Will Pröll wirklich Außenminister werden?

10. November 2008, 16:47
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Wenn Pröll ein Ministeramt will, dann muss er den Finanzminister nehmen - Das ist die Möglichkeit, der ÖVP die Wirtschaftskompetenz zurückzuholen

Josef Pröll überlegt angeblich, ob er zum Vizekanzler den Außenminister dazunehmen soll. Er hätte ein interessantes Vorbild. Wolfgang Schüssel war fünf Jahre lang, von 1995 bis 1999, Vizekanzler und Außenminister einer großen Koalition unter sozialdemokratischen Kanzlern, ehe er mit dem Haider-Coup zum Kanzler wurde.

Beschäftigen Erinnerungen dieser Art den designierten ÖVP-Chef? Sonst bemüht er sich ja eher, die Präsenz und den Einfluss Schüssels massiv zurückzudrängen. Als ein Grund für sein Interesse am Außenministerium wird auch genannt, dass Pröll die derzeitige Amtsinhaberin Ursula Plassnik als Schüssels engste Vertraute weghaben will.

Ein zweiter Effekt wäre dabei allerdings auch, dass Pröll sich damit bei der Krone und ihrem Herausgeber Hans Dichand einen schlanken Fuß machen könnte. Die Krone fährt seit Wochen eine Hasskampagne gegen Plassnik, weil diese a) engagiert für die EU und gegen die Anti-EU-Desinformationskampagne eintritt; und b) mit bemerkenswerter Nonchalance die Mischung aus Bestechung und Drohung, die Dichand ihr gegenüber anzuwenden versucht, abrinnen hat lassen.
Sollte Josef Pröll Plassnik loswerden wollen, dann hätte er mit Werner Faymann gleichgezogen, was Unterwerfungsgesten - gut überlegt oder nicht gut überlegt - gegenüber Dichand betrifft.

Spielt bei alledem noch eine Rolle, dass Plassnik eine gute und international anerkannte Außenministerin ist? Dass sie eine unbeirrte und kenntnisreiche Verfechterin einer intensiven Zusammenarbeit innerhalb der EU ist?

Zugegeben, die hochgewachsene Plassnik, die von weniger freundlichen Zeitgenossen den Spitznamen "der Kühlturm" abbekommen hat, kann - vor allem auch im Umgang mit Journalisten - spröde, abweisend und wenig aussagewillig wirken. Es kommt allerdings darauf an, ob sie das Gefühl hat, man wolle sie "legen" oder ein unangemessenes Interesse an ihrer Privatperson zeigen.

Dass der Vergeltungsjournalismus der Krone schon auf andere, seriöse Medien übergreift, zeigt eine Glosse unter dem Titel "Geschmackspolizei" im neuen profil, wo Plassnik vorgeworfen wird, sie wäre mit einer Hose im Leopardenmuster ausgerechnet nach Afrika geflogen (um dann zuzugeben, sie hätte bei der Ankunft in Mali ohnehin schon einen einfärbigen Hosenanzug getragen).

Pröll wäre aber auch rein politisch-strategisch schlecht beraten, selbst den Außenminister zu machen. Ein Außenminister ist ununterbrochen unterwegs (was in den Neid-Presseorganen dann meist als "Luxus-Flug" ausgegeben wird) und kann weder in der Partei noch in der Koalitionspolitik entsprechend präsent sein.

Wenn Pröll ein Ministeramt will, dann muss er den Finanzminister nehmen. Das ist in den nächsten Jahren - angesichts der schlechten Konjunkturaussichten - vermutlich ein hartes Brot, aber auch die Möglichkeit, sich als Wirtschaftspolitiker in haarigen Situationen zu profilieren und der ÖVP die Wirtschaftskompetenz zurückzuholen.

Und so kann man vielleicht auch einmal eine Wahl gewinnen und Kanzler werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2008)

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