"Chicago": Performance, als ging's ums nackte Leben

23. Juli 2004, 12:29
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Im Reality-TV von heute gang und gäbe, im Filmmusical "Chicago" eine heitere, dynamische Parabel: Mörderinnen als Superstars

Mörderinnen als Superstars: Was heute im Reality-TV gang und gäbe ist, erzählt das mehrfach für Oscars nominierte Filmmusical "Chicago" als heitere, dynamische Parabel auf das Unterhaltungsgeschäft, wo seit Jahrhunderten Ruhm und Infamie leicht verwechselbar sind.


Ähnlich wie mit dem Western verhält es sich heutzutage mit dem Filmmusical: Sporadisch produzierte Arbeiten erzählen meist auch über das Ende einer handwerklichen Tradition und eines Genres. Auffällig ist auch hier ein Hang zur stilisierten Verdüsterung (etwa, wenn man an Herbert Ross' unterschätztes Meisterwerk Pennies From Heaven mit Steve Martin und Christopher Walken denkt).

Und wenn dann, wie zuletzt etwa in Moulin Rouge das beschleunigte Videozeitalter mit seinen digitalen Möglichkeiten grüßen lässt, versöhnt dies immer noch nicht mit der Tatsache, dass man auch mit den teuersten Hollywood-Stars eine Disziplin und Eleganz, wie sie früher etwa Fred Astaire, Ginger Rogers oder Gene Kelly verkörperten, kaum simulieren, geschweige denn rekonstruieren kann.

Chicago, das Kinodebüt des Choreografen und Regisseurs Rob Marshall, umgeht dieses Handicap verhältnismäßig souverän. Wenn der Film an heutige MTV-Starkulte anschließt, dann vor allem über die clevere Story zweier Mörderinnen (Renée Zellweger und Catherine Zeta-Jones), die sich aus tristen Haft-Verhältnissen heraus in eine glamouröse Cabaret- und Varieté-Szene träumen und in derselben letztlich auch zu einem gefeierten Gesangs- und Tanzduo werden. Nicht nur die beiden weiblichen Stars, sondern auch Richard Gere als deren gefinkelter Anwalt spielen buchstäblich um ihr Leben - und das wirft vor dem Hintergrund üblicher Hollywood-Produkte, wo solche Akteure meistens nur noch irgendwie ihr Gesicht hinhalten, doch beträchtlichen dynamischen Mehrwert ab.

Gere war vermutlich seit Breathless nicht mehr derart physisch präsent. Zellweger, stimmlich schwach, ist als Nummerngirl im 30er-Jahre-Outfit nichtsdestotrotz doch ziemlich amüsant. Und Zeta-Jones beweist - wie zuletzt schon in Die Maske des Zorro - temperamentvoll, dass sie vermutlich 40 Jahre zu spät ins Entertainment-Geschäft kam. Ihre Auftritte schreien förmlich nach Technicolor.

Etwaige Defizite fängt der Regisseur dann mit überaus sorgfältiger Choreografie auf - etwa in einem Tanz von Zellweger, der sich quasi in einem finsteren Nichts zwischen Spiegeln in verschiedene Star-Perspektiven aufsplittert. Oder wenn Gere bei der Manipulation von Sensationsreportern zu einem diabolischen Puppenspieler mutiert. Das alles kommt nicht an die gloriosen und oft sehr düsteren Inszenierungen eines Bob Fosse (All That Jazz) heran, der einst Chicago am Broadway aus der Taufe hob. Aber es ist gut gemachter Mummenschanz, oft hart am Rand zur bewussten Schmiere.

Vor wenigen Jahren noch wäre für eine der Hauptrollen wohl Madonna in Erwägung gezogen worden: Sie hat es damals lediglich zur Verkörperung von Evita geschafft. Chicago ist dem Kitsch, der damals die Fettlinse zum Schmelzen brachte, turmhoch überlegen. Und vielleicht ist es ja ein Ausgangspunkt für weitere einschlägige Arbeiten.

Rob Marshall plant in nächster Zeit dem Vernehmen nach ein Projekt auf der Basis von Stoffen von Stephen Sondheim. Und wenn Chicago, wie erwartet, bei der kommenden Oscar-Verleihung abräumt, werden wohl noch ein paar andere Studios und Regisseure ihre Zukunftspläne überdenken. Trotzdem: Ob daraus noch einmal ein ganzes Genre neu erblüht, darf bezweifelt werden.
(DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.3.2003)

    <p>David Sowka hat Verständnis für <a href="/1244460640935" target="_self">Journalisten, die Twitter-Meldungen ungeprüft übernehmen</a>.</p>
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