Passt kein Pils zwischen Leber und Milz

11. November 2008, 17:00
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    Weißes Bräuhaus
    Tal 7
    80331 München
    Öffnungszeiten:
    täglich von 8 Uhr bis 1 Uhr, Küche bis 23 Uhr
    www.weisses-brauhaus.de/

    Leberknödelsuppe, Kälberne Milzwurst gebraten, zwei Schneider-Weisse Original: 20,10 Euro.

     

Konstantin Hilberg erkundet im Weißen Bräuhaus in München den Spleen und entdeckt nebenbei: Vegetarisches muss nicht unbedingt gesund sein

Ja, ich weiß, "Schmecks", und wieder ein Innereienbeitrag. Aber ich gelobe: diesmal gibt's keine allzu bizarren Erkundungen im Inneren des Tieres, wie sie Schmeckstremist Harald Fidler zu beschreiben pflegt, sondern gediegene und erschwingliche Hausmannskost aus Bayern. Denn hin und wieder verschlägt es mich aus beruflichen Gründen nach München, und wenn es die knappe Zeit erlaubt, gönne ich mir im Weißen Bräuhaus ein paar Deftigkeiten.

München-Kenner werden jetzt wahrscheinlich die Augen verdrehen und auf wahrhaft authentische Lokale Münchens verweisen (was sie bitte bei den Postings tun mögen - Anregungen sind stets willkommen). Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt das Weiße Bräuhaus wie eine Touristenfalle. Zentrale Lage in der Münchner Innenstadt, Speisekarten in sieben Sprachen, weibliches Bedienpersonal, das ähnlich resolut agiert wie ein altgedienter Wiener Kaffeehauskellner grantig. Das Ambiente ist wie ein Best-of aus dem Einrichtungskatalog für rustikale Gaststätten: in den zahlreiche Stuben und der Schwemme hängen gusseiserne Leuchter, die Gewölbe sind mit Gamskrickerln, Ölgemälden und Reproduktionen alter Werbetafeln und -plakate ausstaffiert, Zinnkrüge und Stammtisch-Schilder tun das ihre für ein, naja, gemütliches Drumherum.

Fleischlos ungesund

Doch auf der Speisekarte offenbaren sich Qualitäten, die nicht nach Massenausspeisung aussehen - obwohl, bummvoll ist es immer im Weißen Bräuhaus, und wer sich nicht in der Schwemme dazuquetschen will, sollte rechtzeitig reservieren. Der Schwerpunkt liegt auf bayerischen Deftigkeiten: Braten sowie gebackenes und gebratenes Fleisch dominieren, und beim Vegetarischen wird eindrucksvoll bewiesen, dass Fleischloses nicht unbedingt gesund sein muss - auch da gibt es die Varianten "überbacken" (Spinat-Rahmspatz'n), "gebraten" (Reiberdatschi) und "gebacken" (Camembert). Leberkäse aus eigener Herstellung ist ebenso erhältlich wie Weißwürste, letztere traditionsbewusst (und anachronistisch) nur bis 12 Uhr mittags. Teuer ist es im Weißen Bräuhaus übrigens nicht. Zahlreiche Hauptspeisen gibt es unter 10 Euro, und das Teuerste auf der Karte war im Oktober eine halbe Ente samt Beilagen um 15,40 Euro.

Und dann gibt es noch die "Spezialitäten aus der Kronfleischküche". Beim Kronfleisch handelt es sich um das Zwerchfell von (Jung-)Rind oder Schwein, sagt die Karte, aber auch andere Innereien-Spezialitäten werden in der Kronfleischküche zubereitet, etwa eine Spanferkelleber. Harald Fidler, aufgepasst! "Kalbs- und Schweinslunge, Kutteln und Kalbsbries, süß-sauer zubereitet" - das nennt sich dann "Münchner Voressen", klingt für mich ein bisschen wie bajuwarisches Bruckfleisch.

Leberkäs von der Milz

Für mich soll es diesmal nur ein kleiner Snack sein, also vorab eine Leberknödelsuppe. Die Suppe erfreulich kräftig-dunkel und offenbar hausgemacht, der Leberknödel tennisballgroß und gut gewürzt. Die Überraschung des Tages war für mich jedoch die kälberne Milzwurst. Ich hatte mit etwas leber- oder blutwurstähnlichem gerechnet, doch die Milzwurst hat offenbar das Kaliber einer Extra, und zwei fingerdicke Radln wurden für mich heruntergeschnitten und in Butter gebraten. Das Brät sieht ähnlich aus wie von der Weißwurst, dazwischen sind viele Milzstücke. Von Geschmack und Konsistenz erinnert das Ganze ein wenig an gebratenen Leberkäse, nur halt feiner und mit dem Aroma der Milz. Dazu gibt's Petersilerdäpfel und Gemüse sowie dicken Bratensaft, dankenswerterweise separat serviert. Milz heißt im Übrigen auf spanisch "bazo", auf französisch "rate", auf russisch "selesjonka" und auf englisch "spleen", konnte ich während meines Aufenthalts durch Studium der Speisekarten lernen.

