Irakischer Zeuge: "Nichts ist übrig geblieben"

28. Februar 2003, 17:29
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Kronzeuge bestätigte 1995 die irakischen Aussagen, dass alle Waffen zerstört wurden

Wien - Hat der Irak nach dem Golfkrieg 1991 wirklich, wie von Bagdad wiederholt behauptet, alle seine verbotenen Waffen zerstört? Der wichtigste irakische Kronzeuge hat genau dies ausgesagt, und zwar der 1995 aus dem Irak geflüchtete General Hussein Kamel, dessen Enthüllungen von der US-Regierung oft zur Untermauerung dafür herangezogen werden, wie gefährlich der Irak sei.

Tatsächlich hatte der Schwiegersohn Saddam Husseins, der zehn Jahre lang die irakische Waffenindustrie managte, nach seiner Flucht nach Jordanien der damaligen UNO-Kommission Unscom genaue Auskunft über die Waffen des Irak gegeben, die sich später bis auf ein paar technische Details bestätigten: ein sehr glaubwürdiger Zeuge also. Hussein Kamel sagte bei seinem Debriefing jedoch auch aus, dass die irakische Führung alle verbotenen Waffen zerstören ließ, als nach dem Krieg 1991 die UNO-Inspektoren zur Abrüstung in den Irak geschickt wurden.

In einer dem Standard vorliegenden Abschrift eines Verhörs, dessen Echtheit bestätigt ist, liest sich etwa eine Passage so: Hussein Kamel: "... das Hauptaugenmerk war auf Anthrax, da gab es viele Versuche." Smidovich (Unscom): "Wurden Waffen und Agenten zerstört?" Kamel: "Nichts ist übrig geblieben."

Erst in seiner Pressekonferenz in Madrid am Freitag wiederholte Großbritanniens Premier Tony Blair, man würde weiter bis zu 8500 l Anthrax im Irak vermuten, und wie üblich nannte er auch chemisches Material, dessen Verbleib ungeklärt ist - was als Beweis dafür gilt, dass der Irak noch immer in dessen Besitz ist. Hussein Kamel betonte jedoch bei seinem Verhör neben all seinen Enthüllungen, dass die Iraker alles biologische, chemische, nukleare Waffenmaterial und alle verbotenen Raketen und ihre Triebwerke zerstörten. Der Irak konnte dies jedoch nie beweisen.

Allerdings sagte Hussein Kamel - der, als er vom Westen nicht als Alternative zu Saddam Hussein akzeptiert wurde, in den Irak zurückkehrte und dort ermordet wurde - auch, dass der Irak von allen Waffenprogrammen die Pläne behielt, um sie später wieder aufnehmen zu können. Und bis 1995 habe Saddam weiter vorgehabt, Kuwait und Saudi-Arabien zu erobern.

Die Mitschrift enthält andere interessante Details: Unter anderem nennt Hussein Kamel den von den Medien gehätschelten Nuklearphysiker Khidhir Hamza, der sich selbst als "Saddam's bombmaker" bezeichnet, einen "professionellen Lügner" - wobei er aber nichts vom irakischen Atomprogramm verschweigt. Warum man also nur den Aussagen, die den Kriegsbefürwortern ins Konzept passen, glauben soll, den anderen nicht, ist völlig unklar. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1. März 2003)

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    1991 zerstörte Missile-Raketenköpfe in Aziziyah

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