Lebensschieflagen ohne Altersgrenze

10. November 2008, 11:13
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32. Dokumentarfilm-Festival von Duisburg: "In die Welt" erhielt den 3sat-Preis für den Besten deutschsprachigen Dokumentarfilm

Zeit muss vergangen sein, um vom Jetzt reden zu können: Biografien im Spiegel von Erwartungen, zwischen Selbst- und Fremdbestimmtheit prägten das diesjährige Festival.


Duisburg - "Ich habe nichts in meinem Leben erreicht." Keine Familie gegründet, Studium abgebrochen. Vorweisbar ist nur eine Lebensversicherung. "Aber die zahlt mein Vater für mich ein." Der Filmemacher Marko Doringer ist dreißig geworden. Zeit für eine Zwischenbilanz. In Mein halbes Leben lotet Doringer die Kluft aus, die sich unter einem auftut, der die symbolische Grenze zu einem neuen Lebensjahrzehnt überschreitet. Herausgekommen ist dabei eine Gratwanderung zwischen Lakonie, Mut zur Selbstentblößung und einer gehörigen Portion Narzissmus.

Auf der am Sonntag zu Ende gegangenen 32. Duisburger Filmwoche war Mein halbes Leben ein Beitrag von mehreren, die sich mit dem Abgleich von Lebenswunsch und Lebenswirklichkeit, von Fremd- und Selbsterwartung an die eigene Biografie beschäftigten.

Ein zweites Merkmal vieler Filme: Zeit muss vergangen sein, um vom Jetzt reden zu können. Erst der Rückblick bringt die Gegenwart in Perspektive. Ich gehe jetzt rein von Aysun Bademsoy konfrontiert fünf deutsch-türkische Frauen mit Aufnahmen, die Bademsoy vor einem Jahrzehnt mit ihnen gedreht hat. Damals Teenager, waren sie als Fußballerinnen fremd in einem Männersport, als Deutschländerinnen fremd im eigenen Land. Jetzt sind sie Ende zwanzig, verheiratet, geschieden oder alleinstehend. Nur Safiye ist dem Fußball treu geblieben. Von Träumen redet keine mehr, höchstens von wirklichen Verlusten und in Andeutungen davon, was sie durchstehen mussten.

In ähnlicher Weise kehrt Bettina Braun mit Was du willst nach Jahren zu ihren Figuren zurück. Die jungen Männer aus muslimischen Elternhäusern, die sie 2004 in Was lebst du noch als Freundeskreis porträtierte, haben unterschiedliche Wege eingeschlagen: Einer ist Zeitarbeiter, einer hat in ein Restaurant investiert. Kais ist Schauspielschüler. Er beginnt zu erkennen, dass er mit seinen überkommenen Ansichten, vor allem, was Homosexuelle ("Schwuletten!" ) betrifft, in seinem neuen sozialen Umfeld nicht weit kommen wird.

Aber in Duisburg wurde nicht nur die Zeit des Erwachsenwerdens in den Fokus genommen. Im Spätkapitalismus können Biografien in jedem Lebensalter aus der Bahn geraten. Die vierzehnjährigen Insassen der Jugendvollzugsanstalt in Verlorene Zeit von Elisa Iven wissen jetzt schon, dass sie auf ein Abstellgleis geschoben worden sind, von dem sie kaum wieder herunterkommen.

Unfreiwillig ohne Aufgaben

Unter ganz anderen Vorzeichen musste in Sollbruchstelle von Eva Stotz ein Manager erfahren, welche Folgen (Isolations-)Haft für die Psyche haben können. Vom Arbeitgeber gefeuert, klagte er sich ins Büro zurück, allerdings um dann mehrere Jahre an einem Schreibtisch ohne Aufgabe zu sitzen. Dass Verlust von Arbeit nicht nur finanzielle Einbußen, sondern auch Verlust von Würde und Selbstachtung bedeutet, war zentrales Thema dieses atmosphärisch dichten Films.

Den mit Abstand energischsten Versuch, fremdbestimmten Verhältnissen den eigenen Lebensentwurf entgegenzuschleudern, unternahm die Titelheldin in Sonbol von Niko Apel. Sonbol Fatemi fährt im Iran Autorallyes gegen Männer und erzählt zu jeder sich bietenden Gelegenheit zotige Witze über deren Geschlechtsteile. Apel gelingt ein beeindruckend komplexes Porträt der Widersprüche, in denen das iranische Bürgertum sich befindet, das die Freiheiten des Westens mit den Einschränkungen der Tradition vereinbaren muss.

So blieben die Neugeborenen in In die Welt, Constantin Wulffs geduldiger Dokumentation der Vorgänge in einer Wiener Geburtsklinik, vermutlich die Einzigen, die sich (noch) nicht mit Erwartungen an ihre zukünftigen Biografien auseinandersetzen mussten. Stattdessen sind sie eingebunden in medizinische, pflegerische und administrative Zusammenhänge. Wie jede Geburt trotz der eingespielten Routinen des Großbetriebs ein einzigartiges Ereignis bleibt, für diese genaue Beobachtung wurde In die Welt mit dem 3sat-Dokumentarfilmpreis bedacht. (Dietmar Kammerer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2008)

  • Mut zur Selbstentblößung – auch in dieser Hinsicht: Der Filmemacher Marko Doringer zieht in seinem Dokumentarfilm "Mein halbes Leben"  Bilanz. 
meinhalbesleben.com
 
 
    foto: polyfilm verleih

    Mut zur Selbstentblößung – auch in dieser Hinsicht: Der Filmemacher Marko Doringer zieht in seinem Dokumentarfilm "Mein halbes Leben"  Bilanz.

    meinhalbesleben.com

     

     

  • "In die Welt" - österreichischer Kinostart: 21. November 
InDieWelt.net
 
 
    foto: polyfilm verleih

    "In die Welt" - österreichischer Kinostart: 21. November

    InDieWelt.net

     

     

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