Zehnjährige eine "Frau des Jahres": Ihr Lebensziel ist "Nie mehr heiraten"

11. November 2008, 18:21
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Die kleine Jemenitin Nojud Ali wurde zwangsverheiratet und konnte Scheidung durchsetzen - Kopf des Tages

Seit September tut Nojud Ali wieder das, was alle Zehnjährigen tun sollten: Sie drückt die Schulbank. Seit Montag ist die kleine Jemenitin aber auch eine "Frau des Jahres", ein Titel, den das US-Magazin Glamour vergibt.

Zwangsverheiratet

Mit "Glamour" hatte ihre Geschichte bisher wenig zu tun, sondern mit dem Elend dieser Welt, das Mädchen in tribalen islamischen Gesellschaften oft besonders hart trifft. Nojud Ali trat im April dieses Jahres in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, als sie in Sanaa ihrem 30-jährigen Ehemann, genauer gesagt ihrem Vergewaltiger und Misshandler, davonlief. Ihr Vater hatte sie zwangsverheiratet: Er behauptete später, kein Geld für seine Tochter verlangt zu haben – was ihm niemand glaubt – sowie dem Mann das Versprechen abgenommen zu haben, das Kind vor der Geschlechtsreife nicht anzurühren – was dieser bestreitet.

Ehemann finanziell entschädigt

Nach monatelangem Martyrium in ihrer "Ehe" setzte sich Nojud auf Anraten ihrer Tante in einen Bus und fuhr zum Gerichtsgebäude der jemenitischen Hauptstadt. Da hatte sie zum erstenmal ein bisschen Glück: Ein entsetzter Richter nahm sie mit zu sich nach Hause, eine Anwältin, Shada Nasser, übernahm mit Hilfe von NGOs und Bürgerrechtsbewegungen Fall und Kosten. Schließlich musste bei der Scheidung der Ehemann finanziell entschädigt werden.

Hoffnungsträgerin

Nojud, die auf eigenen Wunsch heute wieder bei ihren Eltern lebt und "nie mehr heiraten" will, ist zur Hoffnungsträgerin für andere mit dem gleichen Schicksal geworden: Kurz nach ihr tauchte die 9-jährige Arwa auf, heute ebenfalls geschieden.

Aber nicht immer sind die Gerichte auf der Seite der Opfer. Das jemenitische Gesetz sieht zwar ein Heiratsalter von 15 vor, mit Einwilligung des Vaters und unter bestimmten Bedingungen – einer gewiss oft nur theoretischen Zusage eines erst späteren Vollzugs – werden Mädchen aber auch früher verheiratet.

Stammeskultur in die Städte importiert

Jemen ist nicht das einzige Land, in dem tribale Gewohnheitsrechte oft schwerer wiegen als das staatliche Recht. Aber Jemen ist auch ein Lehrbuchbeispiel für jene islamischen Länder, in denen der teilweise von Jihadisten errungene Sieg über den Kommunismus zu einem Erstarken der konservativsten Kräfte der Gesellschaft geführt hat. Und der Vater Nojuds ist ein Prototyp für den Landflüchtling, der seine Stammeskultur in die Städte importiert: Der Bettler und Vater von 16 Kindern begründete die Verheiratung Nojuds damit, dass eine seiner Töchter in einer Stammesfehde entführt und entehrt worden und eine andere im Zug dieses Dramas im Gefängnis gelandet war. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.11.2008)

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    Foto: APA/AP/Jason DeCrow

    "Frau des Jahres" Nojud Ali ist zehn und geschieden. Hier im Bild mit ihrer Anwältin Shada Nasser bei der Preisverleihung am Montagabend.

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