Russland für Anfänger

10. November 2008, 15:58
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Kaliningrad galt im Westen lange Zeit als "Bollwerk der Rückständigkeit" - Jetzt ist die russische Exklave an der Ostsee dabei, sich neu zu erfinden: Als Brücke zwischen Ost und West. Eine derStandard.at-Reportage

Vier leuchtorange Türme schrauben sich an der grauen Gebäudefront aus dem Bodennebel. Die Skelette der halbfertigen Gangways daran angeln noch ins Leere. In den Abfertigungshallen hängen vereinzelt lose Kabel von der Decke. "Neu" kitzelt es in der Nase. Längst ist nicht alles verputzt, verschraubt, verkleidet. Der Flughafen ist eine Baustelle. Aber die Botschaft ist klar: Kaliningrad ist bereit. Für Touristen, für Geschäftemacher, für Aufschwung.

Kaliningrad, 13 612 Quadratkilometer Russland mitten in der EU. Eine "Insel". Die derzeit Schlagzeilen macht, weil hier Kurzstreckenraketen stationiert werden sollen. "Als Antwort auf das geplante US-Raketenabwehrsystem in Polen und Tschechien", lautet die Begründung des russischen Präsidenten Dimitri Medwedew.

Tor zum Westen, Tor zum Osten

Dabei will sich das kleine Fleckchen zwischen Polen und Litauen an der Ostsee jetzt endlich behaupten: Als Tor zum Westen für Russland. Als Tor zum Osten für Europa. Russland für Anfänger. Wegen seiner geografischen Lage, wegen seiner Geschichte. Nirgendwo lassen sich die Ambitionen der Exklave besser ablesen als auf den Anzeigtafeln am Flughafen: Von Hamburg nach Omsk, von München nach Nischni Nowgrorod. Kaliningrad will verbinden. West mit Ost, Vergangenheit mit Zukunft. Seit eineinhalb Jahren ist der neue internationale Flughafen in Betrieb. Aufbruchstimmung herrscht aber nicht auf der Rollbahn.

Um die Jahrtausendwende geisterte Kaliningrad in den Medien noch als "einzige Katastrophe" herum, als "Bollwerk der Rückständigkeit". Zu dem internationalen Politikern nur drei Schlagworte einfielen: Aids, Drogen und Armut. "Fast jedes Problem, das man sich vorstellen kann, in Kaliningrad finden Sie es", sagte der ehemalige schwedische Ministerpräsident Göran Persson. Das Kaliningrad von 2008 sieht anders aus.

Aufgeschüttete Erdwälle säumen den Weg vom Flughafen in die Stadt. Hier entsteht die erste Autobahn des gesamten Gebiets. Im Zentrum von Kaliningrad-Stadt ragen Kräne über die Plattenbauten, gelbe Farbtupfer im Betongrau. An bröckelnden Mauern kleben Plakate, die für neue, schicke Wohnungen werben. In der Nachkriegs-Neubauwüste am Pregelufer wachsen bunte Häuserreihen, die mit den Baustilen des alten Königsberg kokettieren. Überall wird gebaut, ausgebessert, vergrößert. Mit ihrem 750-Jahr-Jubiläum vor drei Jahren ist die Stadt aus ihrer postsowjetischen Lethargie erwacht. Schön ist Kaliningrad nicht. Aber lebendig.

Von Königsberg zu Kaliningrad

"Kaliningrad ist der ideale Ort, um Europa verstehen zu lernen", sagt Christian Welscher.
"Eine Stadt mit reicher europäischer Geschichte." Kaliningrads Geschichte beginnt, wo die Geschichte von Königsberg endet: Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. 1945 wurde dieser Teil von Ostpreußen zu einem Teil der Sowjetunion, aus Königsberg wurde Kaliningrad, aus Kaliningrad ein Militärsperrgebiet. Bis 1992 blieb es für Nicht-Sowjetbürger fast genauso unerreichbar wie der Mond.

