Kaisermühlentunnelminuten

9. November 2008, 20:39
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Herr Sch. war zu schnell. Aber als er nachrechnete, stellte er fest, dass er noch viel viel schneller gefahren sein dürfte, als da im Strafmandat stand

 

Es war vor einem Monat. Da dürfte Herr Sch. mit seinem PKW zu schnell unterwegs gewesen sein. Das, mein Herr Sch., wolle er gar nicht in Abrede stellen. Schließlich könne das passieren. Auch und obwohl Herr Sch. auf dieser Strecke jeden Tag unterwegs sei und wisse, dass dort per „Section Control" das Tempo der Fahrzeuge gemessen wird: Er fahre, schreibt Herr Sch., daher mit ziemlicher Sicherheit immer etwa gleich schnell durch den Kaisermühlentunnel - und bestimmt nicht schneller als 80 km/h. Er sei, meint Herr Sch., schließlich nicht der Feind seiner eigenen Geldbörse.

Dass er da vor einem Monat dennoch zu schnell gewesen sein könnte, sei aber dennoch möglich, räumt Herr Sch ein: Etwa wenn die zulässige Höchstgeschwindigkeit an diesem Tag heruntergesetzt gewesen wäre. Ihm, schreibt Herr Sch., zwar keine Beschränkung aufgefallen - aber er sei durchaus bereit, sich erklären zu lassen, dass er (so wie die gesamte Kolonne) da ein Schild übersehen hatte. Darum, schreibt Herr Sch., habe er sich an die Asfinag gewandt. Mit der Bitte um Aufklärung.

Keine Daten

Es dauerte, schreibt Herr Sch., nicht lange bis er ein höfliches Mail bekam. Bloß: Mit der Antwort konnte Herr Sch. nicht viel anfangen. „Sehr geehrter Herr Sch., wir möchten Ihnen mitteilen, dass Daten zu Geschwindigkeitsbegrenzungen in Absprache mit der Behörde generell seitens der Asfinag nicht weitergegeben werden. Selbige sind bescheidmässig verordnet und der jeweils zuständigen Behörde - an die Sie sich auch wenden können - bekannt.".

Nun sei er, schreibt Herr Sch., ein wenig verärgert gewesen. Denn auch wenn formal die Behörde für Geschwindigkeitsbegrenzungen zuständig ist, sei es ja doch der Tunnelbetreiber, der das Tempo gemessen hätte. Und als Betroffener, meint Herr Sch., stehe es ihm wohl auch zu, Auskunft zu erbitten. Weil er sich nun aber ärgerte, habe er sich das Organmandat noch einmal vorgenommen - und habe mächtig gestaunt.

Rechenbeispiel

Da stand, dass Herr Sch. „zwischen 12:47 und 12:48 bei kundgemachten 60 km/h mit durchschnittlich 70 km/h in der Section Control auf der A22 zwischen km 3,750 und km 1,450 gefahren" sei. Er habe, schreibt Herr Sch., dann zum Taschenrechner gegriffen. Um das, was ihm als Kopfrechnung unglaubwürdig erschienen war, nachzuprüfen. Aber keine Chance: Nach den Angaben im Organmandat, war er (und die ganze Kolonne) noch schneller unterwegs gewesen: 2,3 Kilometer in einer Minute entsprechen nämlich 138 km/h.

Herr Sch. wunderte sich - aber die Asfinag hatte ihm ja schon mitgeteilt hatte, dass sie ihm nichts mitzuteilen habe. Und so landeten Mail und Rechendfrage bei mir.

Ratlos

Ich bin kein Rechner. Darum bat ich den in solchen Dingen gewieften Kollegen M. um Rat. Doch M. war zunächst auch ratlos. Und auch ein bisserl amüsiert: Einen Autofahrer, der sich selbst quasi ans Messer liefert, weil seine Geschwindigkeitsübertretung deutlich höher, als amtlich gemessen war, hatte er bisher noch nicht erlebt. Er würde, sagte M., da einmal nachfragen.

Eine Stunde später rief er wieder an: Dass die Asfinag Herrn Sch. - dem Betroffenen - nicht gesagt hatte, was man ihm umstandslos verraten hatte, sei nicht weiter verwunderlich. Und rechten. Im Tunnel sei an diesem Tag wegen Straßenreinigungsarbeiten am dritten Fahrstreifen Tempo 60 verhängt worden. Formal sei aber eben die Exekutive für das zuständig sei, was de facto in der Tunnelleitzentrale von einem Asfinag-Mitarbeiter per Knopfdruck (wenn auch mit gutem Grund) vollstreckt worden war. Aber Geschwindigkeitsbeschränkungen wären eben ebenso wie Anzeigen Polizeisache.

Kunststück

Nur hätte wohl auch die Polizei erst bei der Asfinag nachfragen müssen, wie Herr Sch. das Kunststück zuwege gebracht hatte, 2,3 Kilometer in einer Minute zu bewältigen - und das bei einem gemessenen Durchschnittstempo von 70 Km/h. Denn auch wenn die Messpunkte in der Anzeige auf drei Kommastellen genau angeführt sind, ist man bei der Zeitangabe weniger penibel: Im Mandat standen schließlich bloß Stunden und Minuten - aber keine Sekunden. Und da man die für den Verkehrsteilnehmer günstigste Version berechnen müsse, wäre die angegebene Minute eventuell ja sogar 119 Sekunden lang. Und die 70 km/h also korrekt.

Ein bisserl komisch, meinte Kollege M. sei das zwar schon. Aber er rate Herrn Sch. dennoch davon ab, sich weiter in diese Materie zu vertiefen: Zu schnell sei er schließlich in jedem Fall gefahren - und bevor da noch jemand auf die Idee käme, die Tunnelminute tatsächlich genau zu berechnen und daher die Strafe hinauf zu setzen, solle er lieber zahlen und das nächste Mal genauer auf die Verkehrszeichen achten.

Und die Frage, wieso ihm die Asfinag das nicht selbst erklären hatte können, solle Herr Sch. sofort wieder vergessen, meint M.: So ganz ohne Amtschimmel würde dem Leben nämlich etwas fehlen. Obwohl er, M., auch nicht so genau wisse, was eigentlich. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 10.November 2008)

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