"Im Prinzip ist das kein Fußball"

10. November 2008, 15:00
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Dietmar Kühbauer im derStandard.at-Interview über das Wiener Derby, die nicht jugendfreien Duelle mit Andi Ogris, die Technik von Stefan Maierhofer und das gemiedene Horr-Stadion

Wien - Jedem Wiener Fußball-Fan ist das legendäre Nase-an-Nase-Duell zwischen Didi Kühbauer und Andi Ogris in Erinnerung. Nicht nur darüber sprach der Erz-Rapidler mit Simon Hirt und Philip Bauer vor dem am Dienstag (20.30 Uhr) stattfindenden 287. Wiener Derby zwischen Austria und Rapid.

derStandard.at: Karl Daxbacher meinte kürzlich zu derStandard.at: "Als Spieler oder Trainer sehen wir das Wiener Derby emotionsloser als die Fans." Geht man als Profi tatsächlich gelassener an die Sache heran?

Dietmar Kühbauer: Es hat sich vieles verändert, früher waren die Spieler den Vereinen länger treu und konnten sich deshalb mit dem Klub identifizieren. Heutzutage fehlt vielen Spielern der Bezug, die Bindung zum Verein. Die küssen das Emblem nach zwei Wochen, fürchterlich. Wenn aber ein Erz-Austrianer wie Karl Daxbacher behauptet, es wäre ein Spiel wie jedes andere, lügt er sich selber an. Für mich war es immer ein besonderes Spiel und für die Fans natürlich erst recht: da kann man den Kollegen am Arbeitsplatz eine Woche lang häckerln.

derStandard.at: Transfers zwischen den beiden Wiener Vereinen sind dann wohl nicht Ihre Sache?

Dietmar Kühbauer: Beispiel Bazina, letztes Jahr war er der Rapidler schlechthin und jetzt soll er ein Austrianer sein? Das ist doch alles nur eine Geldfrage...

derStandard.at: Bazina hat sich aber eigentlich nie als großer Rapidler oder Austrianer dargestellt...

Dietmar Kühbauer: Ja, dafür ist er zu introvertiert. Er ist ein sehr guter Fußballer, der vor allem in Österreich spielt, weil er hier mehr Geld verdienen kann als in Kroatien. Aber das ist sein gutes Recht.

derStandard.at: Lieben die Fans den Verein schon mehr als es die Spieler tun?

Dietmar Kühbauer: Ich gehe davon aus, dass jeder Spieler alles für seinen Verein tut. Die Fans spielen eine große Rolle, aber manchmal nehmen sie sich schon zuviel heraus. Rapid hat sicher die besten Fans, als Spieler musst du da, und das darf ich eigentlich nicht sagen, mit einem Ständer hinauslaufen. Da wirst Du durchgehend nach vorne gepeitscht, es gibt nichts Schöneres. Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, manche Transparente müssen nicht sein.

derStandard.at: Haben die traditionellen Unterschiede zwischen den kämpfenden Arbeitern und den tricksenden Bürgerlichen beim Derby überhaupt noch irgendeine Bedeutung?

Dietmar Kühbauer: Man wird immer vom Arbeiterverein Rapid sprechen. Und man wird bei Rapid von den Fans so gepusht, das einem gar nichts anderes übrig bleibt, als zu kämpfen. In meiner Zeit aber hatte Rapid eher eine spielerisch starke Mannschaft, das ist immer unterschiedlich, genauso wie bei der Austria. Die haben mit dem Prohaska gefiedelt, da musste man weinen vor Freude, jetzt ist das im Prinzip kein Fußball mehr, bestenfalls Minimalisten-Fußball. Emin Sulimani zum Beispiel hat bei Ried laufend 1:1-Situationen gelöst, jetzt erkenne ich ihn kaum wieder, er hat sich zurückentwickelt. Rapid wiederum ist zur Zeit eher spielerisch stark.

derStandard.at: So wie zum Beispiel Stefan Maierhofer?

Dietmar Kühbauer: Bei keinem anderen Verein kann man in Österreich größer werden als bei Rapid. Siehe Stefan Maierhofer, er schießt Tore mit durchschnittlichen Leistungen, dieselben Treffer für Mattersburg würden keinen jucken. Kicken wird er aber nicht mehr lernen, der hätte früher bei Rapid die Bälle aufgepumpt. Und reden muss ich ihn auch nicht hören. Aber für die Medien ist er natürlich ein gefundenes Fressen und wird zu einem "Typen" aufgebaut.

derStandard.at: Das könnte auch am Mangel tatsächlicher "Typen" liegen...

