"EU war besser als die USA"

11. November 2008, 18:49
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Die beiden Alt-Kanzler Franz Vranitzky und Gerhard Schröder sehen Finanzkrise als Chance

Berlin - Das Ereignis hatte schon einen gewissen Seltenheitswert. Als der deutsche Altkanzler Gerhard Schröder am Montagabend den österreichischen Altkanzler Franz Vranitzky in der österreichischen Botschaft in Berlin traf, gestand Schröder "einen Fehler" ein. Nein, die (auch von ihm maßgeblich betriebenen) EU-Sanktionen gegen Österreich im Jahr 2000 seien damals nicht richtig gewesen, gab er in einer von STANDARD-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid moderierten Diskussion zu.

Diese hätten maßgeblich zum EU-Frust der Österreicher beigetragen - genauso wie das Vorurteil, das "die EU als neoliberal abstempelt", meinte Vranitzky, der sein Buch (Themen der Zeit II, Passagen Verlag) vorstellte. Zuversicht schöpft Vranitzky aber gerade durch die Finanzkrise. "Diese wird die Zustimmung zum EU-Projekt verbessern." Man könne "von großem Glück reden, dass wir den Euro haben". Ohne diesen gäbe es in Europa auch noch Devisenspekulationen, also "Chaos schlechthin". Auch Schröder sieht die EU bei der Krisenbewältigung gut aufgestellt: "Die EU war besser als die Amerikaner." Deshalb gebe es jetzt auch eine Chance "auf das Ende der Dominanz der Wallstreet über die Finanzmärkte". Beim bevorstehenden Welt-Finanzgipfel dürfe die EU nicht lockerlassen und müsse "mehr Transparenz in den Märkten" durchsetzen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) solle nicht nur Kreditgeber sein, sondern "auch eine Kontrollinstanz darstellen", sagt Schröder. Apropos Kontrolle: "Wenn man österreichischen Geldinstituten untersagt, Außenstellen in Steueroasen zu errichten, wäre man schon eine Fehlerquelle los", meint Vranitzky. Außerdem solle das Eigenkapital einer Bank größer sein als die Kredite, die sie vergibt.

"Keine Ackermänner"

Vranitzky ist zwar jetzt, in der aufgeheizten Stimmung, gegen "Banker-Bashing", meint aber wie Schröder, dass die Begrenzung eines Banker-Gehalts nicht Grund sein dürfe, warum sich eine Bank nicht unter den staatlichen Rettungsschirm begibt. Dass die Gehälter der Bankchefs in so einem Fall nicht wie in Deutschland auf 500.000 Euro begrenzt werden, erklärt Ex-Banker Vranitzky mit den vergleichsweise geringeren heimischen Gehältern. Er meint in Anspielung an den Chef der Deutschen Bank, der 2007 vier Millionen Euro verdiente: "In Österreich haben wir keine Ackermänner." (bau, DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)

  • Zwei Sozialdemokraten: Franz Vranitzky (li.) und Gerhard Schröder.
Alexandra Föderl-Schmid moderierte.s
    foto: hartmut mueller-stauffenberg

    Zwei Sozialdemokraten: Franz Vranitzky (li.) und Gerhard Schröder. Alexandra Föderl-Schmid moderierte.s

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