Hoffnung auf Prozess gegen NS-Schergen Demjanjuk

10. November 2008, 10:47
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Heute in den USA lebender 88-Jähriger soll für Ermordung Tausender Juden im Vernichtungs­lager Sobibor mitverantwortlich sein

Ludwigsburg - Der mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher Iwan John Demjanjuk könnte sich schon bald vor einem deutschen Gericht verantworten müssen. Die weltweit größte Fahndungsstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg (Baden-Württemberg) wollte noch am Montag ein Vorermittlungsverfahren gegen den in den USA lebenden 88-Jährigen an die Staatsanwaltschaft München I abgeben.

Demjanjuk soll sich als Angehöriger der Wachmannschaften des Vernichtungslagers Sobibor (Polen) 1943 der Beihilfe zur grausamen Ermordung von mindestens 29.000 europäischen Juden schuldig gemacht haben. Darunter waren rund 1.900 deutsche Juden, was für eine mögliche Anklageerhebung in Deutschland wichtig ist. "Aufgrund der Tatvorwürfe sind wir zuversichtlich, dass gegen ihn ein Prozess in Deutschland geführt werden kann", sagte der Leiter der NS-Stelle, Kurt Schrimm.

Auslieferungsersuchen

Schrimm hofft, dass die deutsche Regierung ein Auslieferungsersuchen an die USA richtet. Politisch ist dies nicht unumstritten: Demjanjuk ist in der Ukraine geboren und hatte die US-Staatsbürgerschaft. Diese wurde ihm jedoch heuer erneut aberkannt. "Die USA haben starkes Interesse daran, Demjanjuk loszuwerden. Die Ukraine und auch andere Staaten wollen ihn nicht aufnehmen. Dies ist eine große Chance, Demjanjuk zu überführen und ihn für seine Gräueltaten zur Verantwortung zu ziehen, denn unter seinen Opfern in Sobibor waren auch deutsche Juden", betonte Schrimm.

Der nun staatenlose Demjanjuk, der im US-Staat Ohio lebt, war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter Verschleierung seines Einsatzes zur Vernichtung europäischer Juden in einem Flüchtlingslager bei München untergetaucht und 1952 in die USA ausgewandert. Weil Demjanjuks letzter Aufenthaltsort in der Nähe von München war, ist laut Schrimm jetzt die dortige Staatsanwaltschaft für den Fall zuständig.

"Iwan der Schreckliche"

Als Demjanjuks Mitwirkung am Holocaust Ende der 70er Jahre bekanntwurde, lieferten ihn die USA 1986 an Israel aus. Dort wurde er wegen seiner angeblichen Tätigkeit als besonders grausamer Wachmann "Iwan der Schreckliche" im Vernichtungslager Treblinka angeklagt. 1988 wurde Demjanjuk zum Tode verurteilt. Der Oberste Gerichtshof Israels sprach Demjanjuk aber 1993 von dem Vorwurf, der Wachmann "Iwan der Schreckliche" in Treblinka gewesen zu sein, frei, da seine Identität nicht sicher geklärt werden konnte.

"Bereits damals lag eine Vielzahl von Hinweisen vor, die vielmehr seinen Einsatz als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor belegten", sagte Schrimm. Nach dem Prozess in Israel kehrte Demjanjuk in die USA zurück. Dort führten verschiedene Gerichtsverfahren unter Nachweis seiner Tätigkeit als Wachmann nunmehr im Lager Sobibor zur erneuten Aberkennung der amerikanischen Staatsbürgerschaft. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Das aktuellste Bild John Demjanjuks zeigt den mutmaßlichen Kriegsverbrecher am 28. Februar 2005 auf dem Weg in das Gericht von Cleveland, Ohio.

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