Langzeitsuchtgift Nationalismus

11. November 2008, 18:52
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90 Jahre nach dem Ende der Donaumonarchie sind die damals entstandenen nationalen Traumata in Mitteleuropa noch lebendig

Die EU steht achselzuckend daneben.

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Vorerst einmal hat die Vernunft gesiegt. Nach mehreren Anläufen treffen die Regierungschefs der Slowakei und Ungarns, Robert Fico und Ferenc Gyurcsány, einander am kommenden Samstag in der geteilten Grenzstadt Komárno/Komárom. Das durch nationalistische Ausfälle auf beiden Seiten stark belastete Verhältnis der beiden EU-Mitglieder soll entkrampft werden. Beide Seiten könnten "ihre Verbundenheit mit den europäischen Normen, Werten und Prinzipien der Zusammenarbeit bekräftigen", heißt es dazu aus Budapest. Beide Länder dürften extremistischem Nationalismus und Radikalismus keinen Raum geben, sagte der ungarische Regierungssprecher David Daroczi am Dienstag.

Erst am Vortag hatten ungarische extremistische Gruppen unter Führung der außerparlamentarischen rechtsextremen Partei Jobbik (Bewegung für ein besseres Ungarn) mehrere slowakisch-ungarische Grenzübergänge blockiert. Sie protestierten damit gegen den Einsatz der slowakischen Polizei bei einem Fußballspiel am 1. November in Dunajska Streda, einer Stadt im ungarischen Siedlungsgebiet der Slowakei. Bei dem Match des Erstliga-Tabellenführers Slovan Bratislava gegen den lokalen Verein DAC Dunajska Streda schritt die slowakische Polizei gegen Fans ein, die in offenkundiger Provokationsabsicht aus Ungarn angereist waren. Elf Menschen wurden verletzt, 30 festgenommen, unter ihnen 16 ungarische Staatsbürger.

Aktueller Hintergrund der Auseinandersetzungen ist ein Streit um die Ortsbezeichnungen in den Schulbüchern der rund 600.000 Menschen zählenden ungarischen Minderheit in der Slowakei. In diesem Streit hat sich die Partei des slowakischen Premiers Fico, "Smer" (Richtung), zwar zuletzt auf die Seite der oppositionellen Ungarnpartei SMK gestellt. Fico selbst ist aber mitverantwortlich für die Spannungen: Die Slowakische Nationalpartei sitzt in der Regierung, und ihr Chef Ján Slota provoziert die Ungarn immer wieder mit verbalen Beleidigungen.

Dass die beiden Nachbarländer fast fünf Jahre nach ihrem gemeinsamen EU-Beitritt keine Lösung ihrer ethnischen Probleme gefunden haben, zeigt, wie lebendig die jeweiligen nationalen Traumata 90 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der Donaumonarchie sind. Ungarns nationales Bewusstsein hat den Verlust von zwei Dritteln des Territoriums bis heute nicht verkraftet. Die Slowaken, haben erst seit der Teilung der Tschechoslowakei 1993 einen souveräner demokratischer Staat. Als Teil der ungarischen Reichshälfte in der Monarchie waren sie einer starker Magyarisierungspolitik ausgesetzt. Das lebt in ihrem nationalen Gedächtnis fort.

"Eine Nation ist eine Gruppe von Menschen, die durch den gemeinsamen Irrtum ihrer Abstammung und eine gemeinsame Abneigung gegen ihren Nachbarn geeint ist" , schrieb der Politologe Karl W. Deutsch (geboren 1912 in Prag, gestorben 1992 in den USA). Mit der Ansicht, dass sich Nationen vor allem in der Abgrenzung, also negativ, definieren, steht er nicht allein.

Zugleich hat Deutsch in seinen Überlegungen die EU als Möglichkeit zur Überwindung der Nationalismus vorweggenommen. Dabei unterscheidet er zwischen einer "amalgamierten" , also sehr stark integrierten, Sicherheitsgemeinschaft und einer "pluralistischen" Sicherheitsgemeinschaft mit bescheideneren Integrationsansprüchen. Beide allerdings seien stark rückfallgefährdet.

Die EU liegt derzeit irgendwo zwischen den beiden Varianten. In diesem Identitätsvakuum und mangels einer engagiert geführten Debatte zwischen Politikern und Bürgern kann das altbewährte Suchtgift des Nationalismus kaum gedämpft weiterwirken. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)

 

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