Dietmar Kühbauer: Wir haben früher schneller und mehr geredet. Und wenn man gemerkt hat, dass das eben ein Blödsinn war, war es auch schon zu spät. Heute gehen die Spieler mit den Medien anders um, denn jedes Wort wird genau analysiert und auch aus dem Kontext gerissen, da muss man aufpassen. Trotzdem merkt man, dass heute schon die 17-Jährigen abgeschliffen werden. Mach das nicht, tu das nicht... Die Freaks haben keine Chance mehr, ich wäre in jeder Akademie rausgeflogen. Generell gilt aber: ein "Typ" wird man auf dem Platz und nicht daneben. Man muss immer authentisch bleiben: Ich habe nie etwas vorgespielt, wir waren wirklich so deppert, positiv deppert.

derStandard.at: Joey Didulica meinte sogar: "Kühbauer ist ein Arschloch, aber ich liebe diesen Typen"...

Dietmar Kühbauer: Das ist für mich ein Kompliment. Er meint damit nur den Fußballer, er weiß, dass ich neunzig Minuten alles gebe. Mit erlaubten und unerlaubten Mitteln. Da bin ich so wie er. Und wie gesagt: die Aussage hat mit dem Privatmenschen Kühbauer nichts zu tun. Auch mir ging es immer nur um die Fußballer, über den Rest spreche ich nicht, dafür kenne ich die Spieler zu wenig. Die können tun und lassen was sie wollen, nur nach einem verlorenen Ländermatch sollte man nicht feiern gehen, aber in Österreich ticken die Uhren eben anders.

derStandard.at: Verstehen sich Typen wie Kühbauer und Ogris abseits des Rasens sogar besser als andere?

Dietmar Kühbauer: Ich kann einen Spieler am Platz nicht mögen, aber nach dem Match ist er mein Freund. Der Ogerl war immer ein gerader Kerl, ich hab mich immer gut mit ihm verstanden. Aber am Platz haben wir uns Sachen gesagt, die waren nicht jugendfrei, die waren eigentlich überhaupt nicht frei. Im Prinzip habe ich mich mit allen Spielern verstanden, nur nicht mit jenen, die sich hinten bei den Trainern und Journalisten eingerichtet haben. Ich hatte nie einen besonders guten Draht zu den Journalisten.

derStandard.at: Jetzt sind sie ja quasi selber einer, in welcher Rolle sehen Sie sich nun also ein Derby an: als neutraler Premiere-Analytiker oder doch als Rapid-Fan?

Dietmar Kühbauer: Na entschuldige... aber sobald die Kamera aufgedreht ist, muss man natürlich Neutralität an den Tag legen, der Zuseher will ja nicht wissen, welcher Verein mir taugt. Ich habe Rapid und Mattersburg im Herzen, aber man darf nichts schön reden. Ich kann auch nicht schlecht über die Austria reden, nur weil ich kein Austrianer bin. Aber natürlich will ich, dass Rapid gewinnt, alles andere wäre gelogen.

derStandard.at: Aber zuletzt waren Sie doch in Ihren Analysen recht zahm zur Austria, ist Ihnen der Verein mit dem Magna-Ausstieg sympathischer geworden?

Dietmar Kühbauer: Nein, das hat mit Magna nichts zu tun. Der Stronach war doch der ärmste Hund, dem haben sie doch die Hosen ausgezogen. Ich will das ganze einfach nüchtern betrachten, ich habe nichts gegen die Austria, nur will ich im Horr-Stadion kein Spiel sehen, weil es mir einfach egal ist. Dort komme ich nur vorbei, wenn ich nach Oberlaa will.

derStandard.at: Dabei ist das Horr frisch herausgeputzt...