"Königsberg war hier lange ein Tabu - jetzt greift man die Geschichte wieder auf", sagt Welscher. Der 33-Jährige aus dem deutschen Bielefeld lebt seit vier Jahren in der russischen Exklave. Gekommen ist der Landschaftsökologe wegen eines Unterrichtspraktikums. Geblieben ist er, "weil es ihm von Anfang an hier gefallen hat." Jetzt koordiniert er den "Europastudiengang" an der Technischen Universität Kaliningrad, den einzig deutschsprachigen in Russland.

Die Universität ist ein schmuckloser Gebäudekoloss am Platz des Sieges und beherbergt ein schwer durchschaubares Labyrinth an Gängen und Abteilungen in unterschiedlich heruntergekommenem Zustand. Welschers Büro ist neu. Frische Farbe an den Wänden, blitzender Parkett, schnelle Computer. Seit 2005 organisiert das Europainstitut Klaus Mehnert den Europastudiengang, finanziert wird er von zwei deutschen Stiftungen.

Die 20 Teilnehmer kommen aus allen Teilen Russlands, aus Armenien, Kasachstan, Tadschikistan, der Ukraine. Aus Deutschland und Österreich. "Für die Deutschen, die herkommen, ist Kaliningrad schon tiefstes Russland", sagt Welscher. Er lächelt. "Für die Russen ist die Stadt sehr europäisch." Auch wenn außer den großen Straßenzügen, ein paar alten Villen und dem renovierten Dom nicht mehr viel übrig ist, was an das alte Königsberg erinnern könnte.

Kein Kulturschock

Der Kulturschock bleibt auf beiden Seiten meist aus: Die Studenten sehen ihren Aufenthalt in Kaliningrad gelassen - Margarita aus Nowosibirsk wundert sich über das Wetter, das „sich achtmal am Tag ändert" und freut sich, dass "die Autos anhalten, wenn man über die Straße gehen will", Ina aus Frankfurt ist „sowieso nicht mit Horrorvorstellungen hergekommen" und hat "in deutschen Städten schon mehr Armut gesehen." Veronika aus Kasachstan möchte in Kaliningrad bleiben.

Kaliningrad ist ein Schmelztiegel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Bevölkerung vertrieben und Sowjetbürger aus allen Teilen der Union hier angesiedelt. Die Region sollte laut der Historikerin Ruth Kibelka "zum kommunistischen Musterland werden: mit atheistischer Bevölkerung sowjetischer Nationalität." Eine Umfrage der Fakultät für Politologie und Soziologie der Kaliningrader Kant-Universität hat nun ergeben, dass knapp 29 Prozent der Einwohner Kaliningrads noch nie auf dem Hauptterritorium Russlands waren, unter den 16- bis 24-Jährigen sind es sogar mehr als 38 Prozent. Gut ein Drittel der Bevölkerung sieht sich in erster Linie als Kaliningrader, erst in zweiter als Russen.

"Es gibt hier keine nationalen Spannungen mehr", sagt Andrej Portnjagin, Direktor des deutsch-russischen Hauses in Kaliningrad. "196 Nationalitäten aus der russischen Föderation und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken leben hier. Diese Vielfalt gibt es nicht einmal in Moskau." Auch Portnjagin ist selbst kein Kaliningrader, der 40-Jährige stammt aus Tscheljabinsk am Ural. "Aber meine Verwandtschaft hier, das sind Siedler der ersten Stunde."

An Portnjagins Revers heftet gut sichtbar ein Pin mit zwei gekreuzten Fahnen: die deutsche und die russische. An den Wänden seines Büros hängen Fotografien, die Kaliningrad von seiner ästhetischen Seite zeigen. Schwarzweiß-Aufnahmen von ungewöhnlichen Brückenkonstruktionen, von Pflastersteinen, die im Regen glänzen. Bevor man aus dem Büro geht, warnt ein Schild an der Tür: "Achtung, sie verlassen jetzt West-Berlin". Es ist ein Andenken an seine Studienzeit in der deutschen Hauptstadt.

