Der talentierte Mister "Pavapotty"

10. November 2008, 18:28
9 Postings

Kopf des Tages: Der walisische Tenor Paul Potts tritt am Dienstag erstmals in der Wiener Stadthalle auf

An diesem Mann ist einfach alles zu rund, zu pummelig, zu tollpatschig. Und auch nach zwei Millionen verkaufter CDs wirkt Paul Potts, der kleine Brite mit den Hamsterbacken und etlichen Kilos zu viel, in Interviews noch immer so schüchtern, als würde er sich am liebsten dafür entschuldigen, dass er überhaupt da ist.

So wie im Juni 2007, als Potts in Cardiff in der TV-Show "Britain's Got Talent" vor die Jury trat. "Warum sind Sie heute hier, Paul?", fragte die Schauspielerin Amanda Holden. "Um ein bisschen Oper zu singen", antwortete der 37-Jährige verlegen lächelnd.

Dies und die "Oh-Gott-was-ist-das-bloß-für-ein-Loser"-Blicke, die die Juroren einander zuwarfen, haben seither Millionen Menschen auf YouTube gesehen. Ebenso, wie Paul Potts danach "Nessun Dorma" aus Puccinis "Turandot" gesungen hat, so ergreifend, dass Holden und vielen Leuten im Publikum Tränen der Rührung in den Augen gestanden sind.

Seit seinem Sieg bei der Talente-Show reißen sich alle um den so gar nicht heldenhaften Tenor aus Wales. Seine CD "One Chance" schaffte es weltweit in die Charts, die Deutsche Telekom hat einen Werbespot mit seinem legendären Auftritt produziert. Nun füllt er an zwei Abenden hintereinander auch die Wiener Stadthalle.

Gesungen hat der 1970 in Bristol geborene Potts schon als Bub im Kirchenchor. Als molliges und schüchternes Kind war er einer von denen, die während der ganzen Schulzeit von den anderen gehänselt wurden. "Ich habe damals begriffen, dass meine Stimme mein einziger richtiger Freund ist", sagt er heute.

Weder seine Mutter, die im Supermarkt arbeitete, noch sein Vater, ein Busfahrer, interessierten sich für Musik. Paul ist das einzige der vier Kinder, das die Uni besucht. Sein Philosophiestudium schloss er mit der Dissertation "Die Frage des Bösen und des Leidens in einer von Gott geschaffenen Welt" ab.

Nach dem Studium war Potts lange arbeitslos, zuletzt hat er Handys verkauft und seine Arbeit durchaus gemocht. Mit seiner Frau Julie-Anne lebt er noch heute in dem kleinen Haus in Port Talbot in Südwales.

Als Potts vor ein paar Jahren bei einem Gesangswettbewerb 10.000 Euro gewann, nahm "Pavapotty", wie ihn seine Fans liebevoll nennen, in Italien bei Katia Ricciarelli Gesangsstunden.

Seine Stimme sei nur mittelmäßig, nörgeln Kritiker gerne. Stimmt wohl, doch Paul Potts Erfolg liegt auch gar nicht in makellosem Gesang. Sondern eben darin, dass er den Menschen mit seinen Unzulänglichkeiten zu Herzen geht. (Bettina Fernsebner-Kokert / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2008)

 

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Paul Potts in der SAP Arena von Mannheim

Share if you care.