Im schrumpfenden Reich der Knochenleserin

10. November 2008, 19:33
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Im Naturhistorischen Museum wird derzeit an Gebeinen erforscht, wohin Menschen vor tausenden Jahren auswanderten

Wien - Die Wände sind mit beinahe bis zur Decke reichenden Regalen verstellt. Den Besucher starren hunderte Schädel durch die Vitrinenscheiben aus dunklen Augenhöhlen an. Mitarbeiter der Anthropologischen Abteilung im Naturhistorischen Museum (NHM) Wien nennen diesen Raum "Schädelsaal".

"Knochen sind unsere Quellen aus Zeiten, von denen es noch keine Aufzeichnungen gibt", sagt Maria Teschler-Nicola, die seit 1998 die Anthropologische Abteilung im NHM leitet. "Man kann daraus ablesen, was der Mensch gegessen hat, Krankheiten, Erbschäden, Vitaminmängel", sagt sie.

Dass so mancher die Abteilung als "zweitgrößten Friedhof Wiens" bezeichnet, weil hier 40.000 menschliche Gebeine lagern, hört Teschler-Nicola gar nicht gern. "Wir sind eine wissenschaftliche Abteilung mit ganz konkreten Fragestellungen", sagt die Expertin, nimmt ein Stück Beckenknochen in die Hand und stellt fest: "Männlich, erwachsen, rund 30 bis 40 Jahre alt geworden."

Für die Feinanalyse der im Besitz des NHM befindlichen Funde, die großteils im 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht wurden, gibt es mehrere Möglichkeiten: Knochen können für die histologische Analyse in Scheibchen geschnitten, ins AKH zur Computertomografie gebracht oder chemisch untersucht werden. Je mehr Daten über eine Epoche zusammengetragen werden, desto mehr weiß man über Kindersterblichkeit, durchschnittliche Lebenserwartung und Verwandtschaftsbeziehungen des frühen Menschen.

Mit der Boku Wien gibt es zudem ein Projekt, bei dem Isotope in mineralischen und organischen Funden untersucht werden. Daraus lässt sich ablesen, ob es sich um Knochen zugewanderter Menschen oder autochthoner Bevölkerung handelt.

Neben diesen fachlichen sind ethische Fragen Teschler-Nicola "sehr wichtig. Wir können nicht so tun, als hätten die Objekte keine Geschichte", sagt sie. "Wenn wir feststellen, dass etwas zum Beispiel durch Raub in unseren Bestand gelangt ist, wird es nicht weiter für die Forschung verwendet."

Wie zum Beweis stehen in ihrem Arbeitszimmer unter einem Tisch zwei Kartons zur Abholung bereit. In den Kisten liegen die Überreste von 17 Aborigines, die ihren Nachfahren möglichst bald zurückgegeben werden sollen. Die Knochen sind im 19. Jahrhundert, als die Anthropologie viel Forschungsmaterial von Expeditionen in ferne Länder mitgehen ließ, nach Wien gebracht worden.

Auch der NS-Vergangenheit der Anthropologie hat sich Teschler-Nicola ausgiebig gewidmet. 1999 gab das Wiener Museum Knochenreste von Widerstandskämpfern an Polen zurück. Acht Jahre zuvor wurden Skelettreste an die Israelitischen Kultusgemeinde rückerstattet.

Schädel im Tresor

Neben den Kisten mit australischen Knochen befinden sich in Teschler-Nicolas Büro auch die größten Schätze der Abteilung. Im Tresor liegt etwa der mit 31.000 Jahren älteste Schädel des Museums. Unter einem Drahtgestell, bedeckt von zwei weißen Tüchern, ist ein weiterer Schatz verborgen: Die zwei Säuglinge vom Wachtberg nahe Krems. Die Knochen der Zwillinge wurden 2005 gefunden und sind nicht nur wegen ihres Alters von rund 27.000 Jahren ein sensationeller Fund, sondern auch, weil sie rituell unter einem Mammutschulterblatt bestattet wurden. "Der Fund ist weltweit einmalig", sagt Teschler-Nicola.

Trotzdem oder gerade deshalb hat sie ihn noch immer nicht ganz aus dem Bodenmaterial geschält. "Ich habe es nicht übers Herz gebracht", erzählt die Wissenschafterin. Sie hoffe, dass die Computer-Tomografie sich noch verbessere. "Dann kann ich vielleicht in ein paar Jahren schonender mehr aus den Knochen lesen." (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 11. 11. 2008)

  • Maria Teschler-Nicola, Leiterin der Anthropologischen Abteilung im NHM, will sich ethischen Fragen stellen
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    Maria Teschler-Nicola, Leiterin der Anthropologischen Abteilung im NHM, will sich ethischen Fragen stellen

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