"Wir wollen nicht zurück zur Steinzeit"

10. November 2008, 16:49
9 Postings

Ronny Wytek, Projektkoordinator des ersten Ökodorfs in Österreich, spricht im derStandard.at-Interview über Energielösungen von High- bis Lowtech

Kommenden Sommer soll der Grundstein für das erste Ökodorf in Österreich gelegt werden - damit es zu einer "Oase der Nachhaltigkeit" werden kann, ist ein ausgeklügeltes Energiekonzept notwenig. Projektkoordinator Ronny Wytek erklärt im derStandard.at-Interview, was man gegen "thermische Katastrophen" tun kann, was "graue Energie" ist und warum er nicht viel von Einfamilienhäusern hält.

******

derStandard.at: Ökodorf - mit diesem Begriff verbinden viele Leute etwas Steinzeitliches.

Wytek: Wir wollen nicht zurück zur Steinzeit. Für uns ist es sehr wichtig, mit dem Ökodorf-Projekt hohe Lebensqualität und Nachhaltigkeit zu verbinden. Es funktioniert, nicht auf Kosten zukünftiger Generationen zu leben. Auf Lebensqualität muss man dabei nicht verzichten.

derStandard.at: Zu dieser Lebensqualität gehört dann auch ein gewisser Anteil an Technik?

Wytek: Das kann im Prinzip jeder so halten, wie er oder sie das möchte. Die Nachbarschaften, in denen die Menschen im Ökodorf wohnen, sind partizipative kleine Siedlungen - ob die Leute sie mit Hightech oder Lowtech gestalten, das ist ihre Angelegenheit. Im Gemeinschaftszentum des Ökodorfes wird es jedenfalls eine ausgeglichene Mischung geben.

derStandard.at: Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Wytek: Ein Beispiel wäre Wärmerückführung - in gemeinschaftlich genutzten Gebäuden für uns gut vorstellbar. Dort kann es vorkommen, dass im Winter einmal ein Fenster offen bleibt - thermisch und energetisch eine kleine Katastrophe. Wärmerückführung bedeutet, dass die abgestandene warme Luft ihre Wärmeenergie an die frische Luft abgibt, die man im Raum haben möchte. Das ist ein Hightech-Prozess, der aus Passivhäusern nicht wegzudenken ist.
Ein weiteres Beispiel ist Glas: Es gibt fantastisches Hightech-Glas, das weniger als einen Zentimeter dick ist, aber den Wärmedämmeffekt von vielen Zentimetern Ziegelwand hat. Für gemeinschaftlich genutzte Gebäude würden wir diesen Kompromiss ebenfalls eingehen.

derStandard.at: Wo liegt das Problem mit Hightech-Produkten?

Wytek: Mit Hightech macht man sich abhängig. Wenn wir etwa unseren Strom von einer Hightechquelle beziehen, wird es bei einem Ausfall brenzlig. Photovoltaik ist hier ein gutes Beispiel. Die Zellen haben eine Lebensdauer von 30, 40 Jahren. Wenn das die Basis unserer Energieversorgung darstellt, müssen wir uns schon fragen, ob das krisensicher ist oder nicht - ich sage nein: Wir werden die Zellen nie selber reparieren können. Im Idealfall stellen wir unsere Grundversorgung mit Lowtech-Produkten sicher, die wir auch selbst warten können.

Außerdem haben High-Tech-Lösungen oft einen hohen Grad an "grauer Energie"- also jenen Energie-Aufwand der bei Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung benötigt wird. Diese Energie muss man in die Energieeffizienz-Rechnung miteinbeziehen. Das macht Hightech unterm Strich oft "grauer" als man es sich wünschen würde. Und Hightech-Produkte sind tendenziell schlechter zu entsorgen als Lowtech-Lösungen, da wir oft mit Verbundstoffen oder gar Giften zu tun haben.

derStandard.at: Welche Energieformen werden im Ökodorf eine wichtige Rolle spielen?

