Mach's noch mal, Mann!

9. November 2008, 18:48
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Friederike Hellers gescheiterter Inszenierungskurzflug durch Thomas Manns Künstlerroman "Doktor Faustus" macht im Wiener Akademietheater Grenzen deutlich

Nicht jede Prosa erträgt ihre Bebilderung.

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Wien - In seiner fiktiven Künstlerbiografie Doktor Faustus (1947) kehrte der deutsche Großromancier Thomas Mann noch einmal die Scherben des deutschen Kulturverhängnisses zusammen. Es ist das Glas gedecktfarbiger Butzenscheiben. Der Hauptheld ist nicht etwa Komponist, sondern "Tonsetzer". Er heißt Adrian Leverkühn. (Sein umschweifiger Biograf hört übrigens auf den philiströsen Namen "Dr. phil. Serenus Zeitblom".)

Leverkühn wird ausgerechnet mit den Mächten der Finsternis darüber handelseins, dass er die Krise der Kultur mit einem Schlag, mit nichts als dem Notenschlüssel in der Hand, beheben soll. Mann, der kunstfromme Großbürger, konstruiert das Verhängnis als philosophischen Teufelspakt: Leverkühn infiziert sich bei der schönen Esmeralda luetisch. Seine Kräfte erfahren prompt eine Steigerung ins Übermächtige, "Metavenerische". Wie aber soll eine gut aufgelegte Schauspielertruppe einen kulturdiagnostischen Befund, der obendrein auf die Nazi-Barbarei gemünzt war, im Wiener Akademietheater in zeitgenössisches Theater verwandeln?

An der Wiege dieses merkwürdigen Vertragswerkes auf Romanpapier steht eine bunt zusammengewürfelte Philosophenschar. Schopenhauer und Nietzsche, alle beide Hausgötter Manns, konferieren mit dem musikalischen Generalberater Theodor W. Adorno. Im Akademietheater, wo Regisseurin Friederike Heller ganze eineinhalb Stunden mit der Illustration der vielhundertseitigen Schwarte zubringt, ist man mit Themenbegrenzung gut ausgelastet.

Voilà: Man sagt den gut gekürzten Stoff kapitelweise auf. Fünf in graue Konzipientenanzüge gekleidete Damen und Herren halten sich die ungemein gekonnt mäandernden Thomas-Mann-Sätze in freundlicher Halbdistanz vom Leib.

Hellers Team würzt die gehetzte Performance mit allerlei Spieleinfällen. Man versprüht gute Laune zum diabolischen Spiel. Die große Bibiana Zeller tritt zu Anfang vor einen perforierten Blechvorhang, um sich als Chronist Zeitblom gewissenhaft einzuführen ("... nicht ohne die Gewärtigung freilich ...").
Ein Digest ohne Kern

Das Scheitern dieses doch arg genügsamen Wortoratoriums mit Titel Doktor Faustus - My Love is as a Fever liegt nicht so sehr in der Unmöglichkeit, Manns Intellektualismus auf das fassliche Maß einer Samstagabendunterhaltung herunterzubrechen. Es fehlt der projektierte Kern: Ursprünglich hätte Hellers Mann-Digest den gescheiterten Goethe-Faust am Burgspielplan flankieren sollen.

Man fällt nicht kopfüber auf das große Ganze hinein - man infiziert sich bloß ein bisschen. Eines der komplexesten deutschen Sprachkunstwerke des 20. Jahrhunderts wird als Brühwürfel benützt.

Zwei freundlich-sedierte Musiker der Band Kante untermalen die schauspielerischen Interventionen: Philipp Hochmair, eine Art Hochleistungs-Harlekin, verkleidet sich unter Zuhilfenahme einer Teppichfransen-Frisur als Beethoven (Mann leistet bekanntlich eine minutiöse Exegese von dessen Opus 111).

Er sitzt mit dem Gesäß im Paukenkessel fest: ein gutes Sinnbild für einen Abend, der schwarze Luftballone regnen lässt und den Lübecker Dichter als Video-Einspielung aus dem Leitraum zitiert: wiederum Frau Zeller, würdig und ernst und ungemein deutungsbeflissen. Der Teufel trägt Talar und Nuttenstiefel (Petra Morzé), Nachtfalter (Felix Goeser) fahren wie im Hühnerstall Fahrrad, und Leverkühn (Hochmair) wird ob der ihm aufgehalsten sexuellen Bedrängnisse ganz schummerig zumute.

Schwer zu sagen, ob der Thomas-Mann-Ignorant mit diesem verkochten Eintopf etwas anfangen kann. Ihm werden zum Beispiel die nationalistischen Ausfälle des mittleren Mann zugemutet. Wer aber weiß noch, was in den Betrachtungen eines Unpolitischen verzeichnet steht? Die Romanbearbeitungsgier der mittleren Regisseurselite stößt jedenfalls an erwartbare Grenzen. Nach lauen Abenden wie diesem wären bloß lange mitternächtliche Lektürestunden am Lesepult gefragt. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 10.11.2008)

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    Wer heißt hier eigentlich Leverkühn? Als die deutschen Komponisten in Thomas-Mann-Romanen noch Teufelspakte schlossen: Petra Morzé, Philipp Hochmair und Felix Goeser (v. li.).

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