Reportage: Premier Maliki pilgert zum Orakel von Najaf

11. November 2008, 17:48
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Politiker pilgern zu Großayatollah Ali al-Sistani nach Najaf, in die Heilige Stadt der Schiiten, um Rat einzuholen

Die wichtigste Frage zurzeit: Wie soll es mit den Amerikanern im Irak weitergehen?

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Die Tür geht auf, und eine Hundertschaft irakischer Soldaten strömt in die mit Kronleuchtern behangene Lobby des besten Hotels an dem Ort, das sich im Nu in ein Militärcamp verwandelt. Vor der Tür stehen zwei Frauen in zerlumpten schwarzen Abayas und strecken ihre Hände bettelnd den Uniformierten entgegen. Pilger schreiten zu dem nur wenige Meter entfernt liegenden Mausoleum des schiitischen Glaubensbegründers, Imam Ali, eines Schwiegersohns des Propheten Mohammed.

Najaf ist die heiligste Stätte der Schiiten, in die täglich bis zu 2000 Religionstouristen pilgern, die meisten aus Iran. Diesmal kommt Iraks Premier Nuri al-Maliki, zum dritten Mal während seiner dreijährigen Amtszeit. Gegen neun Uhr in der Früh rollen die schwarzen Limousinen in Richtung Innenstadt, vorbei am größten Friedhof Iraks, wo sich viele Schiiten beerdigen lassen, in der Nähe Alis.

Malikis Ziel ist jedoch ein eher unscheinbares Büro in einer kleinen Seitengasse unweit des Pilgerhofes. Dort gewährt Ali al-Sistani, der Großayatollah, dessen Konterfei mit langem, grauem Bart überall in Najaf präsent ist, seine Audienzen. Sistani ist nicht der einzige Großayatollah des Irak. Jedoch ist er aufgrund seiner Stellung in der "Hawza" , der schiitischen Religionsakademie von Najaf, der mächtigste schiitische Kleriker des Landes. "In Bagdad wird diskutiert, in Najaf entschieden", sagt Saad Fakhrildeen, der in der heiligen Stadt für die amerikanische Los Angeles Times arbeitet.

Unsichtbarer Ayatollah

Zwei Stunden sind vergangen, seitdem Maliki hinter der Absperrung in Sistanis Büro verschwunden ist. Es müsse also heiß diskutiert werden, mutmaßt ein Vertreter des staatlichen irakischen Fernsehsenders Al-Iraqiya. Inzwischen haben sich rund 20 Medienvertreter versammelt. Mikrofone und Kameras warten darauf, dass der Premier das Resultat der Konsultationen bekanntgibt. Den Großayatollah selbst hat seit langem kein Journalist mehr gesehen. Fotos von Ali al-Sistani sind mehr als zwei Jahre alt. Damals kursierte das Gerücht, er sei unheilbar erkrankt. "Das war das erste Mal, dass die uns zu einem Pressetermin einluden" , erinnert sich Saad Fakhrildeen, "um uns zu zeigen, dass er gesund ist."

Jeder, der im Irak irgendetwas zu sagen hat oder zu sagen haben will, fährt nach Najaf und hofft, dass der mächtige Sistani ihn empfängt. Der 78-jährige Kleriker soll auch Anteil daran haben, dass der Schiitenrebell Moktada al-Sadr nach den Kämpfen in Basra und Bagdad Ruhe gibt und jetzt im Iran religiöse Studien betreibt. Gerüchte besagen, Moktada werde im Iran auf die Übernahme des Landes vorbereitet. Ähnlich wie Ayatollah Khomeini in den Iran werde er in den Irak zurückkommen und eine islamische Revolution durchführen. Doch solange Sistani lebt, ist dies unwahrscheinlich.

Extrahürden für Frauen

Jetzt kommt Bewegung in die Journalistentruppe. Die Absperrung wird gelockert, und einer nach dem anderen darf eintreten. Jedoch ausschließlich Männer. Für Frauen werden Hürden aufgebaut, wie etwa, dass eine Haarsträhne aus dem schwarzen Schleier herausschaut oder dass es keine Frau für Leibesvisitationen gibt.
Erst als die Standard-Korrespondentin die irakische Verfassung anmahnte, die einen 25-prozentigen Frauenanteil am politischen Prozess vorschreibt, hebt sich die Schranke. Seit vier Jahren sei keine Journalistin mehr zugelassen worden, wissen die männlichen Kollegen. Doch weiter als bis vor die Tür des Sistani-Büros kommt keiner.

Einbindung des Parlaments

Dort sind ein Rednerpult und Ständer für die Mikrofone aufgebaut. Man habe sehr ausführlich über das Sicherheitsabkommen mit den USA diskutiert, sagt Maliki beim Verlassen des Büros mit reichlich geröteten Augen, die auf einen chronischen Schlafmangel schließen lassen. Der Ayatollah wolle das Votum dem Parlament überlassen, ergänzt der Regierungschef in seinem ihm eigenen leisen Nuschelton. Damit bleibt der Kleriker dabei, dass die Entscheidung auf eine breitere Ebene gestellt werden muss.

Ursprünglich sollte der US-Truppenstationierungsvertrag auf Regierungsebene zwischen Bagdad und Washington abgehandelt werden. Präsident George Bush wollte ihn unter Dach und Fach haben, bevor er im Jänner das Weiße Haus verlässt und bevor das UN-Mandat am Jahresende ausläuft. Doch daraus wird wohl nichts. Der vierte Entwurf liegt auf dem Tisch und noch immer ist keine Einigung in Sicht. Maliki gibt bekannt, dass er auch die Nachbarstaaten einbinden werde. Ob die US-Armee ihre Drohung wahrmachen werde und alle Aktivitäten einstellt, wenn das Abkommen nicht vor Jahresende unterzeichnet ist? Der Regierungschef zuckt mit den Schultern und steigt in die Limousine zum Flughafen. (Birgit Svensson aus Najaf/DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2008)

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    Malaiki bei einem Besuch am Schrein in Najaf

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