Zukunft der Medien als Diskussionspunkt bei Grazer "Elevate"-Festival

8. November 2008, 14:50
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Kritik am "Fehlen junger Mitarbeiter beim ORF" - Publikum vermisst Formate a la "Ohne Maulkorb"

Wie macht man Programm für Jugendliche? Wo liegt die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens? Diesen Fragen stellten sich Experten angesichts sinkender ORF-Quoten bei jugendlichen Sehern am Freitagabend im Rahmen einer Podiumsdiskussion beim vierten Grazer Schlossbergfestival "Elevate".

"Die Jungen verkriechen sich im Netz"

"Die österreichische Gesellschaft ist zu einer Wellness-Gesellschaft geworden, in der Bildung zweitrangig ist und nicht einmal mehr die Jungen gegen die herrschenden Strukturen protestieren, sondern sich im anonymen Internet verkriechen", fasste ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz das Problem bei den unter 30-Jährigen aus seiner Sicht zusammen. Stimmen aus dem Publikum kreideten dem Sender das Fehlen einer Plattform zur Meinungsäußerung an. Formate der 70er und 80er Jahre wie "Ohne Maulkorb", "Okay" und "X-Large", die häufig äußerst kritische Beiträge zum politischen Zeitgeschehen wie auch zu musikalischen Themen geliefert haben, fehlten derzeit gänzlich im Programm.

Generationenwechsel

Karl Pachner, Geschäftsführer von ORF online, sah das Problem im Generationenwechsel. Die altgewordenen Revolutionäre der 68er-Bewegung säßen heute im ORF und machten Programm. "Menschen wie ich haben den Jungen die Bilder zum Revoltieren genommen. Gegenkultur ist heute Mainstream", zog Pachner ein Resümee. Für den Autor und Regisseur David Schalko ("Sendung ohne Namen") besteht die "Ferne des ORF zu den Jungen" ebenfalls darin, dass der öffentlich-rechtliche Sender fast keine jungen Mitarbeiter habe. Programmdirektor Lorenz erklärte dazu, er sei ein "gefesselter Riese", der die Beschäftigungsstruktur kurz- und mittelfristig nicht ändern könne. Schließt man nach den Publikumsmeldungen, so dürfte die Zukunft der Medien im Internet liegen, dem "einzigen demokratischen Medium", wie es ein Diskussionsteilnehmer ausdrückte. Über Blogs und Foren fühlten sie sich besser vermittelt. ORF-Programmdirektor Lorenz ging auf die Medienkraft des Internet nicht wirklich ein und meinte, Fernsehen könne Themen setzen, im Internet hingegen finde man keine Zuhörer.

Der Trend nach rechts

Weiterer Diskussionspunkt war der Trend nach rechts, der sich bei der Nationalratswahl 2008 abzeichnete. Dass rund 50 Prozent der Wähler unter 30 Jahren FPÖ oder BZÖ gewählt haben, sei laut Heinz Wittenbrink von der FH Joanneum Teilschuld der Medien. Berichterstattung und Diskussionen über rechtsgerichtete Populisten sollten abgewürgt werden. "Strache und Le Pen darf keine Bühne geboten werden", so Wittenbrink. Dies könne jedoch sehr schnell ins Gegenteil umschlagen, warnte FM4-Chefin Monika Eigensperger vor Meinungs-Monopolismus. Lorenz zum Publikum: "Ihr wählt rechts und erwartet von uns ein linkes Programm. Klagt nicht den ORF an, das er euch nicht vor euch gewarnt hat." Vorschläge zur Verbesserung des Jugendprogramms gab es bis zum Ende der Diskussion keine. Das "Elevate"-Festival versteht sich als Schnittstelle zwischen Musik, Jugendkultur und Gesellschaftspolitik und verbindet Konzerte und Live-Acts mit Diskussionen und Workshops.(APA)

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