Dietmar Kühbauer: Es sieht jetzt zumindest ein bisschen nach einem Stadion aus. Man muss jetzt nur hoffen, dass es nicht wieder zu Ausschreitungen kommt. Leider reden die Klubs zuviel und tun zuwenig, da muss man rigoroser durchgreifen, mit halbjährigen Stadionverboten kommt man nicht weiter. Im Endeffekt wird leider immer nur gestreichelt. Auch die Kontrollen an den Eingängen sind zu lasch. Innerhalb des Stadions darf es nicht zu Vorfällen wie beim letzten Derby kommen. Draußen können diese Leute von mir aus Kung Fu und Bruce Lee spielen, das kann man ohnehin nicht verhindern, traurig genug... In England würde sich das aber niemand am Platz erlauben.

derStandard.at: Allerdings gibt's dort schon Ärger, wenn man nur aufsteht...

Dietmar Kühbauer: So weit darf es dann auch wieder nicht kommen, da brauche ich nicht mehr ins Stadion zu gehen.

derStandard.at: Sie wurden im Horr oft unter der Gürtellinie beschimpft, hat Ihnen das gefallen?

Dietmar Kühbauer: Gefallen hat es mir nicht, aber es hat mir auch nichts ausgemacht, irgendwo ist es ja auch eine Anerkennung: wen schimpft man schon? Nur am Schluss, als die Kinder schon da waren, hat es mich gestört. Die sollen so etwas nicht hören. Als ich einmal nach Bregenz kam, wurde ich dort als Einziger beleidigt, obwohl ich dort noch nie zuvor gespielt hatte. Da habe ich mich schon gefragt: Was soll das? Warum muss es in Österreich immer so gehässig zugehen?

derStandard.at: Gerade die Stimmung bei den Wiener Derbys wurde in letzter Zeit ja immer aggressiver. Finden Sie es wichtig, dass die Aktiven die Stimmung nicht zusätzlich anfachen?

Dietmar Kühbauer: Natürlich, es geht nur um sportliche Rivalität. Da muss man keinen Schaum vor dem Mund haben, die Zuseher sollen Spaß haben. Da sollte man keinen Hass schüren, das wäre idiotisch. Sonst wird der Fußball nur überschattet.

derStandard.at: Besonderes Augenmerk kommt beim Derby ja dem Schiedsrichter zu. Ist Bernhard Brugger ein guter Mann?

Dietmar Kühbauer: Ja, er will sich nicht in den Vordergrund spielen. Er hat damals bei Altach gegen Rapid einen schweren Fehler gemacht, aber das kann jedem einmal passieren.

derStandard.at: Sie streben ja eine Trainer-Karriere an, hat es schon einen Anruf aus Mattersburg gegeben?

Dietmar Kühbauer: Im Moment ist dort Franz Lederer als Trainer tätig und ich möchte mich sicher nicht als Messias aufspielen. Natürlich hätte ich eine andere Vorstellung vom Fußball. Im Moment läuft es nicht optimal, ich erwarte keinen Zauberfußball, aber die Art und Weise der Niederlagen stört mich.

derStandard.at: Fühlen Sie sich schon für das Traineramt bereit?

Dietmar Kühbauer: Ich bin mittlerweile berechtigt bis zur Ersten Liga eine Mannschaft zu trainieren. Anfragen gibt es schon, ich werde wohl im Amateur-Bereich beginnen, könnte mir aber auch vorstellen, als Co-Trainer im Profi-Bereich zu beginnen. Ich habe schon länger daran gedacht, die Seiten zu wechseln. Vor allem im letzten Jahr ist mir die Liga bis da gestanden. Bei jedem Körperkontakt sind die Gegner zum Schiedsrichter gerannt und haben geweint: "Der Kühbauer hat mich schon wieder gestoßen". Da habe ich mich  nur noch gefragt, was dieser Kindergarten eigentlich soll. Wenn ich mal Trainer bin, will ich keine Memmen in der Mannschaft haben, die bei der ersten Berührung einen doppelten Rittberger mit einem gestreckten Salto machen und sich dann dabei verletzen. Ich habe dem Cem Atan in Mattersburg schon immer gesagt: "Du kriegst kein Flug- sondern ein Laufgeld." Fußball muss ein ehrlicher Sport bleiben. (derStandard.at; 10. November 2008)

  • "Ich habe Rapid und Mattersburg im Herzen, aber man darf nichts schön reden"
    foto: derstandard.at/hirt

    "Ich habe Rapid und Mattersburg im Herzen, aber man darf nichts schön reden"

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