Unterforderung stresst Begabte

11. November 2008, 16:21
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Experten fordern mehr innere Differenzierung im Unterricht und eine bessere Ausbildung der Lehrer – Österreich unternehme zu wenig, um Hochbegabte zu fördern

Salzburg – Die Unterforderung von hoch begabten Schülern im Unterricht führe zu genauso schlimmen Stresssituationen wie die Überforderung ihrer lernschwachen Klassenkollegen – mit diesem Forschungsbefund ließ Willi Stadelmann, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz, beim 5. internationalen Kongress des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und Begabungsforschung Anfang November in Salzburg aufhorchen. „Wir schaffen, indem wir nicht fördern, psychische Auffälligkeiten, die wir später mit aufwändigen Therapien wieder ausbügeln müssen“, warnte er.

Die Antwort könne aber nicht sein, begabte Schüler von ihren Kollegen zu isolieren, sagt Stadelmann: „Wenn Sie 25 Schüler in einer Klasse haben, haben Sie 25 verschiedene Hirnstrukturen, 25 verschiedene Lernvorlieben und so weiter – da können Sie die Schüler selektieren, soviel Sie wollen.“ Die Lösung müsse vielmehr in der inneren Differenzierung und Individualisierung des Unterrichts liegen, fordert er: „Schule und Unterricht müssen Unterschiede zwischen den Kindern bejahen.“

Interesse wichtiger als IQ

Gegen die Abschottung von begabten Kindern aus der Regelschule sprach sich auch der Stargast des Kongresses aus, der US-amerikanischen Begabungsforscher Joseph Renzulli von der University of Connecticut. Es müsse erweiternde und vertiefende Lernangebote für alle Schüler geben, fordert er – schließlich seien die Interessen auch von begabten Schülern höchst unterschiedlich.

Auf keinen Fall solle man gewisse Schüler nach ihrem Intelligenzquotienten (IQ) aussondern und mit Förderunterricht belästigen, den sie womöglich gar nicht wollen – während andere Schüler, die an der IQ-Hürde knapp gescheitert sind, von der Förderung ausgeschlossen bleiben.

Förderung „auf Verdacht“

Ins gleiche Horn stieß Victor Müller-Oppliger von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz: Förderung müsse „auf Verdacht“ erfolgen, nicht erst ab einem IQ von 130 (den nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung erreichen). Das Stichwort heiße „Binnendifferenzierung“. Klassen zu überspringen, sei dagegen „eine Maßnahme, die kostengünstig und schnell ist, aber nicht immer die Probleme löst“.

Hälfte der Begabung ist vererbt

Aus Zwillings- und Adoptionsstudien könne man schließen, dass etwa 50 Prozent der Leistungsunterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen auf genetische Anlagen zurückzuführen seien, sagte Stadelmann. Das sei viel, aber längst nicht alles: „Es kann ein Mensch mit noch so großartigen Genen für Musik zur Welt kommen. Er wird nie automatisch Konzertpianist. Lebenslanges Lernen braucht lebenslange Stimulation.“

Dabei habe vor allem die Familie „eine Riesenverantwortung für die kognitive Entwicklung der Kinder“, denn gut 25 Prozent der Unterschiede gingen auf innerfamiliäre Einflüsse zurück. Der Rest, knapp ein Viertel, sei auf außerfamiliäre Faktoren zurückzuführen – in erster Linie auf die Schulbildung. „Es braucht eine intensive Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus in der Begabtenförderung“, schloss Stadelmann.

Frühförderung, nicht „Frühstress“

Aber schon lange vor dem Schuleintritt müsse Begabung gefördert werden. Begabung sei keine Konstante und keine „Gabe“, erklärte Stadelmann, sondern ein dynamischer Prozess, der aus der Wechselwirkung von Potenzial und Stimulation entstehe. Dennoch solle auch Frühförderung nicht in „Frühstress“ ausarten: „Man muss das immer kindgerecht machen.“

In Österreich werde die Leistungsspitze in den Schulen vergleichsweise nur sehr wenig gefördert, sagte Ernst Hany von der Universität Erfurt. Das schlage sich auch in den Ergebnissen des internationalen Schulleistungsvergleichs PISA nieder, wo Österreich etwa 2003 in Mathematik zwar insgesamt im guten Mittelfeld landete, die Spitzengruppe aber bei weitem hinter ihren Möglichkeiten zurückblieb.

50 Prozent der Begabten übersehen

Es brauche eine bessere Ausbildung für Lehrer, um begabte Schüler in ihren Klassen auch als solche zu erkennen, forderte Müller-Oppliger. Derzeit würden bis zu 50 Prozent der begabten Kinder einfach übersehen. Oft sei dies mit Routine-Effekten erklärbar. Man müsse den Lehrern beibringen, auch dort Begabungen zu suchen, wo sie nicht immer vermutet würden – etwa bei stillen, zurückgezogenen Mädchen oder lauten, störenden Burschen.

„Unterrichtspraktiken, die wir den Lehrern für den Umgang mit begabten Kindern anbieten, sollten auf empirischer Forschung beruhen“, forderte Renzulli. Um das sicherzustellen, müsse man die Ausbildung auf ein wissenschaftlicheres Niveau heben, ergänzte Stadelmann: „Lehrer müssen so ausgebildet werden, dass sie Forschungsberichte lesen können.“ Nur so sei der Transfer aktueller pädagogischer Forschungsergebnisse in die Praxis zu gewährleisten.

Unis sollen Lehrstühle einrichten

Für mehr aktuelle Forschungsergebnisse zur Begabtenförderung sollen unter anderem die Universitäten sorgen: Das Wissenschaftsministerium wolle die Unis dafür gewinnen, Professuren für Begabungsforschung einzurichten, kündigte der zuständige Sektionschef Friedrich Faulhammer an. Dass Interesse besteht, zeigten jedenfalls die Teilnehmerzahlen: Um die 600 Interessierte aus neun Nationen waren in Salzburg dabei. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 11.11.2008)

  • Unterforderung von hoch begabten  Schülern kann zu psychischen Auffälligkeiten führen, warnt Willi Stadelmann.
    foto: derstandard.at/peherstorfer

    Unterforderung von hoch begabten Schülern kann zu psychischen Auffälligkeiten führen, warnt Willi Stadelmann.

  • Klassen zu überspringen, sei zwar  „kostengünstig und schnell“, sagt Victor Müller-Oppliger. Die Probleme löse es  aber nicht.
    foto: derstandard.at/peherstorfer

    Klassen zu überspringen, sei zwar „kostengünstig und schnell“, sagt Victor Müller-Oppliger. Die Probleme löse es aber nicht.

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