"Vorschulischer Bereich unterfinanziert"

9. November 2008, 19:29
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Kleinkinder erhalten zu wenig Bildung und brauchen professionelle Pädagogik von Geburt an, meint Erziehungswissen- schafter Wassilios Fthenakis im STANDARD-Interview

Das wirkt sich bei Migranten-Kindern besonders stark aus, sagt er im Gespräch mit Marijana Miljković.

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STANDARD: 77 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund können bei Schuleintritt noch nicht deutsch. Was läuft falsch im Bildungssystem?

Fthenakis: Der Grund liegt darin, dass wir die Sprache und Kultur, die die Kinder mitnehmen, nicht wertschätzen und nicht im Curriculum vorsehen. Im deutschsprachigen Raum hat man generell Probleme im Umgang mit sozialer und kultureller Diversität. Wir müssen eine andere Philosophie entwickeln, wie man mit diesen Kindern umgeht. Eine Philosophie, die davon ausgeht, dass diese Kinder eine Bereicherung mit sich bringen. Das deutsche und auch das österreichische System sind nicht geeignet, um Sprachkompetenz zu stärken, weil sie die vom Kind initiierten Bildungsprozesse in den Mittelpunkt stellen und nicht den Dialog betonen. Wir müssen ein Modell einführen, indem das Kind Mitgestalter seiner Bildung ist und ermuntert wird, Gedanken zu äußern und zu diskutieren.

STANDARD: In Österreich soll jetzt das verpflichtende Bildungsjahr für Fünfjährige eingeführt werden, um Sprachdefiziten vor Schulbeginn zu begegnen. Ist das zu spät?

Fthenakis: Wenn das verpflichtende Jahr das letzte sein sollte, dann hat man die Entwicklung schon verpasst. Experten empfehlen die erste Fremdsprache spätestens im zweiten und dritten Lebensjahr des Kindes einzuführen. Nicht, weil man früh beginnen soll, sondern weil dies eine Zeit ist, in der das Kind die soziale Diskriminierung wegen fehlender Sprachkenntnisse nicht wahrnimmt. Wenn das Kind vier Jahre alt ist, ist es mitten drin in der Sprache und vermeidet die soziale Diskriminierung: Es schämt sich zu sprechen, weil es die Sprache nicht gut kann. Der Spracherwerb sollte in solchen Bildungsbereichen integriert werden, in mathematischen und naturwissenschaftlichen etwa, wo sich die Kinder nicht als defizitär erleben.

STANDARD: Ab wann braucht das Kind professionelle Pädagogik?.

Fthenakis: Von Geburt an. Diese bieten auch die Eltern. Aber es braucht auch einen Bildungsort, damit das Kind seine eigene Bildungs- und Entwicklungbiografie optimieren kann.

STANDARD: Heißt das, dass die Kinder schon möglichst früh in den Kindergarten gehen sollen?

Fthenakis: Meine Einschätzung ist: Wenn die Eltern das Kind in den ersten 18 Monaten selbst betreuen können, dann sollten sie es tun. Vorausgesetzt, dass sie ihr Familiensystem auch für andere öffnen, für Spielgruppen und ähnliches. Wenn sie es aber nicht tun, dann wird eine qualitätsvolle Einrichtung das Eltern-Kind-Verhältnis nicht beeinflussen. Und wenn sie kindgerecht organisiert ist, dann kann sie zur kognitiven sprachlichen Entwicklung des Kindes beitragen. Jedoch sollte man eine Ganztagsbetreuung vermeiden. Eine Halbtagsbetreuung für Kinder vom sechsten bis zum 18 Lebensmonat ist zu bevorzugen.

STANDARD: Wie ist der optimale Betreuungsschlüssel zwischen Kindergartenpädagogen und Kindern?

Fthenakis: Abhängig vom Entwicklungsniveau gibt es unterschiedliche Normen. In Österreich sind die Gruppen zu groß, um gute Bildungsarbeit leisten zu können. Sind die Kinder drei Jahre alt, sollten nur zwölf Kinder in der Gruppe sein. In der Krippe sollten maximal vier Kinder auf eine Fachkraft kommen. Wir brauchen ein Drittel mehr finanzielle Ressourcen um diese Standards in Österreich zu erreichen. Hier gibt man die Hälfte davon aus, was die OECD empfiehlt und vier Mal weniger als die Schweden. Insofern hat Österreich Nachholbedarf.

STANDARD: In Österreich wurden erst wieder die Studiengebühren abgeschafft, die Kindergärten sind aber bisher kostenpflichtig.

Fthenakis: Der Sekundar- und Tertiärbereich werden überfinanziert und der vorschulische und Grundschulbereich, auf die es im Bildungsverlauf im Wesentlichen ankommt, chronisch unterfinanziert. Das muss man umdrehen. Dazu kommt der Demographiefaktor: In Deutschland werden wir 2020 um 17 Prozent weniger Kinder haben. Damit spart sich die Politik Kosten. Meine Empfehlung ist, das Geld im Bildungssystem zu belassen, damit die Qualität gewährleistet wird.

STANDARD: Wir orientieren uns an den guten Bildungssystemen der nordischen Länder. Warum sind sie uns voraus?.

Fthenakis: Es ist eine gesamtgesellschaftliche Einstellung, was Bildung betrifft - ob die Bildung auf der politischen Agenda Priorität hat oder nicht. In Norwegen gibt es ein Kinder- und Familienministerium. Gewerkschaften, Kommunen, Staat und Eltern arbeiten zusammen. In Österreich oder Deutschland sieht man keine Eltern, die für eine gute Bildung demonstrieren. Wenn das nicht ist, schläft der Politiker sehr ruhig. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2008)

Zur Person: Wassilios Fthenakis, 71, ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Bozen. Der Standard sprach mit ihm im Rahmen der Fachtagung "Brauchen Kinder Pädagogik?" des Vereins Kinder in Wien.

  • "In Österreich sind die Gruppen zu groß, um gute Bildungsarbeit leisten
zu können. Sind die Kinder drei Jahre alt, sollten nur zwölf Kinder in
der Gruppe sein."
    foto: standard

    "In Österreich sind die Gruppen zu groß, um gute Bildungsarbeit leisten zu können. Sind die Kinder drei Jahre alt, sollten nur zwölf Kinder in der Gruppe sein."

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