"Die Klinik ist entsetzlich"

2. März 2003, 13:46
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Unbekannte Briefe von Franz Kafka an Robert Klopstock, die in Max Brods Briefedition fehlen, wurden nun veröffentlicht

Das Wiener Antiquariat "Inlibris" veröffentlicht Briefe von Franz Kafka an Robert Klopstock, die gänzlich oder zum Teil unbekannt waren: Max Brod hatte sie nicht in seine Briefedition aufgenommen.

Wien – Er war Kafkas letzter Freund: 1921 hatte der Medizinstudent Robert Klopstock den an Tuberkulose erkrankten Schriftsteller im Sanatorium von Matliary kennen gelernt; und drei Jahre später war er derjenige, in "dessen Armen Franz Kafka gestorben" ist, wie es Klaus Mann formulierte. Über die Zeit dazwischen existieren 37 Briefe, in denen Kafka auch über seinen Krankheitszustand berichtet.

Sie fanden aber nur zum Teil Eingang in die Briefedition, die Max Brod herausgegeben hat. Denn der eigenmächtige Nachlassverwalter nahm, wie so oft, mitunter erhebliche Kürzungen vor. Und sieben Schreiben Kafkas wurden überhaupt nicht aufgenommen. Doch finden sich gerade in diesen einige sehr berührende Passagen.

In einem Brief vom November 1921 heißt es: "Das Unglück ist ja auch, dass die einflusslosen Leute wie ich Zeit, die einflussreichen aber keine haben; es hängt ja zusammen, eben weil jene Leute niemals Zeit hatten, haben sie Einfluss bekommen, aber bei Bittgängen ist es trotz seiner Natürlichkeit ärgerlich." Und weiter unten: "Es ist ja alles nur verhältnismässig; was für eine schreckliche Krankheit wäre z.B. die Liebe, wenn sie nicht allgemein üblich wäre."

Im Dezember 1921 notiert Kafka: "Mein Zustand ist schwankend, aber der Durchschnitt ist, was die Länge betrifft, nicht schlecht, zumindest verschlechtert er sich nicht. Nur gegenüber der anstürmenden Kraft Szinays (Arthur Szinay war Mitpatient in Matliary, Anm.) fühlte ich mich besonders elend." Mitte Februar berichtet er: "Das Ganze war ein merkwürdiges Gemisch von allerschlimmsten Schlaflosigkeit mit ihren Folgen und Gründen und dann wieder gut erträglichen Tagen, wobei ich gar nicht von der Lunge rede, die dauernd erträglich ist und mir nur die grössern schönen Spaziergänge und das Schifahren verbot."

Im Dezember 1923 später – Kafka war inzwischen übergegangen, seine Briefe nicht mehr mit "K", sondern mit "F" zu zeichnen – schreibt er: "Lieber Robert, Ihr Brief hat mich trotz mancher Traurigkeiten, die darin stehn, sehr gefreut, weil er mir Ihre Situation sehr begreiflich macht und mich an Ihrem Leben teilnehmen lässt. Ich kann die meinige nicht so begreiflich machen, konnte es niemals, bitte, nehmen Sie es mir nicht übel und hören Sie deshalb nicht auf, an meinem Leben teilzunehmen, es ist auch so möglich und es ist wahrscheinlich besser möglich, als wenn ich lange Berichte über mich schreiben würde, denn diese langen Berichte wären meiner Natur nach sehr ärmlich."

Zu jener Zeit lebte Kafka mit Dora Diamant in Berlin, die er im Sommer 1923 an der Ostsee kennen gelernt hatte. Nach seinen eigenen Worten hätte durch sie sein "ganzes Dasein eine unvorhergesehene, neue, glückliche, positive Wendung genommen": Es ist das einzige Mal, dass Kafka mit einer Frau zusammenwohnt. Als Kafka kränker wird, begleitet ihn Dora Ende März 1924 zurück nach Prag. Sie ist während seiner verschiedenen Krankenhaus- und Sanatorienaufenthalten immer bei ihm und begleitet ihn bis ins Sanatorium Kierling bei Klosterneuburg. Kurz vor seinem Tod hat Kafka noch schriftlich bei Doras Vater um ihre Hand angehalten. Doch der Vater gestattet die Heirat nicht: Die Absage trifft am 11. Mai ein.

Ab dem Jänner 1924 fügt Dora Diamant den Briefen an Klopstock Zusätze an. Brod hat sie gestrichen. Dabei geben gerade sie einen Einblick in die tragische Situation. Im April – Kafka wiegt nur mehr "49 kg in Winterkleidern" – schreibt sie: "Robert! Helfen was zu helfen ist! Die Medizin-Ärzte sind am Ende ihrer Macht. Absolut aufgegeben. Die Verzweiflung brachte mich auf den Gedanken der Homöopathie oder ähnlicher Heilmethoden. Ist nichts mehr zu verlieren. Bin allein in Wien, ganz auf mich angewiesen (Geld hab ich). Die Klinik in der Franz kommt, ist entsetzlich. Sie wird sein Ende beschleunigen. Er liegt mit zwei schrecklich leidenden Menschen (Auch Kehlkopf mit Apparaten) in einer Zelle. Bette an Bett. Er kann nicht essen, nicht sprechen! Robert helfen!"

Tage später klingt ein wenig Optimismus durch: "Franz geht es ein wenig besser. Wenn ich bloss die Hoffnung hätte, dass es gut werden kann. Wann ich ihn anschaue, in dies muntere lebhafte lachende Gesicht, glaube ich wieder an alles Gute. Diese von Leben und Lustigkeit strotzenden Augen können nur Schöpfen und leben verheissen. Da glaube ich den Ärzten kein Wort." Kurz darauf trifft Robert Klopstock, der sein Kommen angekündigt hatte, in Kierling ein. Kafka stirbt schließlich am 3. Juni.

Klopstock musste 1938 emigrieren. 1972 starb er als Spezialist für Lungentuberkulose in New York. Über seine Beziehung zu Kafka hat er immerzu geschwiegen. Die Korrespondenz ging in den Besitz seiner Frau Giselle über. Nach deren Tod 1995 wurde der Nachlass von einer Privatperson erworben. Das Antiquariat Inlibris brachte das Konvolut nun nach Wien, veröffentlichte das Material als Buch und bietet die Dokumente um 1,2 Millionen Euro zum Kauf an.
(Thomas Trenkler / DER STANDARD, Printausgabe, 1./.2. 3. 2003)

Literatur

"Kafkas letzter Freund. Der Nachlass Robert Klopstock (1899-1972)."

Mit kommentierter Erstveröffentlichung von 38 teils ungedruckten Briefen Franz Kafkas.

Bearbeitet von Christopher Frey und Martin Peche, hrsg. v. Hugo Wetscherek.

115 Illustrationen und ein vollfarbiges Faksimile.

Wien: Inlibris 2003.
412 Seiten,
65 Euro.

Link

inlibris.at

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