"Nicht Van der Bellen alleine hat es verbockt"

11. November 2008, 12:55
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Der Grüne Prack erklärt im derStandard.at-Interview warum er sich eine Ablöse Van der Bellens schon eher gewünscht hätte und was Glawischnig besser machen muss

"Wir haben schon vor drei Jahren gewusst, dass dieser Stil, stets Regierungsfähigkeit zu demonstrieren, uns auf lange Sicht schadet. Es ist schwierig mit einem Spitzenkandidaten Politik zu machen, der nicht mehr auf der Höhe der Grünen Themen ist", sagt Georg Prack, Bezirkspolitiker bei den Grünen in Favoriten über Alexander Van der Bellen und seine Politik.  Wie es kam, dass die Grünen als "Teil des Establishments" wahrgenommen werden, dass es für die neue Chefin Eva Glawischnig "alles andere als leicht wird"  und wie die jungen WählerInnen für Grüne Politik begeistert werden sollen,  erklärt Prack im derStandard.at-Interview. Die Fragen stellte Katrin Burgstaller.

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derStandard.at: Im Frühjahr meldeten sich junge Grüne verstärkt zu Wort und beklagten, dass es für sie zu wenig Aufstiegschancen gibt. Haben die Parteigranden aus dieser Diskussion etwas gelernt?

Prack: Die Kritik, es gebe zu wenig junge Gesichter, greift zu kurz. Es ist eher darum gegangen, dass an der Spitze der Grünen seit Jahren die selben stehen. Der Wechsel an der Parteispitze ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Zur Jugend in der Politik: Ich würde Jugendlichen davon abraten, sofort in die Berufspolitik zu gehen. Ich bin dafür, dass man seine Existenz anders absichert. Es ist problematisch, sich von der Politik abhängig zu machen. Denn dann wird es schwierig, später wieder auszusteigen, wenn man etwa mit einer Parteilinie nicht mehr kann. Bei den jungen Gesichtern, die die anderen Parteien symbolisch in die erste Reihe rücken, habe ich das Gefühl, sie äußern sich auch deshalb nicht kritisch, weil sie sich in ökonomische Abhängigkeiten begeben haben. Die Grünen brauchen diese Symbolfiguren nicht, wir haben frische Leute gebraucht. Und die haben wir jetzt. Im Parlamentsklub haben wir sieben neue Abgeordnete.

derStandard.at: Haben Sie das schlechte Abschneiden bei der Nationalratswahl schon analysiert?

Prack: Der Wahlkampf war mittelmäßig, aber bei den Grünen ist schon in den letzten Jahren einiges schief gelaufen. Die Grünen haben sich massiv auf eine sehr professionelle Arbeit im Nationalrat und in den Landtagen konzentriert. Die Ressourcen wurden weniger dafür verwendet, in Initiativen und Projekten Gegenentwürfe aufzuzeigen. Wir haben uns zu sehr darauf konzentriert, regierungsfähig zu erscheinen. Wir haben den Schwerpunkt darauf gelegt, möglichst schnell auf Tagespolitik zu reagieren. So konnten wir kaum eigene Themen setzen und agieren. Die Grünen haben deshalb als Teil des Establishment gewirkt.

derStandard.at: Kommt mit Eva Glawischnig wirklich der erhoffte neue Wind? Immerhin war sie auch schon in den letzten Jahren in der Führungsriege der Grünen und Teil des Establishments.

Prack: Eva Glawischnig hat schon im Sommer die treffenden Analysen zum Problem gebracht, nämlich, dass wir als Teil des Establishments gesehen werden.  Sie wird viel verändern müssen und das wird alles andere als leicht. Sie ist durchaus geeignet, den Platz der links der Mitte frei ist, einzunehmen. Ich habe Vertrauen in sie. 

derStandard.at: Ist dieser Platz links von der SPÖ?

Prack: Gesellschaftspolitisch gesehen, ist die SPÖ weit davon entfernt, links zu sein. Was die Migrationspolitik betrifft, würde ich sie Mitte Rechts einordnen. Die Grünen sehe ich natürlich links von der SPÖ.

derStandard.at: Hätte Van der Bellen früher gehen sollen?

Prack: Der Wechsel an der Spitze ist zu spät gekommen. Wir haben schon vor drei Jahren gewusst, dass dieser Stil stets Regierungsfähigkeit zu demonstrieren, uns auf lange Sicht schadet. Für viele Themen, die die Grünen in den Vordergrund stellen wollen, ist Van der Bellen nicht der richtige Repräsentant weil er bei diesen Themen nicht authentisch ist.

Innerhalb der Grünen hat sich herauskristallisiert, dass die Umverteilungsfrage in den Vordergrund gerückt werden soll. Van der Bellen ist aber keine authentische Figur was die Umverteilungsfrage betrifft. Es ist schwierig, mit einem Spitzenkandidaten Politik zu machen, der nicht mehr auf der Höhe der Grünen Themen ist. Vor zwei, drei Jahren wäre der Wechsel besser gewesen. Mit der Ablöse Van der Bellen als Bundessprecher ist es noch nicht getan. Außerdem darf man nicht vergessen: Nicht Van der Bellen alleine hat es verbockt.

derStandard.at: Die FPÖ und das BZÖ haben bei den JungwählerInnen am besten abgeschnitten. Was werden die Grünen tun, um mehr JungwählerInnen zu gewinnen?

Prack: Ich glaube, bei Jugendlichen war diese Protesthaltung gegen die jetzige Regierung noch viel präsenter als bei der Gesamtgesellschaft. Die Grünen sind durch die Fehler der letzten Jahre als Teil dieses Systems erschienen, weil sie nicht ihre Gegenentwürfe dargestellt haben. Die FPÖ hat ihre Gegenentwürfe prägnant dargestellt - nämlich Ausländerfeindlichkeit, EU-Kritik und hemdsärmlige Sozialpolitik. Die Grünen waren mit ihren Gegenkonzepten nicht verständlich. Zudem sind die Rechtsextremen in die Mitte der Gesellschaft gekommen. Die Ächtung der Rechten war, bevor sie 2000 von Schüssel in die Regierung geholt wurde, weit größer.

derStandard.at: Das heißt, die Grünen brauchen eine schärfere Oppositionspolitik?

Prack: Ja, die Grünen müssen sich jetzt endlich wieder in der Oppositionsrolle einfinden. Wenn wir wieder daran denken, dass wir in fünf Jahren in die Regierung gehen wollen, dann wird das schief gehen. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 11. November 2008)

 

Zur Person

Georg Prack, Jahrgang 1983, geboren in Steyr studiert  Rechtswissenschaften und arbeitet als  Sozialbetreuer in einer Notschlafstelle für obdachlose Männer. Bei den Grünen ist er unter anderem Bezirksrat in Favoriten.

  • Georg Prack: "Eva Glawischnig hat schon im Sommer die treffenden Analysen zum Problem
gebracht, nämlich, dass wir als Teil des Establishments gesehen werden."
    foto: derstandard.at/burgstaller

    Georg Prack: "Eva Glawischnig hat schon im Sommer die treffenden Analysen zum Problem gebracht, nämlich, dass wir als Teil des Establishments gesehen werden."

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