Reise zum Mittelpunkt der Klangfarbe

10. November 2008, 19:02
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Das Festival "Music Unlimited" in Wels präsentiert neue Strömungen

Wels - Es ist die Zeit nach der Euphorie: Die Elektronik-Welle, die in den 90ern auch die improvisierte Musik erfasst und ihr einen Entwicklungsschub beschert hat, ist abgeflaut. Man steckt in der Zeit des Aufarbeitens der erschlossenen Materialien. Bei "Music Unlimited" in Wels, der - man kann es ohne zu zögern aussprechen - spannendsten Veranstaltung ihrer Art nicht nur in Österreich, wurde dies einmal mehr bewusst:

Christof Kurzmann, vor zehn Jahren auch hier im Alten Schlachthof mit einer Orgie digitaler Klänge im reinen Laptop-Ensemble präsent, setzt dergleichen nun sparsam, gezielt ein: Zur punktuellen Markierung musikalischer Räume, deren Ausführung akustische Instrumentalisten - Eva Reiter, Clayton Thomas und Martin Brandlmayr - in aufgeklärten Kammer-Grooves oder fluktuierenden Soundflächen übernehmen. Kurzmanns fragile, gerade in ihrer ungeschulten Limitiertheit berührende Stimme (Texte von Alejandra Pizarnik deklamierend) und das vitale Saxofon Ken Vandermarks verschränken sich dazu höchst poetisch ineinander: Mit "El Infierno Musical" ist Kurzmann eines seiner besten Projekte ever gelungen.

Der Klangfarben-Reichtum elektronischer Musik hat indessen Susanna Gartmayer und Christine Sehnaoui hörbar beeinflusst: etwas expressiver die Wiener Bassklarinettistin; konsequent das atomare Sound-Innere erforschend, dabei die Töne und Geräusche zu prägnanten Gestalten formend die in Paris lebende Altsaxofonistin. Hochfiligrane, überaus sinnliche Duomusik. Ein Highlight!

Auch Musiker, die Konzerte allein mit ihrem Laptop bestreiten, klingen heute anders als zur Jahrtausendwende - im Falle Lasse Marhaugs wesentlich strukturbewusster, formal transparenter: Die Gleichzeitigkeit konstanter und veränderlicher Materialschichten sorgt hier für Kohärenz. Ein prozessiertes Sample-Pattern und ein hochfrequenter, pfeifender Drone dienten als Basis für lustvoll aufgetürmte und wieder umgestoßene Lärmgebirge.

Eher im Jahr 1998 denn im Jahr 2008 wähnte man sich bei "Subshrubs" : Durchaus mit Gespür für weite dramaturgische Bögen durchwanderte das Quartett Soundscapes zwischen Noise, gesampelten Collagen und dunklen Drones.

Unverwechselbare Spezifik fehlte aber noch. Bewusst zurück in die Geschichte blickte man mit dem Albert-Ayler-Projekt, das das Quartett um Roy Campbell und Joe McPhee servierte: Freejazzige Emphase und kollektive lyrische Momenten wurden geboten - hörenswerte Rootsklänge für die improvisierenden Klangforscher unterschiedlichster Stil-Couleur in unseren Tagen. (Andreas Felber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2008)

 

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