Auch Inder und Chinesen sind immer da gewesen

9. November 2008, 17:29
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Für die USA hätten die Österreicher ebenfalls Barack Obama gewählt - Für Österreich wohl nicht

Für die USA hätten die Österreicher ebenfalls Barack Obama gewählt. Für Österreich wohl nicht. Auch keinen Türken oder Bosnier, um Gottes Willen nein. Darüber sind in den letzten Tagen etliche gescheite Texte erschienen, aber auch ziemlich reaktionäre Bemerkungen gefallen, wie jene des ehemaligen ORF-Kommentators Klaus Emmerich über die angebliche Unreife der Afro-Amerikaner.

Es wäre höchste Zeit, die Debatte darüber breiter zu führen. Gerade im Sinne des „Neu Regieren". Wieder einmal wird von einem „neuen Stil" geredet, den die Rabauken auf allen Partei-Seiten nach wenigen Wochen vergessen haben oder bewusst torpedieren werden. Von Zukunftsaufgaben ist wenig bis nichts zu hören.

Obamas Sieg hat nicht nur die multikulturellen Gesellschaftsfragen aktualisiert. In Österreich hätten wir die Aufgabe, über die Sorgen und Chancen der Volksgruppen zu sprechen. Wir kennen die Wünsche der Slowenen, der Kroaten, der Slowaken, der Ungarn, der Tschechen, der Polen. Wir diskutieren viel über die Türken und Bosnier, über deren muslimische Bekenntnisse. Die Präsenz der Afrikaner wird vor allem dann problematisiert, wenn es um nigerianische Drogendealer geht.

Österreich beherbergt 30.000 Menschen mit chinesischen Wurzeln, in Wien leben etwa 5000 naturalisierte Inder, 4000 vor allem weibliche Thais sowie etwa gleich viel Philippinos. Sie sind nicht als Volksgruppen erfasst, sie haben ganz eigene (Familien)strukturen und arbeiten, was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, in speziellen Branchen. Die Chinesen im Gastgewerbe, die Inder als Schneider, Taxifahrer und Computerexperten, die Thais als Kindermädchen und Ehefrauen. Sie artikulieren ihre Probleme nicht öffentlich und werden daher in der Regel als angenehme Mitbürger empfunden. Weshalb es verständlich ist, wenn einem jemand in der U-Bahn sagt: „Wissen Sie, ein indischer Kollege ist mir sogar kulturell näher, als ein deutscher Burschenschafter."

Schon richtig: Es gibt einen Moslem im Wiener Gemeinderat, eine Türkin neuerdings im Nationalrat. Aber selbst die Grünen, merkte Eva Weissenberger in der Kleinen Zeitung an, schafften es nicht, eine Frauenrechtlerin aus Kamerun auf die Nationalrats-Wahlliste zu setzen.

Es gibt sie sicher, die politisch begabten Inder und Chinesen. Oder Thai-Frauen, die zu Sozialfragen viel zu sagen hätten. Sie sind immer da gewesen, in den letzten dreißig Jahren. Aber es fiel keiner politischen Partei ein, aktiv auf sie zuzugehen.

Den neuen Regierern werden solche Überlegungen gleichgültig sein. Sie reagieren auf den Tag und auf die Umfragen - wenngleich man ihnen die Sorge um die Wirtschaftszukunft nicht absprechen sollte. Nur: Was sollen die „Österreich-Gespräche" der Parteien? Placebo sind sie. Besser wäre es, die in Österreich lebenden Volksgruppen (auch die bisher nicht organisierten) zu einem Mega-Round-Table einzuladen, ihnen zuzuhören und daraus Schlüsse zu ziehen.
Dazu gehört auch die Forderung, die Integrations- und Einwanderungsaufgaben vom Innenministerium (=Polizeiressort) zu lösen und damit ein eigenes Ministerium zu befassen.  (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2008)

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