Drohender Totalausfall nach Höhenflug

11. November 2008, 18:35
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Die Vorgänge rund die Immofinanz-Gruppe und Constantia Privatbank entwickeln sich zu einem Finanzskandal von bisher ungeahntem Ausmaß. Analysten erwarten einen Totalausfall der Immofinanz-Gruppe

Wien - Der Finanzskandal um Immofinanz, Immoeast, Constantia Privatbank (CPB) und AWD könnte zum größten Finanzskandal der zweiten Republik ausarten: Zwölf Milliarden Euro wurden bisher vernichtet. Etwa zwei Milliarden dürfte die Turnauer-Erbin Christine de Caselbajac durch den Verlust der Bank und die schlagend werdenden Haftungen abschreiben. Die Anleger haben bis jetzt um die zehn Milliarden verloren - gerechnet von den Höchst-Kursen der Immofinanz (12,54 Euro) und Immoeast (12,01 Euro). Mittlerweile haben die Papiere fast komplett an Wert verloren und notieren derzeit bei 0,39 Euro (Immofinanz) und 0,33 Euro (Immoeast).

Das System von CPB, Immofinanz-Gruppe und dem Strukturvertrieb AWD, der die Immoaktien den Anlegern quasi als Sparbuch-Ersatz verkaufte, funktionierte lange reibungslos. Doch vor wenigen Wochen war alles vorbei. Zunächst trat der langjährige AWD-Chef, Wolfgang Prasser, überraschend am 1. Oktober zurück. Karl Petrikovics, Chef der Immofinanz-Gruppe, tat es ihm am 6. Oktober gleich. Als CPB-Chef nahm er am 30. Juni den Hut.

In den Anfangsjahren der Immofinanz (Gründung: 1990) gab es nur Gewinner: Die Anleger bekamen ihren jährlichen Ertrag von rund neun Prozent, der AWD als Hauptverkäufer der Aktien lukrierte eine nicht unerhebliche Provision. Verdient haben zunächst alle Beteiligten: Die Immofinanz führte über Jahre Kapitalerhöhungen durch und hat im Wissen, wie viel der AWD vertreiben konnte, offensichtlich mehr Aktien begeben als am Markt unterzubringen waren. Diese "überschüssigen" Aktien dürften von der CPB gezeichnet und "auf Vorrat gelegt worden sein", meinen Insider, die CPB bestreitet das. Die Aktien dürften später je nach Bedarf zu laufend steigenden Kursen von der CPB an die Kunden des AWD weiterverkauft worden sein.

An der Kursdifferenz verdiente die CPB. Ein Sprecher der Bank meint, die CPB hatte ein Handelskonto für Immofinanz-Aktien, damit sie die Nachfrage bedienen konnte. Bis November 2007 konnten die Order börslich und außerbörslich erfolgen. Seit dem Stichtag müssen alle Orders über die Börse gehen. Den Immofinanz-Kurs hat im wesentlichen die CPB gemacht, und der aktuelle Tageskurs, zu dem der AWD die Papiere kaufte, war in boomenden Börsenzeiten höher als der Emissionskurs. Zuständig für den AWD in der CPB war Vorstand Norbert Gertner, der damals auch Vorstand der Immofinanz-Gruppe war. Als CPB-Marketingvorstand (verlässt mit Jahresende die CPB) hat Gertner die AWD-Leute geschult.

Gertner ist der Schwiegersohn von Ex-Wienerberger-Chef Erhard Schaschl, der zwischen 2003 und 2007 im Aufsichtsrat der Immoeast saß. Zwischen 1997 und 2006 war Schaschl auch im Aufsichtrat der Immofinanz. Laut Anmeldeverzeichnis der letzten Immofinanz-Hauptversammlung hält Schaschl 1,6 Prozent am Unternehmen.

Die Geschäfte gingen gut, bis zum Mai 2007, als Petrikovics und Gertner die Marktentwicklung offenbar falsch einschätzten. Sie gingen bei den anhaltenden Kursverlusten von einer vorübergehenden Markt-Delle aus, tatsächlich waren es die Vorboten der Subprimekrise, die den Aktienkurs immer tiefer drückte.

Das niederländische, auf Immofirmen spezialisierte Analystenhaus Kempen rechnet bei der Gruppe mit einem Totalausfall. Heuer werde der Immoeast-Verlust aufgrund umfassender Wertberichtigungen von 1,5 Mrd. Euro 1,44 Mrd. Euro betragen. Da die Banken nach der Übernahme der CPB auch das Management von Immofinanz und Immoeast kontrollieren, "werden sie versuchen, das den beiden Gesellschaften zur Verfügung gestellte Kapital zu retten". Im Klartext: "Wir bezweifeln, dass die Aktionäre in einer der beiden Gesellschaften irgendeinen Restwert erhalten werden."

Bankschulden

Im Detail sitzt die Gruppe auf Bankschulden von 5,4 Mrd. Euro. Die Bank Austria führt die Liste mit 906 Mio. an, dahinter Raiffeisen mit 780 und Erste Bank mit 386 Mio. Euro. Alles in allem machen die Verbindlichkeiten 6,1 Mrd. Euro aus, die Immobilien samt Immoeast-Beteiligung ergeben für den Immofinanz-Konzern aber nur 5,6 Mrd. Euro. "Eine Liquidation nur der Immofinanz ist somit nicht möglich", meint Kempen. (cr, as, DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)

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