Passt kein Pils zwischen Leber und Milz

11. November 2008, 17:00
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Konstantin Hilberg erkundet im Weißen Bräuhaus in München den Spleen und entdeckt nebenbei: Vegetarisches muss nicht unbedingt gesund sein

Ja, ich weiß, "Schmecks", und wieder ein Innereienbeitrag. Aber ich gelobe: diesmal gibt's keine allzu bizarren Erkundungen im Inneren des Tieres, wie sie Schmeckstremist Harald Fidler zu beschreiben pflegt, sondern gediegene und erschwingliche Hausmannskost aus Bayern. Denn hin und wieder verschlägt es mich aus beruflichen Gründen nach München, und wenn es die knappe Zeit erlaubt, gönne ich mir im Weißen Bräuhaus ein paar Deftigkeiten.

München-Kenner werden jetzt wahrscheinlich die Augen verdrehen und auf wahrhaft authentische Lokale Münchens verweisen (was sie bitte bei den Postings tun mögen - Anregungen sind stets willkommen). Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt das Weiße Bräuhaus wie eine Touristenfalle. Zentrale Lage in der Münchner Innenstadt, Speisekarten in sieben Sprachen, weibliches Bedienpersonal, das ähnlich resolut agiert wie ein altgedienter Wiener Kaffeehauskellner grantig. Das Ambiente ist wie ein Best-of aus dem Einrichtungskatalog für rustikale Gaststätten: in den zahlreiche Stuben und der Schwemme hängen gusseiserne Leuchter, die Gewölbe sind mit Gamskrickerln, Ölgemälden und Reproduktionen alter Werbetafeln und -plakate ausstaffiert, Zinnkrüge und Stammtisch-Schilder tun das ihre für ein, naja, gemütliches Drumherum.

Fleischlos ungesund

Doch auf der Speisekarte offenbaren sich Qualitäten, die nicht nach Massenausspeisung aussehen - obwohl, bummvoll ist es immer im Weißen Bräuhaus, und wer sich nicht in der Schwemme dazuquetschen will, sollte rechtzeitig reservieren. Der Schwerpunkt liegt auf bayerischen Deftigkeiten: Braten sowie gebackenes und gebratenes Fleisch dominieren, und beim Vegetarischen wird eindrucksvoll bewiesen, dass Fleischloses nicht unbedingt gesund sein muss - auch da gibt es die Varianten "überbacken" (Spinat-Rahmspatz'n), "gebraten" (Reiberdatschi) und "gebacken" (Camembert). Leberkäse aus eigener Herstellung ist ebenso erhältlich wie Weißwürste, letztere traditionsbewusst (und anachronistisch) nur bis 12 Uhr mittags. Teuer ist es im Weißen Bräuhaus übrigens nicht. Zahlreiche Hauptspeisen gibt es unter 10 Euro, und das Teuerste auf der Karte war im Oktober eine halbe Ente samt Beilagen um 15,40 Euro.

Und dann gibt es noch die "Spezialitäten aus der Kronfleischküche". Beim Kronfleisch handelt es sich um das Zwerchfell von (Jung-)Rind oder Schwein, sagt die Karte, aber auch andere Innereien-Spezialitäten werden in der Kronfleischküche zubereitet, etwa eine Spanferkelleber. Harald Fidler, aufgepasst! "Kalbs- und Schweinslunge, Kutteln und Kalbsbries, süß-sauer zubereitet" - das nennt sich dann "Münchner Voressen", klingt für mich ein bisschen wie bajuwarisches Bruckfleisch.

Leberkäs von der Milz

Für mich soll es diesmal nur ein kleiner Snack sein, also vorab eine Leberknödelsuppe. Die Suppe erfreulich kräftig-dunkel und offenbar hausgemacht, der Leberknödel tennisballgroß und gut gewürzt. Die Überraschung des Tages war für mich jedoch die kälberne Milzwurst. Ich hatte mit etwas leber- oder blutwurstähnlichem gerechnet, doch die Milzwurst hat offenbar das Kaliber einer Extra, und zwei fingerdicke Radln wurden für mich heruntergeschnitten und in Butter gebraten. Das Brät sieht ähnlich aus wie von der Weißwurst, dazwischen sind viele Milzstücke. Von Geschmack und Konsistenz erinnert das Ganze ein wenig an gebratenen Leberkäse, nur halt feiner und mit dem Aroma der Milz. Dazu gibt's Petersilerdäpfel und Gemüse sowie dicken Bratensaft, dankenswerterweise separat serviert. Milz heißt im Übrigen auf spanisch "bazo", auf französisch "rate", auf russisch "selesjonka" und auf englisch "spleen", konnte ich während meines Aufenthalts durch Studium der Speisekarten lernen.

Einziger Kritikpunkt: Alle Speisen waren nicht nur gut gewürzt, sondern für meinen Geschmack eine Spur zu salzig, aber das dürfte eine Konzession daran sein, dass es sich ja um eine Brauwirtschaft handelt, deren wichtigster Zweck ist, die hauseigene "Schneider-Weisse" abzusetzen. Die wird in fünf Varianten, von Original bis alkoholfrei, vom Fass angeboten. Das untergärige Fassbier kommt vom Tegernsee (hell) bzw. aus Straubing (dunkel). Und zu meiner Überraschung gibt es auch ein Pils vom Fass, das allerdings - welch Stilbruch! - aus dem Ruhrgebiet kommt. Ob es trotzdem zwischen Leber(knödel) und Milz(wurst) gepasst hätte, habe ich nicht in Erfahrung gebracht.

 

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Weißes BräuhausTal 780331 MünchenÖffnungszeiten: täglich von 8 Uhr bis 1 Uhr, Küche bis 23 Uhrwww.weisses-brauhaus.de/
Leberknödelsuppe, Kälberne Milzwurst gebraten, zwei Schneider-Weisse Original: 20,10 Euro. 
 
    Foto: www.weisses-brauhaus.de/

    Weißes Bräuhaus
    Tal 7
    80331 München
    Öffnungszeiten:
    täglich von 8 Uhr bis 1 Uhr, Küche bis 23 Uhr
    www.weisses-brauhaus.de/

    Leberknödelsuppe, Kälberne Milzwurst gebraten, zwei Schneider-Weisse Original: 20,10 Euro.

     

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