Wytek: Was das angeht, sind wir nicht dogmatisch, sondern sehr offen. Wir warten auch darauf, was die Technikentwicklung bringt. Das kann sich sehr schnell ändern. Solarthermie ist ein Muss - das Konzept ist Lowtech, wir können die Anlage selbst warten. Es muss uns gelingen, Energie in der Form einzufangen, wie wir sie auch brauchen: Also Wärme, wenn es darum geht, unser Warmwasser aufzubereiten, oder ein Passivhaus in der Übergangszeit damit auch zu heizen. Energie zu transformieren bringt meist hohe Verluste.
Auch die Methangasproduktion mit Biomasse ist sehr nahe liegend. Ein Vorteil davon: Das entstehende Gas können wir sehr vielseitig nutzen. Zum Kochen, zum Heizen; wir können es verflüssigen und als Treibstoff verwenden. Zur Not kann es auch zur Beleuchtung dienen. Nicht zuletzt kann man mit der Biogasproduktion auch Strom erzeugen - dabei muss man aber hohe Verluste in Kauf nehmen.

derStandard.at: Inwieweit ist die Auswahl des zukünftigen Ökodorf-Standortes vom Energiekonzept abhängig?

Wytek: Die Sonnentage sind entscheidend für das gesamte Energiekonzept. Und das Vorhandensein von Biomasse. Solarthermie und Biogasproduktion sind in ganz Österreich gut umsetzbar. Windkraft ist standortabhängiger.

derStandard.at: Wird es im Ökodorf auch Einfamilienhäuser geben?

Wytek: Manche potentielle SiedlerInnen kommen auf uns mit dem Wunsch nach einem Einfamilienhaus zu - das ist en Traum, der von Gesellschaft und Werbung sehr gut transportiert wird. Dass daraus oft ein Alptraum, ein Gefängnis wird, dass es zu Vereinsamung kommen kann, wird nicht erwähnt.
Laut dem deutschen Forscher Herbert Claus Leindecker sind etwa 90 Prozent der Erwachsenen der Meinung, ein Einfamilienhaus sei für ihre Kinder das Richtige. Die Kinder sind gegenteiliger Meinung: Sie bevorzugen zwei- bis dreigeschossige Mehrfamilienhäuser mit gemeinschaftlich genutzten Grünflächen ohne Autoverkehr. Genau das, was im Ökodorf umgesetzt werden soll.

derStandard.at: Das Konzept "Einfamilienhaus" sehen Sie kritisch.

Wytek: Langfristig bringt es nicht viel, wenn wir ein Passiv-Einfamilienhaus neu bauen und in der Garage dann zwei Autos haben - hier sieht die Energiebilanz schlechter aus, als bei einem "gewöhnlichen" Haus, dessen Bewohner mit dem Rad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Neben dem Faktor Mobilität ist das Verhältnis zwischen der Anzahl von Menschen, die in einem Haus wohnen und der Gebäudeoberfläche wichtig. Wenn wir mehr Familien in einer relativ geringen Gebäudehüllenfläche haben, ist das besser. Auch die Landschaft und die Naturräume profitieren von Mehrfamilienhäusern.

derStandard.at: Welche Funktion hat der wissenschaftliche Beirat des Ökodorfs?

Wytek: Für uns ist es wichtig, dass wir kritisch von der Wissenschaft beobachtet werden, dass auch hinterfragt wird. Der wissenschaftliche Beirat setzt sich aus unterschiedlichen Bereichen zusammen: Nachhaltigkeitsforschung, Systemforschung, Innovationsforschung. Uns war ein unabhängiger Beirat wichtig, der bei anfallenden Problemen tiefer blicken kann.

derStandard.at: Im Ökodorf soll dann auch ein universitär genutzter Praxiscampus entstehen.

Wytek: Ja, wir wünschen uns eine Beforschung dessen, was wir da umgesetzt haben, eine Evaluierung. Techniken und Innovationen sollen auch in die Welt getragen werden - und das Wissen, dass Stahlbeton nicht das einzig mögliche Baumaterial ist. (Nicole Bojar, derStandard.at, 10.11.2008)

  • Ronny Wytek: "Hightech macht auch abhängig."
    foto: derstandard.at/bojar

    Ronny Wytek: "Hightech macht auch abhängig."

Share if you care.