetzige doch eine nicht so üble Zeit, da es danach noch viel schlimmer gekommen war. Nun, da wir mitten in der Gegenwart stecken, ist darüber nicht viel Verbindliches auszusagen. Ob der ORF etwa mit dem Ansetzen eines Club 2 (Thema: "Die Kraft des Scheiterns") den Zeitgeist punktgenau getroffen hat, wird man also erst später beurteilen können.

Bezüglich Zeitdiagnostik ist Vorsicht geboten. Es fehlt die Distanz. Und weil dem so ist, haben wir immer jene TV-Formate geschätzt, die nicht auf Aktualität fixiert sind, sich vielmehr gemütlich rekapitulierend Vergangenem widmen. Klarerweise gebührt den Jahresrückblicken dabei eine Sonderposition; erst durch sie vermochte man Historie etwas besser zu bewerten.

Weil dies aber nur einmal im Jahr möglich ist, empfinden wir die sonntägliche ORF-"Wochenschau" mit ihrer undramatischen Art als wertvoll. Sie schafft Distanz, hilft also, Bedeutsames vom letztlich Lächerlichen zu unterscheiden. Soweit das eben möglich ist.

Nach TV-Media soll nun jedoch ab Dezember damit Schluss sein, die Sendung eingespart werden. Wäre extrem schade. Die "Wochenschau" ist eine wichtige Entführung aus der Hektik der Aktualität - und übrigens auch die einzige ORF-Sendung, die als Service für Gehörlose in Gebärdensprache übersetzt wird. (tos/DER STANDARD; Printausgabe, 12.11.2008)

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