Keine Regermanisierungsversuche

Portnjagin führt das deutsch-russische Haus als Ort der Begegnung, als Ort des Austausches. Gebaut wurde es 1992, gleich nach der Öffnung Kaliningrads, "für Russlanddeutsche und für ihre Nachbarn"; finanziert wird es aus den "Mitteln der Bundesrepublik Deutschland."
Zwischen 10.000 und 12.000 der "russischen Staatsbürger deutscher Nationalität" leben noch im Kaliningrader Gebiet, etwas mehr als ein Prozent der Bevölkerung. Für sie "und ihre Nachbarn" stehen gratis Deutschkurse am Programm, Folkloreabende, Ausstellungen. "Anfang der 90er Jahre gab es da ein paar Missverständnisse über unsere Tätigkeit. Man hat uns vorgeworfen, Kaliningrad regermanisieren zu wollen", erzählt Portnjagin. Er ist stolz, dieses Missverständnis aus der Welt geräumt zu haben: "Heute sind wir von allen Seiten anerkannt."

Am Leninski Prospekt, der die Stadt in Nord-Südrichtung vom Platz des Sieges bis zum Südbahnhof quert, geht Kaliningrad einkaufen. Die vierstöckigen Wohnblöcke am Straßenrand erinnern an Wiener Gemeindebauten aus den 60er Jahren. In den Erdgeschossen haben sich teure Geschäfte eingenistet. Über den blank geputzten Reklamen rosten in den oberen Stockwerken die Balkongeländer vor sich hin.

An den Bushaltestellen sitzen alte Frauen mit zerfurchten Gesichtern und fransigen Kopftüchern. Auf ausgebreiteten Kartons bieten sie ihre Ausbeute von der Datscha feil. Eine Handvoll Kartoffel, sechs Möhren, wilde Beeren, die sie in alten Gurkengläsern gesammelt haben. In den 90ern rollten hier unzählige deutsche Reisebusse über den Asphalt: Heimwehtouristen auf der Suche nach ihrem Königsberg fanden sich in Kaliningrad wieder, einer ihnen völlig fremden Stadt.

Gier nach Nachrichten

Ein Kind dieser Zeit ist die deutschsprachige Monatszeitung "Königsberger Express". "Die Gier der Deutschen nach Nachrichten aus der alten Heimat war damals groß" erzählt Viktor Tschernyschov. Der 59-Jährige ist seit mehr als sechs Jahren Teil des vierköpfigen Redaktionsteams. "Die beiden Herausgeber haben damals extra deutsch gelernt, um dieses Blatt zu machen." Unterstützung für ihr Vorhaben fanden Elena Lebedewa und Igor Sarembo bei der ehemaligen Chefredakteurin und Herausgeberin der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit", Gräfin Marion Dönhoff. Die Redaktion des Königsberger Express besteht gerade einmal aus zwei spartanisch eingerichteten Zimmern.

Neben dem Eingang hängt eine Weltkarte an der Wand. Bunte Nadeln markieren die Regionen, in die das Blatt verschickt wird. Gut die Hälfte der 5.000 Stück hohen Auflage geht ins Ausland. Die Abonnenten, meist ehemalige Ostpreußen, sind über die ganze Welt verstreut. Nur in Südamerika hat der Königsberger Express keine Leser. Das Layout der Zeitung ist denkbar einfach, in Schwarz-Weiß berichtet das 24-Seiten starke Blatt über das aktuelle Geschehen in der russischen Exklave:

Auf der Kaliningrader Kant-Universität wird nun auch Schwedisch unterrichtet. Die polnische Fluglinie LOT hat Kaliningrad aus ihrem Streckenplan gestrichen. Die Ausgrabungen am Kaliningrader Schloss sind abgebrochen worden. Zwei Seiten sind Leserbriefen gewidmet. "Kaliningrad und Umgebung sprühen vor lauter Aufbruchstimmung", schreibt Jörg Schubert, der mit seiner Lebenspartnerin erstmals das Kaliningrader Gebiet besucht hat. "Überall wird gebaut, es entsteht neues. So viele junge Menschen überall. Man bekommt richtig Lust, die Ärmel hochzukrempeln und mitzumachen." (Nicole Bojar/derStandard.at/10/11/2008)

