Start der "Wiener Mittelschule" an AHS fraglich

10. November 2008, 10:32
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Laut Gewerkschaft will Großteil der Hauptschulen teilnehmen, aber nur "eine Handvoll" AHS - Kritik am knappen Zeitplan und Zweifel, ob im Regelschulwesen anwendbar

Wien - Derzeit stimmen Lehrer und Eltern an Wiener AHS und Hauptschulen darüber ab, ob ihr Standort ab kommendem Schuljahr am Schulversuch "Wiener Mittelschule" teilnehmen soll. Doch während der Großteil der Hauptschulen bzw. Kooperativen Mittelschulen (KMS) Interesse zeigt, tut das bei den AHS laut Gewerkschaft nur "eine Handvoll", die übrigen hätten sich bereits dagegen entschieden. Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) begründet im Gespräch mit der APA Widerstände von AHS-Lehrern "teils mit Standesdünkel".

"Nicht ohne AHS"

Brandsteidl gibt sich dennoch überzeugt, dass die "Wiener Mittelschule" ein Erfolg werde. "Wir machen es nicht ohne AHS. Aber wenn zwei bis drei teilnehmen, wäre das schon ein Erfolg", betonte sie. Immerhin ist unter den derzeit 167 am Projekt "Neue Mittelschule" beteiligten Klassen in fünf Bundesländern keine einzige an einer AHS. "Es wäre auch unrealistisch gewesen zu sagen, es würden 50 Prozent AHS mitmachen", so Brandsteidl. Schließlich müsse an den Gymnasien besonders viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. AHS-Direktoren berichteten der APA, im Falle einer Abstimmung über die "Wiener Mittelschule" eine Spaltung im Lehrkörper zu befürchten. An manchen Standorten fehlten zudem die baulichen Voraussetzungen für Nachmittagsbetreuung oder es laufen schon jetzt Schulversuche, die die Betroffenen nicht ersetzen wollen.

Beurteilung schwacher Schüler nach Hauptschulkriterien

Die Wiener Form der "Neuen Mittelschule" bietet verstärkt Nachmittagsbetreuung an und definiert sich durch zusätzliche Ressourcen: Zwei Lehrer pro Klassen unterrichten maximal 25 Schülern, es gibt spezielle Stunden für Lernhilfe bzw. Begabtenförderung, Kleingruppenunterricht, Coachingstunden und Unterstützung der Lehrer durch Schulpsychologen. Gymnasien, die an der "Wiener Mittelschule" teilnehmen, können auch von derzeit "nicht AHS-reif" eingestuften Schülern besucht werden. Diese werden dann nach AHS-Lehrplan unterrichtet, schwache Schüler können sich aber nach Hauptschulkriterien beurteilen lassen. Im Laufe des Novembers stimmen die Schulen über eine Teilnahme ab, sowohl Lehrer als auch Eltern müssen zu zwei Drittel zustimmen. Aus der Liste der Bewerber wählt der Stadtschulrat Anfang Dezember 15 bis 20 Standorte aus. Das ist die Obergrenze von zehn Prozent der Wiener Schulen, die für Schulversuche festgelegt ist.

Vielfach keine Abstimmung

"Es gibt sicher keinen großen Ansturm auf die 'Wiener Mittelschule'", sagte Eva Scholik, Vorsitzende der AHS-Lehrer-Gewerkschaft zur APA. Sie begründet die Zurückhaltung damit, dass die Lehrer die "Wiener Mittelschule" als Schritt in Richtung Gesamtschule sehen. Aus Scholiks Sicht könnten maximal an "einer Handvoll" Gymnasien die Lehrer mit der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Teilnahme stimmen. Die anderen hätten sich bereits dagegen entschieden. Wobei an vielen AHS mangels Interesse nicht einmal abgestimmt wurde, an anderen haben die Lehrer gegen den Schulversuch gestimmt, etwa am Brigittenauer Gymnasium.

Dagegen haben sich die Lehrer der AHS Kandlgasse (Wien-Neubau) bereits mit der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit für eine Teilnahme ausgesprochen. "Es ist ein gutes pädagogisches Konzept", begründet Direktor Georg Waschulin. An seiner Unterstufe gibt es schon jetzt zwei Integrationsklassen für gehörlose Kinder, daher kenne man das System der Zweitlehrer schon und sehe es als Chance, es auszuweiten.

Lehrermangel und Ressourcen

Ein anderes Problem sieht Reinhart Sellner von der Unabhängigen Lehrergewerkschaft: "Ich bin froh, dass endlich auf die große Heterogenität der AHS-Unterstufe eingegangen wird." Er verweist aber auf den bereits jetzt bestehenden Lehrermangel, "wer soll also die zusätzlichen Stunden abhalten?"

Walter Riegler, Vorsitzender der Pflichtschul-Lehrergewerkschaft, teilt die Sorge, ob die "Wiener Mittelschule" für das Regelschulwesen taugt. "Es ist klar, dass ich bessere Ergebnisse bekomme, wenn ich mehr Ressourcen zur Verfügung stelle", sagt er. "In der Vergangenheit haben wir die traurige Erfahrung gemacht, dass mit Ende des Schulversuchs auch die Bonitäten für Schüler und Lehrer weggefallen sind." Trotz dieser Zweifel wolle aber der "Großteil der Hauptschulen" am Schulversuch teilnehmen. (APA)

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    Das Interesse der AHS-Lehrer an der "Wiener Mittelschule" hält sich in Grenzen.

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