"Politiker haben aus der AUA nichts gelernt"

11. November 2008, 17:17
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Industrie-Kapitän Veit Sorger attackiert die Regierung wegen Untätigkeit bei Post und Telekom. Überzählige Beamte könnte die Wirtschaft gut einsetzen, sagt er im Interview

STANDARD: Wie sehen Sie die Diskussion um Jobabbau bei der Post?

Sorger: Die Politiker haben aus der AUA nichts gelernt. Das gleiche Muster wiederholt sich leider wieder. Seit zwei Jahren wird auf die dramatische Situation bei Post und Telekom hingewiesen, wonach die Konzerne überbesetzt sind. Daher gab es auch den Vorschlag seitens der Organe der Post und Telekom, eine Agentur zu schaffen, bei der man dem Personal mit der Vermittlung von Beschäftigung eine neue Zukunft geben kann. Das wurde genauso wenig unterstützt, wie die jetzt notwendigen Maßnahmen.

STANDARD: Ist denn der Abbau des Personals alternativlos?

Sorger: Alles was wir jetzt nicht machen, rächt sich in kürzester Zeit um ein Vielfaches. Ich habe Respekt vor dem Management der Post und der Telekom, dass es trotz des Widerstands unbequeme Maßnahmen einleitet. Mit allen sozial verträglichen Begleitmaßnahmen.

STANDARD: Wem lasten Sie an, dass die Beamten-Agentur scheiterte?

Sorger: Der gesamten Regierung, sonst wäre der Plan ja längst umgesetzt worden. Jetzt zu sagen, das Management hätte nicht reagiert, ist nur die halbe Wahrheit. Im Endeffekt fehlte der politische Auftrag.

STANDARD: Ist es nicht der Spagat zwischen Infrastruktur-Auftrag und Kapitalmarktorientierung, der den Unternehmen zu schaffen macht?

Sorger: Ich habe nichts gegen den Versorgungsgedanken. Ich bin auch nicht für Privatisierung um jeden Preis. Es kann durchaus sein, dass man sich einen gewissen Einfluss durch eine staatliche Beteiligung sichert. Etwa mit 25 Prozent, 24 wären noch viel besser. Aber was wir heute haben sind politische Zurufe und Beschuldigungen auf Kosten von Belegschaft und Unternehmen.

STANDARD: Däumchen drehende Beamte - klingt nicht produktiv.

Sorger: Die Beamten-Agentur wäre angesichts des Mangels an Fachkräften ein gutes Instrument gewesen. Die Post- und Telekom-Mitarbeiter sind zu einem hohen Ausmaß in den gefragten Bereichen zuhause. Es bedarf natürlich einer gewissen Flexibilisierung der Mitarbeiter und der Gewerkschaft. Die Schaffung solcher Pools ist nicht allein selig machend, aber mit ein Schritt dazu, dass die Leute in Beschäftigung sind und nicht zuhause sitzen. Die Privatwirtschaft hätte Bedarf gehabt und der wird auch wieder kommen. Wir sind auch dazu bereit, zugunsten der Beamten auf Zuwanderung von Fachkräften zu verzichten.

STANDARD: Welche strategische Option bietet sich für die Telekom, nachdem aus der Fusion mit Orascom nichts werden dürfte?

Sorger: Das ist schade. Bei der Telekom kann der Staat weiter runter gehen. Selbst wenn die ÖIAG bei der Lösung, die angedacht war, auf zwölf Prozent geht, kann man für bestimmte Entscheidungen Absicherungen einbauen.

STANDARD: Sie sind seit Dienstag Präsident der Banken-ÖIAG, die Kapitalspritzen verabreicht. Es gibt bereits Kritik der EU an der Stützung der Erste Bank.

Sorger: Das Modell ist sehr gut und in sehr kurzer Zeit entwickelt worden. Es ist unsere Aufgabe, Brüssel davon zu überzeugen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)

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    Veit Sorger (66) ist IV-Präsident und der Banken-ÖIAG, davor war er Chef der Papiergruppe Frantschach/Mondi

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