Einziger Kritikpunkt: Alle Speisen waren nicht nur gut gewürzt, sondern für meinen Geschmack eine Spur zu salzig, aber das dürfte eine Konzession daran sein, dass es sich ja um eine Brauwirtschaft handelt, deren wichtigster Zweck ist, die hauseigene "Schneider-Weisse" abzusetzen. Die wird in fünf Varianten, von Original bis alkoholfrei, vom Fass angeboten. Das untergärige Fassbier kommt vom Tegernsee (hell) bzw. aus Straubing (dunkel). Und zu meiner Überraschung gibt es auch ein Pils vom Fass, das allerdings - welch Stilbruch! - aus dem Ruhrgebiet kommt. Ob es trotzdem zwischen Leber(knödel) und Milz(wurst) gepasst hätte, habe ich nicht in Erfahrung gebracht.

 

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

Kommentar posten
25 Postings
Gianni Tremato
01
18.11.2008, 18:01
alleluja sogi.

Petrinchen
00
14.11.2008, 12:11

warum löffelt man nicht gleich einen topf schmalz?

Schnabeltierfresser
11
12.11.2008, 16:37
"A Pils trinkt ma' nur, wenn oa'm koa Bier mehr schmeckt!",

wie es ein niederbayerischer Freund von mir mal ausgedrückt hat.

Chief Cohiba
21
12.11.2008, 12:02
Nun gibt es...

...einige Dinge, die die Bayern einfach definitiv besser können als wir; dazu zählt in jedem Fall "die Weisse", aber auch der Schweinebraten, der !natürlich! mit Kruste serviert wird, dazu Blaukraut und Kartoffelknödel!

Andechser oder Unertl dazu ist amtlich...

;-)

caranx
10
12.11.2008, 15:19

Den Schweinsbraten können sie deshalb besser, weil er aus der Schulter (mit Schwarte) kommt. Das ist der Unterschied.
Ich wiederhole mich auch in diesem thread: Der hierzulande übliche Schopf gehört aus dem Vokabular eines ambitionierten Fressers gestrichen.
Woher habt ihr übrigens das Blau/Rotkraut zum bayer. Schweinsbraten? Noch nie gesehen. Die klassische Beilage ist neben dem Kartoffelknödel Weisskraut-Salat.

Chief Cohiba
01
12.11.2008, 16:06
Das Blau-/Rotkraut...

...haben wir(dem Volke huldvoll zuwink) aus etwa vier Jahren Münchenerfahrung! Stimmt übrigens, dass öfter auch weisses Kraut serviert wurde.

Und ja; bannen wir den Schopfbraten!

;-)

trifasciata
00
12.11.2008, 13:11

Auch der Schweinsbraten wird natürlich mit knusprigem Schwartl serviert, dazu Rotkraut und Erdäpfelknödel, also eigentlich total anders ;-)

Aber eine echte bayrische Weisswurst ist schon sehr gut, zu der nehme ich sogar den picksüssen Senf in Kauf.

kuchlmensch
02
12.11.2008, 12:36
Schweine(sic)braten

Bei uns gibts Schweinsbraten, und der ist auch kein Schmarrn, wird nicht mit Rotkraut, sondern Krautsalat oder Stöcklkraut serviert!
Trotz Waldviertelpatriotismus - am besten in Oberösterreich!
PS Was in Bayern früher sehr gut war - lauwarmer Erdäpfelsalat

Chief Cohiba
00
12.11.2008, 16:08
Hier gestatte...

...ich mir wenig konziliant anderer Meinung zu sein! In Österreich bin ich übrigens für's Waldviertel, allerdings reicht hier mein Patriotismus nur wenig weit!

;-)

caranx
00
12.11.2008, 15:32
Er ist kein Schmarrn, wenn

Karre verwendet wird (halt bisschen trocken) oder Bauch (halt bisschen fett). Ideal ist Schulter (siehe unten).
Der bayer. Kartoffelsalat unterscheidet sich nicht wesentlich vom hiesigen, wenn, ja wenn der Koch auf diese verdammte Zuckerei verzichtet.

Marcel Baum
00
12.11.2008, 09:46
Naja

Ins Weiße Bräuhaus im Thal bin ich vorzugsweise wegen des Aventinus hin gegangen (ein dunkler Weizenbock), der sich wohltuend von dem sonstigen bayrischen Bitterkraut abgehoben hat.

