"Ein Kahlschlag kann nicht die Antwort sein"

10. November 2008, 19:08
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Werner Muhm, Arbeiterkammerdirektor und Berater von SPÖ-Chef Werner Faymann, verlangt im STANDARD-Interview ein Köpferollen bei Post und ÖIAG

Werner Muhm, Arbeitkammerdirektor und Berater von SPÖ-Chef Werner Faymann, verlangt ein Köpferollen bei Post und ÖIAG. Was die künftige Regierung besser machen soll, erklärt er Gerald John.

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STANDARD: Was soll eine neue Regierung tun, um die Post zu retten?

Muhm: Zuallererst die Köpfe austauschen. Die ÖIAG hat als Eigentümervertreter der Republik versagt, bei Controlling, Strategie und Personalauswahl. ÖIAG-Chef Peter Michaelis hat bewiesen, überfordert zu sein. Er sollte ebenso abtreten wie Post-Direktor Anton Wais - fürs Zusperren und Zusammenschneiden brauchen wir keine hochbezahlten Manager. Michaelis & Co fuhrwerken bei AUA, Telekom und Post so dilettantisch, dass ich mich langsam frage, ob politische Absicht dahintersteckt.

STANDARD: Welche Absicht?

Muhm: Die ÖIAG ist zur Spielwiese von Industriellenvereinigung und Teilen von Schwarz-Blau alt verkommen. Es scheint, als soll nun bewiesen werden, dass der Staat nicht wirtschaften könne - um am Ende alles zu verkaufen. Im Aufsichtsrat sitzen fanatische Privatisierer. Verantwortlich dafür ist auch Finanzminister Wilhelm Molterer, der Michaelis verlängert hat. Eine neue Regierung muss Leute einsetzen, die das Vertrauen beider Regierungspartner genießen. Es geht nicht um die ideologische Frage Staat oder privat, es geht um eine langfristige Strategie. Die Post ist ein öffentliches Unternehmen mit dem Auftrag, ein flächendeckendes Service zu garantieren.

STANDARD: Muss die Post wegen privater Konkurrenz nicht sparen?

Muhm: Natürlich muss die Post effizient wirtschaften. Aber ein Kahlschlag bei Filialen und Personal kann nicht die Antwort sein - es sei denn, man will den ländlichen Raum entvölkern. Das Management ist völlig ideenlos. Die Post hat mit den Versandhäusern die wichtigsten Kunden verloren - doch wo ist die Marktoffensive, um diese zurückzuholen? Ich frage mich, was das Unternehmen tut, außer Briefmarken zu drucken.

STANDARD: Wie soll die Post überleben, wenn sie in jedes Tal liefern muss, während sich die Billigkonkurrenz die lukrativen Jobs krallt?

Muhm: Erstens brauchen wir einen Kollektivvertrag, an den sich alle Anbieter halten müssen. In Deutschland etwa beschäftigen die Rivalen der Post zu 40 Prozent Hartz-IV-Empfänger - das ist Schmutzkonkurrenz. Zweitens müssen die Privaten dazu verpflichtet werden, den vollen Versorgungsauftrag zu erfüllen. Oder sie zahlen via "Burden Sharing" eben Kompensation an die Post. Allerdings ist die Post selbst auch ein getriebenes Unternehmen.

STANDARD: Inwiefern?

Muhm: Der Börsengang hat den Druck gesteigert, immer höhere Renditen zu erwirtschaften - genauso wie bei vielen anderen Betrieben. Da werden Filialen stillgelegt und profitable Unternehmensteile geschlossen, weil sie nicht zwölf Prozent, sondern eben nur sechs Prozent Rendite abwerfen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2008)

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    Muhm: "Natürlich muss die Post effizient wirtschaften. Aber ein Kahlschlag bei Filialen und Personal kann nicht die Antwort sein."

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