 

  • Kaliningrad: russische Insel mitten in der EU
    foto: derstandard.at/b

    Kaliningrad: russische Insel mitten in der EU

  • Stadt im Aufbruch: Kaliningrad ist aus seiner postsowjetischen Lethargie erwacht.
    foto: derstandard.at/b

    Stadt im Aufbruch: Kaliningrad ist aus seiner postsowjetischen Lethargie erwacht.

  • Die Technische Universität Kaliningrad am Platz des Sieges
    foto: derstandard.at/b

    Die Technische Universität Kaliningrad am Platz des Sieges

  • Christian Welscher: "Kaliningrad ist der ideale Ort, um Europa zu verstehen."
    foto: derstandard.at/b

    Christian Welscher: "Kaliningrad ist der ideale Ort, um Europa zu verstehen."

  • Lange tabu: Die Zeit vor 1945, als Kaliningrad noch Königsberg war.
    foto: derstandard.at/b

    Lange tabu: Die Zeit vor 1945, als Kaliningrad noch Königsberg war.

  • Stadt im Wandel: Links eine schwarz-weiß Fotografie des alten Königsberg, rechts Kaliningrad heute.
    foto: derstandard.at/b

    Stadt im Wandel: Links eine schwarz-weiß Fotografie des alten Königsberg, rechts Kaliningrad heute.

  • In weiten Teilen der Stadt erinnert nicht mehr viel an das alte Königsberg.
    foto: derstandard.at/b

    In weiten Teilen der Stadt erinnert nicht mehr viel an das alte Königsberg.

  • Eines der wenigen Überbleibsel ist der Dom, der in den 90er Jahren renoviert wurde.
    foto: derstandard.at/b

    Eines der wenigen Überbleibsel ist der Dom, der in den 90er Jahren renoviert wurde.

  • Kein Kulturschock: Die Studenten des "Europastudiengangs"
    foto: derstandard.at/b

    Kein Kulturschock: Die Studenten des "Europastudiengangs"

  • Andenken der anderen Art: Dieser T34 soll bei der Erstürmung Königsbergs 1945 dabei gewesen sein.
    foto: derstandard.at/b

    Andenken der anderen Art: Dieser T34 soll bei der Erstürmung Königsbergs 1945 dabei gewesen sein.

  • "Für die Russlanddeutschen und ihre Nachbarn": das deutsch-russische Haus.
    foto: derstandard.at/b

    "Für die Russlanddeutschen und ihre Nachbarn": das deutsch-russische Haus.

  • Direktor Andrej Portnjagin: "Es gibt keine nationalen Spannungen mehr." In der Mitte die hellblaue Fahne Kaliningrads.
    foto: derstandard.at/b

    Direktor Andrej Portnjagin: "Es gibt keine nationalen Spannungen mehr." In der Mitte die hellblaue Fahne Kaliningrads.

  • Am Leninski Prospekt geht Kaliningrad einkaufen.
    foto: derstandard.at/b

    Am Leninski Prospekt geht Kaliningrad einkaufen.

  • "Königsberger Express"-Herausgeberin Elena Lebedewa, Übersetzer Viktor Tschernyschov: "Die Gier der Deutschen nach Nachrichten aus ihrer alten Heimat war groß."
    foto: derstandard.at/b

    "Königsberger Express"-Herausgeberin Elena Lebedewa, Übersetzer Viktor Tschernyschov: "Die Gier der Deutschen nach Nachrichten aus ihrer alten Heimat war groß."

  • Die Hälfte der Auflage geht an Abonnenten in der ganzen Welt.
    foto: derstandard.at/b

    Die Hälfte der Auflage geht an Abonnenten in der ganzen Welt.

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