Grauer Wüstling im Krankenkassenland

9. November 2008, 18:59
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"Baumeister Solness" mit Peter Simonischek in Graz

Graz - Henrik Ibsens Tragödie Baumeister Solness ist das verhohlene Selbstporträt des alternden Künstlers als gescheiterter Heimkehrer. Türme soll dieser äußerlich so erfolgsverwöhnte, innerlich aufgeriebene, von Skrupeln geplagte Selfmade-Architekt errichten: möglichst solche, die die Wolkendecke durchstoßen.

Weil aber Anna Badoras Solness-Inszenierung am Grazer Schauspielhaus ihr Heil in einfachsten Zeichensetzungen sucht, wird das Wohnzimmerbüro des Bauriesen in das helle Spinatgrün einer kleinstädtischen Kassenambulanz getaucht (Bühne: Paul Lerchbaumer). Wolkenbänke ziehen träge auf dem Prospekt vorüber, der die beklemmende Bühnenschachtel beschließt. Tut alles nichts: Burg-Star Peter Simonischek hat sich nun einmal entschieden, für die Dauer einer Klassiker-Spielserie als Stadttheaterprotagonist in seine steirische Heimat zurückzukehren. Dergleichen nennt man Wurzelkunde und, außerhalb der schützenden Salzburger Festspiel-Sphäre, wohl auch Wirkungserforschung.

Wer - außer der inszenierenden Intendantin - sollte diesem Solness deshalb auch vorwerfen, dass er ab der dritten Auftrittsminute als Kraftkerl zu imponieren versucht? Simonischek zieht alle Register - nur zieht er sie eben alle gleichzeitig. Er schnieft und nestelt am Anorak, während er die Augenbrauen hüpfen lässt.

Er sitzt im Bürostuhl wie in einem Katinensessel - Meister Solness kann sich vor auftrumpfender Jovialität kaum fassen. Er flunkert herum mit kleinen narkoleptischen Anfällen. Fällt sein alter, von ihm einst ruinierter, nun zum Tode hin erkrankter Assistent Brovik (Otto David) der Länge nach hin, tritt er angewidert einen Ekelschritt zurück: Schafft mir diesen Greis gefälligst aus den Augen!

Alles übrige Berichtenswerte ist rasch gesagt: Die ominöse Hilde Wangel (Verena Lercher), die als apfelfrischer Wildfang den grauen Panther bezirzt und karessiert, um ihn als Begehrende schließlich ins Verderben zu treiben, muss in klammen Bergschuhen die Mitte zwischen Nachtschwester und MTV-Girl halten. Dass hier eine eminente Begabung am Werk ist, wird immerhin deutlich. Ebenso rührt momentweise die feine Lebensunglücksstudie der Aline Solness (Steffi Krautz). Alles Übrige erlischt unter Simonischeks bleischwerem Schritt. In der Tat: eine Art Abbruchstragödie. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 10.11.2008)

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