Dazu hat man dann Wollwürscht bestellt, oder Kalbsfüße abgebräunt, alles an der Grenze des sonst üblichen Essbaren, aber eine großartige Unterlage für einen Aventinus (oder zwei).

Mitte der 70er Jahre hat sich in dem Lokal der Tourismus noch in Grenzen gehalten.

kuchlmensch
00
13.11.2008, 09:16
Schweinischer Dreikampf

Schulter habe ich als Braten noch nie probiert (mache lieber Krenfleisch daraus), werde die Vorschläge aber aufnehmen - in meinem extrabreiten Backrohr lasse ich demnächst Schopfbraten gegen Schulter und Bauchfleisch antreten! Ich glaube zwar, daß die Schulter etwas grob ist, lass mich aber gerne belehren - werde über den Sieger bei der Sauerei berichten.
Was die Erdäpfel betrifft - den suppigen Salat habe ich in München vor über dreißig Jahren gegessen, als ich dort wohnte - damals gab es noch ganz andere Erdäpfelsorten! Wo findet man heute zum Beispiel noch Sieglinde? Weil nicht ertragreich, abgebaut!
Für Marabel und Agria, wenn auch in Pseudobioverpackung zum Horrorpreis würde keine brave Sau ihre Schnauze aufmachen....

ubu roi
00
13.11.2008, 11:27

lustig, habe gerade bio-agria getestet, kauf ich auch nie wieder. aber am bauernmarkt samstags beim naschmarkt gibts eine gute kartoffel-auswahl.

kuchlmensch
00
13.11.2008, 15:30
Verklärung

Ja, eh, und in Seitzersdorf (Erdäpfeldorf an der B4 hinter Stockerau) gibt es auch noch essbare Bramburi, aber es geht um die verschwundenen Sorten...Maritta zum Beispiel, obwohl man mit denen wirklich die Schweindln gefüttert hat und was für Schweindln... so und jetzt hör ich auf, weil sonst wird die Vergangenheitsverklärung echt fad!

ubu roi
00
13.11.2008, 23:27

maritta bei google eingeben (wiki-artikel gibts keinen), anscheinend gar nicht so selten. oder bei arche noah fragen?

kuchlmensch
00
14.11.2008, 09:02
auf der suche nach dem verlorenen erdapfel

Danke für den tipp, vielleicht ist es am gescheitesten, nach bezug der saatknollen bei der arche noah zum eigenbau zu schreiten. In zeiten wie diesen...ich grüße submissest

Ste Sch
00
12.11.2008, 17:22
Tal und nicht Thal

Thal ist glaube ich ein Ort in Österreich und nicht das Tal in München

Marcel Baum
00
12.11.2008, 19:17
Bis ins 17Jh

hieß es noch Thal .
http://www.paulaner-im-tal.de/historie.html

eierimschmalzpfandl
00
12.11.2008, 19:00
Wo A. Schwarzeneggers Wurzeln sind:

Thal, am Thalersee, Bezirk Umgebung Graz

mic oechsner
 
00
12.11.2008, 09:37
Wieso Stilbruch?

In Bayern gibt's koa Pils ned und hods no nia ned gem! Insofern: Passt schon so, der Import aus Preussen.

one single voice
00
12.11.2008, 00:33

mhmmmmm, Schneider-Weisse!

NegR h.c.
00
11.11.2008, 20:51

Spleenig, der Herr Hilberg.
Den Connex zwischen Spleen und Milz sollte man als Innereienesser oder als Stuntperson schon intus haben. :D

caranx
00
11.11.2008, 19:32
Pflichtbesuch

Das "Weisse Bräuhaus" vulgo "Schneiderweisse" ist gastronomische Pflichtstation in München. Es ist die übliche Münchner Brauwirtschaft. Gegenüber den anderen jedoch ,Augustiner,Löwenbräu, Hacker-Pschorr etc. hat das Schneiderweisse seine Authentizität behalten, am nächsten kommt noch der Hofbräukeller in Haidhausen. Wer ähnliches edler mag, für den ist der "Andechser" direkt am Dom die perfekte Adresse (Publikum vorwiegend im dezenten Trachten-Tuch), bayerische Haute-Cuisine gibts beim "Käfer" in Bogenhausen.

polzinho
00
11.11.2008, 17:54
die beste weisswurst

die gibts beim wallner. kochelseestrasse. selbst gemacht. mahlzeit. und prost natürlich.

Liber_Latinus
00
11.11.2008, 20:00

Im Restaurant des Carl-Valentin-Museums
auch wirklich sehr gut und prima Ambiente!!!

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