Muzicant warnt vor Rechtsruck

9. November 2008, 22:09
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"Jede unklare Abgrenzung ist gerade jetzt eine Gefahr" - Gedenkveranstaltung in Wien - mit Video

Wien - Bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestags der Novemberpogrome in Wien ermahnte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Ariel Muzicant, Österreichs Politiker, sich gerade vor der nahenden Wirtschaftskrise klar von Rechtsextremismus abzugrenzen. "Die Barbarei der Novemberpogrome ist nur erklärbar aus alldem, was vorher geschehen ist - auch wirtschaftlich."

Daher sei gerade jetzt "jede Relativierung der Barbarei und jede unklare Abgrenzung zum Rechtsextremismus eine Gefahr". Muzicant erwähnte in diesem Zusammenhang die Wahl des FPÖ-Politikers und Burschenschafters Martin Graf zum Dritten Nationalratspräsidenten.

"Weniger Angst und mehr Hoffnung"

Die Politik müsse alles tun, dass die Menschen "weniger Angst und mehr Hoffnung haben", appellierte er an die zahlreich erschienenen Vertreter von Nationalrat und Wiener Stadtregierung sowie Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky (S). Unter den Gästen waren auch Kardinal Christoph Schönborn, der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos und der evangelische Bischof Michael Bünker. Muzicant bedankte sich besonders beim Wiener Bürgermeister Michael Häupl und dessen jüngst verstorbenem Vorgänger Helmut Zilk dafür, dass sie die jüdische Gemeinde in den vergangenen 25 Jahren beim Wiederaufbau unterstützt hätten.

Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg erinnerte daran, dass schon im März 1938 das NS-Regime Juden, die teils schon seit Generationen österreichische Bürger gewesen seien, zuerst "zu Fremden gemacht" und schließlich für vogelfrei erklärt habe. Heute sei die jüdische Gemeinde "dezimiert, verletzt und im Wiederaufbau begriffen", wobei klar sei, dass sie nie wieder so groß werde wie damals. "Aber immerhin: Heute sind wir wieder Bürger und das kann uns keiner nehmen", sagte der Oberrabbiner. Die große Zahl an Gästen aus der Politik an diesem Abend sei "der Beweis" dafür.

Insgesamt nahmen mehr als 250 Menschen an der von der Regisseurin Andrea Breth zusammengestellten Gedenkfeier im Stadttempel in der Seitenstättengasse teil. Elisabeth Orth und Udo Samel lasen Ilse Webers autobiografische "Briefe und Gedichte aus Theresienstadt", Georg Nigel sang Lieder des tschechischen Komponisten Pavel Haas, der 1944 im KZ Auschwitz umgebracht worden war (Klavier: Elisabeth Leonskaja). (APA)

 

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