Ein Quantum Post

11. November 2008, 17:56
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Wie viel und vor allem welche Post braucht der Mensch wirklich? Die jüngsten Unternehmens­pläne münden in Aktionismus, ein zukunfts­orientierter Servicebetrieb entsteht so nicht - Von Michael Böheim

Die Post hat Zukunft, wenn sie daran glaubt und richtig handelt: Michael H. Böheim.Foto: privat
Die Post ist auf vielfältige Weise Teil unseres täglichen Lebens. Dementsprechend emotional aufgeladen verläuft die aktuelle Diskussion um die Schließung von vielleicht 1000 Postfilialen in Österreich und den Abbau von kolportiert 9000 Arbeitsplätzen: Gemeinden kämpfen um "ihr Postamt", Volksbegehren werden initiiert, Klagen angedroht und so weiter.

Dieser aus der Verzweiflung geborene Aktionismus, der sich dem Zynismus einer unternehmerischen Strategie, die sich in bloßem Personalabbau und Filialschließungen zu erschöpfen scheint, wütend entgegenstemmt, wird die vollständige Liberalisierung des Postmarktes ab 2011 nicht verzögern oder gar stoppen können. Als börsennotierte, ergo gewinnorientierte Aktiengesellschaft muss die österreichische Post, die sich noch zu 51 Prozent über die ÖIAG im Besitz der Republik Österreich befindet, auf diese Marktveränderungen reagieren. Da diese Reaktion im Vergleich zu anderen europäischen Staaten sehr spät - wohl viel zu spät - erfolgt, werden die "Einschnitte" wenig überraschend gravierend ausfallen. Personalabbau und Filialschließungen allein werden aber zu wenig sein, damit die österreichische Post langfristig auf einem Wettbewerbsmarkt für Postdienstleistungen erfolgreich bestehen kann.

Liberalisierung als Chance

Was die österreichische Post benötigt, ist eine zukunftsorientierte Strategie als innovatives, markt- und serviceorientiertes Dienstleistungsunternehmen mit motivierten MitarbeiterInnen, das die Liberalisierung als Chance begreift und sich nicht vor dem kommenden Wettbewerb zu Tode fürchtet. Die Diskussionen der vergangenen Tage haben genau das Gegenteil gezeigt. Dass es auch anders gehen könnte, dafür liefern die nachfolgenden Vorschläge anekdotische Evidenz.

1. Daseinsvorsorge: Es gibt ein öffentliches Interesse an einer flächendeckenden Versorgung mit Postdienstleistungen. Diese Dienstleistung ist der Post von der öffentlichen Hand angemessen abzugelten. Die Postfiliale vor Ort ist aber nur eine, der "Postpartner" eine zweite Möglichkeit von vielen. Das Mitnehmen der Post durch den Briefträger, die Selbstaufgabe und -abholung sowie mobile Postämter wären weitere.

Diese Varianten zeigen exemplarisch, dass eine flächendeckende Versorgung mit Postdienstleistungen nicht unbedingt an ein ortsfestes Postamt gekoppelt sein muss. Wenn eine Gemeinde trotzdem "ihr" defizitäres Postamt behalten möchte, sollte das auch möglich sein, indem die Gemeinde der Post AG einen substantiellen Beitrag zur Abdeckung des Defizits leistet. Dann wird man sehr schnell sehen, wie wertvoll einer Gemeinde der Erhalt "ihres" Postamtes ist oder ob es nicht andere Prioritäten im kommunalen Budget gibt.

2. Filialnetz - Optimieren statt Ausdünnen: Das Filialnetz der Post ist ein wertvolles "Asset" , nicht nur eine Belastung, wie die aktuelle Diskussion zu suggerieren vermag. Daraus lässt sich Kapital schlagen. Ohne Filialnetz der Post wäre z.B. die zur Bawag gehörende PSK "ziemlich aufgeschmissen" . Da die im privaten Eigentum stehende Bawag-PSK ein massives Interesse an den Postfilialen als Vertriebsnetz hat, ist es nahe liegend, dass die Post für die Aufrechterhaltung des Filialnetzes eine Abgeltung erhält.

Die Postfiliale als Vertriebskanal könnte auch gegen Entgelt für andere Partnerunternehmen geöffnet werden. Wenn ein Greißler Postpartner werden kann, kann auch ein Postamt ein Greißler werden.

Was spricht eigentlich gegen eine Kooperation der Post mit einer großen Lebensmittelkette? Das gelbe Logo von Billa passt nicht nur gut zu Jet-Tankstellen ("Stopp & Shop" ), sondern auch zur Post ("Mail & Shop" ) - damit würde man in ländlichen Gegenden auch der Herausforderung der Nahversorgung innovativ begegnen können. Auf diese Weise könnte mit etwas Fantasie beziehungsweise unternehmerischer Vision aus defizitären Postfilialen lukrative "Points of Sale" werden.

3. Verlorene Märkte zurückerobern - neue Märkte erschließen: Das Paketgeschäft mit einigen großen Versandhändlern ging der Post nicht nur mangels preislicher Wettbewerbsfähigkeit verloren. Für Großkunden sind neue Produkte mit einer hohen Service- und Innovationskomponente zu entwickeln. Dann können auch verlorene Märkte (Pakete) zurück gewonnen und vermeintlich verlorene und offensichtlich gedanklich bereits "aufgegebene" (Briefe) gehalten werden. Andererseits gibt es noch immer Marktnischen, die noch nicht ausreichend besetzt sind. Versuchen Sie einmal bestimmte Wertgegenstände weltweit schnell, unbürokratisch und zum vollen Wert versichert zu versenden. Mit den bekannten privaten Kurierdiensten funktioniert das jedenfalls nicht - und die Post? Na ja.

Das Fazit ist ebenso klar wie ernüchternd: Wenn es nicht schnell gelingt, für die Post ein neues zukunftsorientiertes Geschäftsmodell zu etablieren, wird es bald heißen: Trari, trara, der Konkurs ist da. Dass man es anders machen hätte können, ist dann nur ein schwaches Quantum Trost. Aber vielleicht erbarmt sich ja dann die deutsche Post, wie die Lufthansa jetzt bei der AUA. Noch gäbe es Alternativen, noch. (Michael H. Böheim, DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)

Zur Person

Michael H. Böheim arbeitet als Industrie- und Wettbewerbsökonom in Wien.
Wie viel und vor allem welche Post braucht der Mensch wirklich? Die jüngsten Unternehmenspläne münden in Aktionismus, ein zukunftsorientierter Servicebetrieb entsteht auf solche Weise nicht.

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