Alois Hotschnig erhielt Erich Fried Preis 2008

9. November 2008, 15:39
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Laudatorin Katja Lange-Müller: Hotschnigs Texte enthalten "nicht einen Tropfen Überflüssiges" - Hotschnig: "Auf Fußangeln aufmerksam machen und im Kleingedruckten forschen"

Wien - Der in Innsbruck lebende Kärntner Autor Alois Hotschnig (49) wurde heute, Sonntag, Vormittag, im Literaturhaus Wien mit dem Erich Fried Preis 2008 ausgezeichnet. Auf den Preisträger treffe das manchmal gebrauchte Diktum "Der ist ja wohl nicht ganz dicht", keineswegs zu, versicherte die alleinige Jurorin Katja Lange-Müller zu Beginn ihrer Laudatio, "Alois Hotschnig ist dicht - und Dichter. Ich möchte sogar behaupten, er wird dichter mit jedem weiteren Text."

Es falle ihr "immer wieder so schwer, abzuwarten, bis Alois Hotschnig - etwa alle fünf, sechs Jahre - einen neuen Band fertig hat. Ich, seine Leserin, brauche so viel Zeit nicht, aber wenn ich dann endlich den jeweils jüngsten Hotschnig vor Augen habe, wird mir - Wort für Wort, Satz für Satz - klarer, was mir eh schon klar war: dass er sie brauchte, diese ganze lange Zeit, weil derart konzentrierte Texte eben nicht Resultate eines womöglich von Kaffee und Rotwein katalysierten Schaffensrausches, eines Anfalls von Schreibwut, einer unerhörten Fabulierlust sind."

"Wasserdicht"

Hotschnigs Texte enthielten "nicht einen Tropfen Überflüssiges", so Lange-Müller, "Damit ein Stück Literatur derart 'wasserdicht' wird und dennoch nicht erstarrt in eisiger Makellosigkeit, sind Zeit, Distanz, Musikalität, Wortwissen und Zweifel vonnöten, Zweifel an allem jemals Gehörten, Zweifel an der Treffgenauigkeit der vertrauten Begriffe, Zweifel an der eingeübten Wort- und Wirklichkeitswahrnehmung, Zweifel an der eigenen Sprach- und Erkenntnisfähigkeit." Bei Hotschnig habe sie "nie das Gefühl, er schreibe aus Muße oder um Frauen zu beeindrucken oder um einfach einmal wieder Dampf abzulassen. Jede seiner Zeilen, jedes Wort und jedes Satzzeichen beweisen mir, dass sich seine Schreibenergie aus dem Bedürfnis speist, unser so bewegtes, mitunter auch bewegendes Sein ergründen zu wollen."

Um die Wichtigkeit des genauen Hinsehens und Hinhörens, und eben auch des genauen Blicks auf richtige, fehlende oder fragliche Zeichensetzung, die den Blick auf die Wirklichkeit stark beeinflussen könne, ging es Hotschnig in seiner Dankesrede. Eine der Möglichkeiten von Literatur könne es sein, "Irrtümer oder Fallen zu enttarnen", "auf Fußangeln aufmerksam zu machen und im Kleingedruckten zu forschen, im Beistrichbereich, in dem es um nicht weniger geht als um alles". Erich Frieds Texte seien ihm, den in einem Kärntner Dorf Aufgewachsenen, "Gegenmittel" gewesen gegen ein Buch, das ihn schon früh verstört und beeinflusst habe: den Lebensbericht des Auschwitz-Lagerleiters Rudolf Höss. "In Erich Fried hatte ich meinen Informanten gefunden, einen Gesprächspartner", der ihn auch für Haltung und Erzählhaltung, Strategie und Erzählstrategie sensibilisiert habe.

"Ortstafelfrage"

Das Lesen von Frieds Texten bedeute für ihn auch, "vorbereitet zu sein, wofür auch immer, und sei es, um im rechten Moment ein Zeichen zu setzen, zum Beispiel dann, wenn der ehemalige Landeshauptmann von Kärnten eine sogenannte Sonderanstalt einrichtet für sogenannte verdächtige Asylwerber (...) und Asylwerber ohne Verfahren und ohne ein Vergehen, dessen sie sich schuldig gemacht hätten, in diese Sonderanstalt transportieren lässt, um sie dort wegzusperren, und wenn sein ehemaliger Pressesprecher, der sich durch Aussagen wie 'Kärnten wird einsprachig' oder 'Wollen Sie eine endgültige Lösung der Ortstafelfrage' hervorgetan hat, diese Sonderanstalt als Zwischenlösung bezeichnet, dann wäre das aus meiner Sicht so ein Moment."

Gesellschaft für Literatur und Sprache

Der Erich Fried Preis ist mit 14.600 Euro dotiert und geht an Schreibende jüngerer Jahrgänge, die noch eine - hoffentlich große - literarische Zukunft vor sich haben. Er ist vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur gestiftet und wird von der Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache vergeben. Der Preis wird auf Vorschlag einer jährlich wechselnden, autonom entscheidenden Jurorin oder eines Jurors vergeben. Zu den bisherigen Preisträgern zählen Christoph Hein, Gert Jonke, Elfriede Gerstl, Marcel Beyer und zuletzt Peter Waterhouse.

Alois Hotschnig wurde am 3. Oktober 1959 in Berg im Drautal (Kärnten) geboren. Er studierte Medizin, Germanistik und Anglistik in Innsbruck. Seit 1989 lebt er als freier Schriftsteller in Innsbruck. Mit seinen Erzählungen "Aus" (1989) und "Eine Art Glück" (1990) und seinem Romandebüt "Leonardos Hände" (1992) etablierte er sich rasch als genau beobachtender und sensibel formulierender Autor in der deutschsprachigen Literaturwelt. Neben weiteren Prosawerken und dem Roman "Ludwigs Zimmer" (2000) veröffentlichte er auch Hörspiele, Stücke und Libretti. Zuletzt erschien 2006 der Erzählband "Die Kinder beruhigte das nicht". (APA)

 

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