30 Jahre Krisenintervention

11. November 2008, 14:16
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1.280 Menschen starben vergangenes Jahr durch Suizid - Pro Jahr hat das das Kriseninterventions- zentrum in Wien 1.500 persönliche Kontakte und 2.600 Telefonanrufe

Wien - Untrennbar verbunden mit dem Wiener Psychiater Erwin Ringel: Das Wiener Kriseninterventionszentrum feiert am Donnerstag seinen 30. Geburtstag. Pro Jahr werden rund 1.500 Suizidgefährdete persönlich, rund 2.600 Personen in akuten Krisensituationen am Telefon betreut.

Früher 'Lebensmüden-Fürsorge'

Ringel-Schüler und Mitstreiter Gernot Sonneck, schilderte die lange Geschichte dieser international renommierten Einrichtung in Wien-Alsergrund einmal so: "Natürlich ist das Kriseninterventionszentrum untrennbar mit Ringel verbunden. Er gründete 1947/48 mit Unterstützung der Caritas die 'Lebensmüden-Fürsorge'. Zum überwiegendsten Teil wurden dort Menschen nach einem Suizidversuch betreut." Sonneck und andere Fachleute entwickelten schließlich das Konzept des Kriseninterventionszentrums, das 1977 in der neuen Form seinen Betrieb aufnahm.

Mehr Männer betroffen

In Österreich haben sich 2007 exakt 965 Männer und 315 Frauen das Leben genommen. Damit ist die Zahl der Suizidopfer noch immer höher als jene der Verkehrsunfälle. Die Suizidrate bei Männern beziehungsweise Frauen liegt in einer Relation von 3:1. Frauen kommen offenbar ganz generell mit Lebenskrisen besser zurecht. "Das hängt vermutlich viel mit der Sozialisation zusammen", sagte Claudius Stein, Ärztlicher Leiter des KIZ. "Frauen haben eher gelernt, auf Hilfe zurückzugreifen, während bei Männern noch immer die Einstellung 'Ich muss mit meinen Problemen selbst fertig werden', dominiert", fügte er hinzu. Noch dramatischer ist die Situation bei den Männern über 85 Jahren, die mit 112,6 Opfern pro 100.000 und Jahr eine fünfmal höhere Suizidrate als die Männer insgesamt (24,7 pro 100.000) haben.

Suizidgefahr in Lebenskrisen

"In der klinischen Praxis erleben wir häufig ältere Menschen in akuten psychosozialen Krisensituationen, die sehr ernsthaft suizidal werden", berichtete Stein aus seiner täglichen Praxis. Krisen im Alter können durch Todesfälle, schwere Krankheiten, veränderte und subjektiv als belastend erlebte Lebensumstände ausgelöst werden. Dazu gehören etwa Schwierigkeiten in Beziehungen, Ausscheiden aus dem Berufsleben und der damit verbundene Verlust von Macht und Einfluss oder zunehmende körperliche Beeinträchtigung, die zu steigender Abhängigkeit führt. Pflegebedürftigkeit ist offenbar eine jener Einschränkungen des hohen Lebensalters, die von Betroffenen am meisten gefürchtet wird.

Suizidzahlen gingen zurück

In den vergangenen Jahren ging die Zahl der Suizide in Wien genauso wie in ganz Österreich zurück. Einen gewissen Einfluss dürfte auch eine verantwortungsvolle und zurückhaltende Berichterstattung in den Medien haben. Dennoch gab es 2007 in ganz Österreich noch immer 1.280 Suizidfälle, davon in Wien 230. Im europäischen Vergleich ist Österreich dabei im Mittelfeld angesiedelt. "Dies ist ein eindeutiger Hinweis auf die Wichtigkeit von suizidpräventiven Maßnahmen und insbesondere von professioneller psychosozialer Unterstützung in Lebenskrisen."

Doch die Arbeit des Kriseninterventionszentrums wird schwieriger. Der Experte: "Wir stellen in unserer täglichen Arbeit fest, dass Krisensituationen zunehmend komplexer und schwieriger werden. Das kommt daher, weil immer öfter gleichzeitig mehrere wichtige Lebensbereiche von der Krise betroffen sind. Damit wird auch die Betreuung der Klienten komplizierter und intensiver."

Betreuungsangebot

Das Kriseninterventionszentrum bietet auch Hilfe bei akuten familiären oder anderen  Beziehungskonflikten, drohendem Partnerverlust oder Trennung und schwerer Krankheit. Auch bei Gewalterfahrungen oder -androhungen, traumatischen Erlebnissen oder Arbeitsplatzverlust kann man sich an das Zentrum wenden. (APA/red)

Service

Kriseninterventionszentrum, 1090 Wien, Lazarettgasse 14 (Objekt A),
Montag-Freitag 10.00 bis 17.00 Uhr (persönliche Beratung bis 16.00 Uhr)
Tel. 01/4069595-0

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Kriseninterventionszentrum

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    Das Kriseninterventionszentrum holt Menschen in der Krise ab, suizidpräventive Maßnahmen und zurückhaltende mediale Berichterstattung helfen die Suizidzahlen zu senken

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