Der letzte Švob von Brestovac

10. November 2008, 17:00
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Vor 60 Jahren war die Vertreibung der Donauschwaben aus Jugoslawien abgeschlossen - Das "ethnische Säubern" war damit aber nicht vorbei - In den Häusern der damals Vertriebenen leben heute zum Teil wieder Vertriebene

Bački Brestovac/Wien - Bački Brestovac besteht nur zu einem kleinen Teil aus Häusern, Straßen, Gärten und den vielen, vielen Äckern rundherum. Jedenfalls für Veronika Krebs. Für sie besteht Bački Brestovac in der Hauptsache aus Erinnerung. Und an der kann auch der Augenschein kaum etwas ändern, wie sich gleich nach der Ortseinfahrt eindrucksvoll zeigt. Einen Orientierungsstopp nutzt sie, um eine junge Passantin nach der "Kirchengasse" zu fragen. Im schönsten Schwäbisch. Mit einem Mal ist für die alte Dame die Bačka 2008 die Batschka 1938. Und warum sollte man da nicht auf Schwäbisch nach dem Weg fragen können?

Das merkwürdige Oszillieren zwischen den Zeiträumen hält den ganzen Tag an. Das mag daran liegen, dass sie, wie telefonisch vereinbart, den Stefan Stampfer trifft. Mit ihm schwäbelt sie so, dass auch die Töchter nur noch mit hoher Konzentration folgen können: wer mit wem und wohin, wie und warum und wegen was überhaupt.

Stefan Stampfer ist der letzte Schwob in Brestovac und damit Anlaufstelle für alle, die in die eigene Vergangenheit reisen wollen. Ihn haben das Schicksal und die Partisanen verschont, denn er hat eine Serbin geheiratet, beziehungsweise eine Bunjewatzin, denn sie ist katholisch. Und das ist ein Glück für die vertriebenen Landsleute, denn so können die beiden sich mit Engagement der Kirche widmen, die nun mit Spendengeldern fast schon fertig renoviert ist. Wie Stefan Stampfer ist auch sie ein Relikt aus Batsch-Brestowatz.

Veronika Krebs kommt auch in der Kirche aus dem Oszillieren nicht heraus. Hier, in dieser schmalen Bank neben der Säule, ist sie stets mit der Großmutter gesessen. Dieses Taufbecken hinterm Altar war eine Spende ihrer Familie, einer sehr angesehenen Familie im mehrheitlich von Deutschen bewohnten Dorf. Von den mehr als 5000 Einwohnern bekannten sich bei der Volkszählung 1931 - dem Geburtsjahr der Veronika Krebs - 4344 zur deutschen Volksgruppe. In der ganzen Batschka - dem nach der Festung Batsch/Bač benannten Batscher Land - lebten damals knapp 200.000.

Mitteleuropas Katastrophe

1941 - Veronika Krebs war zehn - kam das Verhängnis: der Überfall auf Jugoslawien, der mit einer Annexion der Batschka an Ungarn endete. Der Rest ist, wenn man so will, die Erledigung Mitteleuropas. Der letzte Puzzlestein dazu wurde 1948 mit der endgültigen Vertreibung der Donauschwaben gesetzt.

Dass die kein isoliertes Ereignis war, sondern die finale Konsequenz des mörderischen Irrsinns, war schon der Zehnjährigen zumindest ansatzweise bewusst. Immerhin war einer ihrer Nachbarn, der Tierarzt Wilhelm Santo, Jude. Seine Frau beging 1941 Selbstmord, er selbst überlebte Auschwitz und liegt nun auf dem einst schwäbischen Friedhof von Brestovac.

Ein Mahnmal, vier Sprachen

Eine Großmutter und zwei Tanten von Veronika Krebs liegen in Gakovo, einem Dorf nördlich von Sombor. Ab 1944 wurden hier "Arbeitsunfähige, Frauen und Kinder" der deutschen Volksgruppe interniert, die Toten in großen Gruben bestattet. Mit dem Leiterwagen haben Veronika Krebs und ihre Mutter die Verwandten hierher geschafft. Wo genau sie liegen, kann sie heute nicht mehr sagen. Also stellt die Enkelin ihre Kerze zu den anderen ans Mahnmal, einem hohen Kreuz und einer vierteiligen Gedenktafel - eine auf Deutsch, eine auf Serbisch, eine auf Kroatisch, eine auf Englisch.

Bački Brestovac ist heute ein weitgehend vernachlässigtes Dorf, abseits der großen Verkehrswege, Industrien oder gar Touristenströme. Hierher verirrt sich kaum wer. Die Jungen ziehen weg, die Alten schaffen die notwendige Arbeit nicht mehr. Nur im Oszillieren zwischen 1938 und 2008 hat das Dorf - das, wie alle anderen, nach dem Sieg über die Türken in Wien auf dem Reißbrett angelegt wurde - noch Glanz. Aber immer noch erzählt es Geschichten. Leider auch solche, die selbst Junge zum Oszillieren bringen können.

Die Einladung einer freundlichen Brestovacerin in ihr Haus war nicht abzulehnen. Sie sei, erzählt sie dann beim Kaffee, in diesem Haus aufgewachsen. Als junges Mädchen freilich habe sie hier, im Kaff, nichts mehr gehalten. Sie haben sich also aufgemacht nach Osijek hinüber. Das aber war zu jugoslawischen Zeiten. Und die sind längst schon wieder vorbei.

Jetzt ist Osijek kroatisch. Für die Serbin war dort kein Bleiben mehr. Und so also lebe sie wieder da, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht zu sagen pflegen und das lauteste Geräusch der Mähdrescher macht, mit dem der Stampfer Stefan, der letzte Švob von Brestovac, durch die einstige Kirchengasse röhrt, hinaus zu seinem Kukuruz, den sie hier immer noch anbauen, wie eh und je. (Wolfgang Weisgram/DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2008)

Wissen: Die Donauschwaben
Der Begriff Donauschwaben kam erst um 1920 auf. Davor sprach man von Ungarndeutschen.

Die Donauschwaben kamen im 18. Jahrhundert in mehreren Einwanderungswellen in das durch die Türkenkriege entvölkerte Land. Ihr Hauptsiedlungsgebiet lag in Südungarn (Baranya), dem heutigen Kroatien (Slawonien), Serbien (Vojvodina, also Batschka, Syrmien, Banat) und Rumänien (Temescher Banat).

Die Ansiedlung - neben den Deutschen kamen vor allem Ungarn, Serben und Kroaten, aber zum Beispiel auch Franzosen - geschah planmäßig von Wien aus. Die Besiedlung der westlichen Batschka erfolgte über den Donauhafen von Apatin. Neusiedler wurden von der Wiener Hofkammer mit allerlei Privilegien gelockt, unter anderem mit einer zehnjährigen Steuerbefreiung.

Laut Volkszählung 1931 lebten in der heutigen Vojvodina knapp 360.000 Schwaben, sie waren eine von 18 Volksgruppen. Gemäß den sogenannten Avnoj-Bestimmungen wurden die meisten Donauschwaben enteignet, interniert und bis 1948 des Landes verwiesen. Laut Volkszählung 2002 leben heute in der Vojvodina 3154 Deutsche. (wei)

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