Strom stinkt nicht

11. November 2008, 14:22
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Eine EU-Richtlinie verbietet Küchenabfälle an Schweine zu verfüttern - Deshalb produziert Vorarlberg nun damit und mit Gülle Energie

Biogas ist ein erneuerbarer Energieträger, der klimafreundlich und unabhängig von Jahreszeiten ist und bei der Herstellung wertvollen, organischen Dünger erzeugt. Außerdem sichert es den Bauern als Energiewirten ein zusätzliches wirtschaftliches Standbein. Vorarlberg ist in Österreich ein Vorreiter, was die Versorgungsdichte betrifft. Im Jahr 2007 wurden rund 4,7 Millionen Liter Küchenabfälle und Speisereste aus Gastronomie und Großküchen getrennt gesammelt. "Das entspricht 93,2 Prozent der anfallenden Menge des Abfalls", sagt Harald Feldmann von der Abteilung Abfallwirtschaft in Vorarlberg im Gespräch mit derStandard.at.

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"Wir haben schon früher die Küchenabfälle und Speisereste getrennt gesammelt und nach der Hygienisierung im Bereich der Schweinezucht verfüttert. Vor zwei Jahren hat die EU dem einen Riegel vorgeschoben", sagt Feldmann. Seit Inkrafttreten der EU-Richtlinie zur Bekämpfung der Schweinepest ist es verboten das Material zu verfüttern. Daher war es notwendig, dass die Vorarlberger Landesregierung das im Jahre 1995 erstelle "Sautrankkonzept" dahingehend anpasst. "Jetzt steht die energetische Nutzung im Vordergrund, indem die größten landwirtschaftlichen Betriebe, die früher das Material verfüttert haben, Biogasanlagen gebaut haben", sagt Feldmann.

Einen Kreislauf herstellen

Die EU-Verordnung besagt, dass diese Abfälle entweder vergärt oder kompostiert werden müssen. In Vorarlberg werden sie zur Gänze in landwirtschaftlichen Biogasanlagen vergärt. "In einigen Bundesländern wird das auch so ähnlich praktiziert, zum Beispiel in Niederösterreich oder es gibt ein paar Anlagen in Salzburg. Aber die Anlagendichte ist in Vorarlberg mit Abstand die größte", informiert Feldmann. Im Moment gebe es rund 28 Biogasanlagen, die in Betrieb sind. Davon verwerten neun Küchenabfälle und Speisereste. Das Material kommt aus Gastronomie und Großküchen von Pflegeheimen, Spitälern und Kasernen, aber auch aus Nahrungsmittelindustrie. "Wir verwenden aber keine Küchenabfälle aus dem Haushaltsbereich", sagt Feldmann.

Dadurch lasse sich ein Kreislauf herstellen: Einerseits wird die Energie aus dem Material herausgeholt, andererseits kann auch das Substrat genutzt werden, dass aus der Vergärung hervorgeht. Es ist ein hervorragendes Düngemittel. Denn eine Hauptaufgabe der Biogasanlagen ist die Güllevergärung, damit der Mist nicht im Urzustand auf die Felder und Äcker kommt. "Nach der Vergärung ist der Dünger bodenverträglicher und die Geruchsbelastung verschwindet, da der Ammoniak bei der Vergärung in bodenverträglichen Stickstoff umgewandelt wird", erklärt Feldmann den Doppelnutzen.

Wie im Magen einer Kuh

Biogas ist ein Gemisch aus Methan und Kohlenstoffdioxid, das bei der sauerstofffreien (anaeroben) Vergärung von organischem Material entsteht. Der Abfallwirtschafts-Experte erklärt den Verarbeitungsprozess: "Die Biogas-Herstellung funktioniert so, dass die Speisereste an landwirtschaftliche Betriebe angeliefert werden, dort werden sie in einen Behälter gekippt und durch einen Zerkleinerer geschickt. Denn der Abfall muss eine gewisse Größe aufweisen. Danach werden sie in einen großen Kochtopf gebracht, wo das Material hygienisiert wird."

Denn die EU-Verordnung besagt, dass das Material Tierseuchen-sicher sein muss und wird daher 60 Minuten bei 95 Grad abgekocht. Danach wird es in einen Fermenter in der Biogasanlage eingebracht wo anaerobe Vergärung stattfindet. Bei dem Vergärungsprozess entsteht das Biogas, dessen Hauptbestandteil Methangas ist. Dieses Biogas wird anschließend dem Fermenter entzogen und einem Gasmotor zugeführt. Der Motor treibt einen Generator an, der das Biogas verstromt.

Schwachstelle und Kritikpunkte

Schwachstelle sei (noch) der Wirkungsgrad, meint Feldmann: Bis zur Umwandlung in den Strom ergeben sich hohe Verluste durch die Umwandlungskette. "Da sind weitere technische Verbesserungen nötig", sagt er. In Deutschland gibt es jedoch auch Kritikpunkte am erneuerbaren Energieträger Biogas: Umweltverbände und Tierschützer kritisieren, dass Biogasanlagen Massentierhaltung und große Ställe rechtfertigen könnten. Auch der verstärkte Anbau von Energiepflanzen speziell für die Biogasgewinnung könnte zum Artenschutzproblem werden und den Anbau von Monokulturen wie Mais fördern. Und seit die Bauern das Gras vergären, anstatt zu Heu zu machen, wird es früher geschnitten. Das wirkt sich negativ auf die Artenzahl der Pflanzen- und Tierwelt aus.

Auf das Maß kommt es an. Das bestätigt auch Harald Feldmann. So bestehe kein Bedarf, weitere Kapazitäten zu schaffen. "Wir haben in Vorarlberg einen Stand erreicht, dass der Bestand an Biogasanlagen nicht mehr weiter wachsen wird. Denn das Material, das zur Verfügung steht, ist ausgereizt. Die Tiere werden nicht mehr und die biogenen Materialien sind auch ausgeschöpft." (jus, derStandard.at, 12. November 2008)

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    Diese Kuh erzeugt erneuerbare Energie

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