Libeskind-Entwurf erfolgreich

8. September 2003, 22:38
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Opfer-Familien fühlten sich bei THINK-Modell zu sehr an Leiden der Toten erinnert

New York - Der Entwurf von Daniel Libeskind für ein neues World Trade Center hat sich nach Angaben der "New York Times" auch deshalb gegen Mitbewerber durchgesetzt, weil er wirtschaftliche und bautechnische Überlegungen am stärksten berücksichtige. Bei der Entscheidung sei es dagegen "nicht so sehr um die Architektur oder um ein einzigartiges Denkmal" für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 gegangen, schrieb die Zeitung am Freitag unter Berufung auf Informationen aus dem Auswahlkomitee.

New Yorks einflussreicher Bürgermeister Michael Bloomberg, der als erfolgreicher Unternehmer über wirtschaftlichen Sachverstand verfügt, habe deshalb den Libeskind-Entwurf bevorzugt. Er habe dem "Straßenleben den Vorzug gegeben, das nach dem Libeskind-Plan entstehen soll, einschließlich einer vibrierenden Plaza als neuer Knotenpunkt von Kommerz und Kultur".

Für die Verantwortlichen bei der New Yorker Port Authority, der das WTC-Grundstück gehört, sei zudem die ingenieurtechnische Machbarkeit ausschlaggebend gewesen. Die sei von Libeskind im Vergleich zu fantasievolleren Vorschlägen anderer Architekten noch am ehesten gegeben, hieß es in Kreisen der Port Authority. Die kommerzielle Nutzbarkeit und die bautechnische Realisierbarkeit bei einer einigermaßen überschaubaren Kosten-Nutzen-Rechnung sei auch dafür entscheidend gewesen, dass sich der Gouverneur des Bundestaates New York, George Pataki, für den Libeskind-Entwurf stark gemacht habe.

"Fußabdrücke"

Zudem sei bei Familien der nahezu 2.800 Opfer die von Libeskind vorgesehene Denkmalsgestaltung besser angekommen. In Gesprächen mit Bloomberg und Pataki hatten Vertreter von Hinterbliebenen an dem am Ende zweitplatzierten Entwurf des Architektenteams THINK bemängelt, dass dessen "skelettartige verdrehte Türme" zu sehr daran erinnert hätten, was die Opfer der Anschläge vor ihrem Tod in den brennenden Zwillingstürmen durchmachen mussten.

Nach den Vorstellungen Libeskinds werden die beiden "Fußabdrücke" der zerstörten Zwillingstürme und die mächtige Bodenwanne, die das WTC vor Grundwasser schützte, inmitten eines Ensembles, aus dem ein Wolkenkratzer hervorragt, unbebaut bleiben. Diese tiefe Grube sei der angemessene Platz für ein Mahnmal, erklärte er. Roland W. Betts vom THINK-Team räumte gegenüber der "New York Times" ein, er habe nicht erkannt, dass viele Menschen in seinen spiralförmig ineinander verdrehten Türmen "die Skelette der Original-Türme sehen würden und damit eine ständige Erinnerung an den Angriff und an den Tod".

Aus kommerzieller Sicht ist der Libeskind-Entwurf auch deshalb eher für eine Verwirklichung geeignet, weil er im Vergleich zum THINK-Modell mehr Gestaltungsraum im Zentrum und Umfeld des WTC-Areals lässt. Damit könne besser auf Wünsche und Überlegungen von Investoren eingegangen werden, hieß es im Büro von Larry A. Silverstein, der die WTC-Türme von der Port Authority geleast hatte und damit auch der wichtigste Bauherr bei der Neugestaltung ist.

Silverstein hatte immer wieder betont, er habe am Ende das Recht zu entscheiden, was tatsächlich gebaut wird und was nicht. Darüber wird in den nächsten Monaten zu entscheiden sein. Einbezogen sind - abgesehen von den Investoren, der Port Authority, dem Bürgermeister und dem Gouverneur - auch zahlreiche Interessenverbände von New Yorker Bürgern sowie von Hinterbliebenen der Terroropfer.

(APA)

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