Betriebsrat fordert Telekom-Gipfel

11. November 2008, 17:49
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In einem offenem Brief wendet sich die Belegschaft an Faymann und Pröll, die Personalvertretung warnt vor negativen Auswirkungen, TA-Chef Nemsic kontert

Wien - Der geplante Jobabbau in den nächsten Jahren empört die Belegschaft. Telekom-Betriebsratschef Michael Kolek macht seinem Unmut in einem Offenen Brief an SPÖ-Chef und Verkehrsminister Werner Faymann und ÖVP-Boss Josef Pröll Luft.  ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis und Konzernchef Boris Nemsic  würden "ein Schreckensszenario vorgaukeln, um auf diese Weise von der Politik übereilte Entscheidungen zu erpressen". Kolek fordert einen Telekom-Gipfel, die Ablöse von ÖIAG-Vorstand Michaelis und eine neue Perspektive für das Festnetz.

Telekom-Austria-Chef Boris Nemsic hat am heutigen Dienstag ein düsteres Bild der Wirtschaftlichkeit des Marktführers als Antwort auf den Offenen Brief des Betriebsrates gezeichnet: "Die Entscheidung des Vorstandes, umfangreiche Kostensenkungsmaßnahmen im Festnetz umzusetzen, beruht darauf, dass seit dem Jahr 2004 600.000 Festnetzanschlüsse abgemeldet worden sind. 42 Prozent der österreichischen Haushalte telefonieren ausschließlich mit dem Handy. Nur mehr ca. 25 Prozent aller Telefonminuten in Österreich werden über das Festnetz geführt, 2004 waren es noch 55 Prozent. Dagegen steigen die Personalkosten im Telekom Austria Festnetz um jährlich 5 Prozent oder 25 Mio. Euro bei gleich bleibendem Personalstand."

Die Entwicklung im Festnetz zeige, dass beim derzeitigen Trend ein negatives Betriebsergebnis in absehbarer Zeit erreicht werde und damit das Unternehmen investitionsunfähig werde. Mit den beschlossenen Kostensenkungsmaßnahmen solle dies verhindert werden. Darüber hinaus solle Spielraum für zukünftige Investitionen geschaffen werden, so der Telekom-Chef.

Nemsic bestritt weiters die Zahlen des Betriebsrates: "Die Rückstellungen belasten das Unternehmen mit 630 Mio. Euro und werden im Jahr 2008 zu einem Nettoverlust führen. Von einem Milliardengewinn zu sprechen ist völlig falsch."

Die Personalvertretung habe in der Vergangenheit genau jene wichtigen Schritte verhindert, die jetzt die teuren Personalmaßnahmen notwendig machen würden. Nemsic: " Zum Beispiel wurde die von der ÖIAG gestaltete Beschäftigungsagentur, wie auch jede Flexibilisierung des Dienstrechtes abgelehnt und verhindert. Auch die Ausdehnung der Normalarbeitszeit und somit einer Verbesserung des Services für die Kunden von Telekom Austria wurde bekämpft und ist noch immer nicht so möglich wie es die Kunden wünschen."

Auszüge aus dem Brief

Sehr geehrter Herr Minister Faymann, sehr geehrter Herr Minister Pröll,

Die österreichische Bevölkerung hat allen Grund zur Sorge um die Zukunft ihres Telefonanschlusses. Der Grund: Das Management von ÖIAG und Telekom Austria droht wieder einmal mit einem massiven Kahlschlag im Festnetz. Auch wenn die Werbung ein anderes Bild vermittelt: Für breite Bevölkerungsschichten, aber auch für das Handy-Telefonieren ist das Festnetz die Nabelschnur der heimischen Kommunikation.

Unser Aufsichtsratschef, ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis und unser Konzernchef Boris Nemsic wollen diese Verbindung nun offenbar endgültig kappen. Sie nützen, scheint's, die Zeit des politischen Neustarts, um Ihnen ein Schreckensszenario vorzugaukeln und auf diese Weise von der Politik übereilte Entscheidungen zu erpressen.
Ohne Skrupel spielen Michaelis und Nemsic mit dem Schicksal tausender MitarbeiterInnen und ihrer Familien. Gleichzeitig gefährden sie dadurch ausgerechnet in der schwierigen Konjunkturlage den Wirtschaftsstandort Österreich und die Infrastruktur des Landes. Profitieren werden davon nur einige wenige Heuschrecken und die Manager selbst, die den Hals offenbar nicht voll bekommen.

[...]
Einmal spricht das Management von 500 überzähligen MitarbeiterInnen, dann wieder von 1.250 und zwischenzeitlich sogar von 3.000 - das wäre ein Drittel der gesamten Festnetzbelegschaft! Wer in letzter Zeit in einer unserer Warteschleifen gehangen ist oder auf einen Anschluss gewartet hat, weiß, dass sämtliche dieser Planspiele längst jeglicher Realität entbehren. Weder die Aufrechterhaltung des Telefonbetriebes noch die Betreuung der Telekom-KundInnen könnten dann noch garantiert werden.
So sieht die Realität aus: Auf Kosten von Service, am Rücken der MitarbeiterInnen und der KundInnen wird die Telekom Austria in diesem Jahr neuerlich fast eine halbe Milliarde Euro - exakt 433 Millionen Euro - Nettogewinn erwirtschaften. Operativ (auf EBITDA-Basis) wird die Telekom Austria-Gruppe die Gewinne heuer wieder auf fast 2 Milliarden Euro steigern, das österreichische Festnetz wirft 620 Millionen Euro ab. Die Telekom Austria wird deshalb auch im nächsten Jahr 350 Mio. Euro Dividende an die AktionärInnen ausschütten.
Das beweist, was das Management auch selbst erklärt: Keine der Befürchtungen ist „cash-wirksam" sprich „real". Das bedeutet, sämtliche Gewinnwarnungen und Horror-Szenarien sind rein virtuell und dienen dazu, den Gewinn zu Lasten der österreichischen Grundversorgung noch weiter in die Höhe zu treiben.
[...]
Weitere Kahlschläge lösen keine Probleme, sondern werden die Lage nur weiter verschlechtern. Am Ende steht womöglich der Verkauf des Mobilfunks und die Reverstaatlichung des Festnetzes. Die Zeche zahlt der Steuerzahler.
Darum brauchen wir dringend einen Telekom-Gipfel mit internationalen ExpertInnen aus der Branche, um von ihnen die notwendigen Antworten auf die Herausforderungen im Festnetz zu erhalten - Antworten, um die sich in der Telekom Austria offenbar keiner mehr kümmert. Wir fordern Sie deshalb auf, den schon längst rücktrittsreifen Aufsichtsratsvorsitzenden und ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis auszuwechseln und dem Festnetz mit echten Fachleuten und einer Anschubfinanzierung eine neue Perspektive zu geben.
Wir von der Telekom-Belegschaft werden jedenfalls alle uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen ausschöpfen, um die Zerstörung der österreichischen Infrastruktur und Vernichtung tausender Arbeitsplätze in der Konjunkturkrise zu verhindern. Wir hoffen auf Ihre Unterstützung, damit die Telekom Austria und ihre MitarbeiterInnen die flächendeckende Telefon-Versorgung Österreichs auch in Zukunft sicherstellen kann. (red)

 

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