"Da haben die Spieler nachher wenigstens in der Kabine geweint"

8. November 2008, 14:48
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Stickler zieht sich "erhobenen Hauptes zurück" - Von den Leistungen des Teams, der U21 und von Hickersberger ist er persönlich enttäuscht - Forderung nach hauptamtlichem ÖFB-Chef

Wien - Am Tag nach seinem überraschenden Rücktritt als Präsident des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB) hat Friedrich Stickler noch einmal die Gründe für seinen Abgang dargelegt. Anlass für seinen Rückzug sei die berufliche Auslastung in seinem Job als Generaldirektor-Stellvertreter der Österreichischen Lotterien gewesen, die ein angemessenes Engagement als Chef des Verbandes unmöglich mache.

Beruflicher Stress

Mit den jüngsten Misserfolgen des A-Teams habe seine Entscheidung nichts zu tun. "Es wäre auch dann nicht anders gelaufen, wenn wir in der WM-Qualifikation mehr Punkte gemacht hätten." Der berufliche Stress in den Lotterien war offenbar zu groß. "Nach der EURO 2008 habe ich begonnen nachzudenken, ob ich das alles zeitlich noch schaffe, weil bei den Lotterien eine schwierige Phase begonnen hat", erklärte Stickler, dessen Unternehmen sich im Moment in einer Phase der Neustrukturierung befindet. Er selbst habe mit dem Bereich Internet/Neue Medien ein neues Aufgabengebiet dazubekommen. "In den letzten Monaten hatte ich immer das Gefühl, dass ich die beiden Aufgaben nicht unter einen Hut bringen kann."

Logische Konsequenz

Seine persönliche Problematik ließ in Stickler die Erkenntnis reifen, "dass der ÖFB keinen ehrenamtlichen Präsidenten verträgt, außer er ist sehr wohlhabend und dadurch nicht von den Einnahmen aus seinem Beruf abhängig oder er ist in Pension. Das war für mich die Grundlage meines Entschlusses". Deshalb sei der Rücktritt die logische Konsequenz gewesen. "Bei meinem Unternehmen verdiene ich mein Geld, beim Fußball bekomme ich hin und wieder eine warme Mahlzeit und manchmal auch Kritik."

"Nie am Tischbein gesägt worden"

Kritik der Öffentlichkeit oder der Präsidiumsmitglieder sei für seine Entscheidung aber nicht ausschlaggebend gewesen. Den Gegenwind aus den Medien habe er - zumindest teilweise - verstanden, und mit den Landespräsidenten gab es laut Stickler nie gravierende Probleme. "Wir hatten im Präsidium Auseinandersetzungen, aber es war immer eine ausgezeichnete, konstruktive Stimmung, und es ist nie an meinem Tischbein gesägt worden", beteuerte der Wiener. Nachdem er dem Präsidium am Freitagabend seinen Entschluss mitgeteilt hatte, bekam Stickler nach eigenen Angaben den Eindruck vermittelt, "dass im Präsidium tiefe Betroffenheit geherrscht hat".

Erhobenen Hauptes

Stolz vermeldete der scheidende ÖFB-Boss, dass sein Nachfolger einen wirtschaftlich gut aufgestellten Verband übernehmen kann. "Ich übergebe einen finanziellen und gut geordneten ÖFB. Ich ziehe mich mit einem gewissen Stolz und erhobenen Hauptes von diesem Posten zurück." Der Zeitpunkt des Abschieds war überraschend, wie Stickler auch selbst zugab. "Aber der Zeitpunkt wäre immer schlecht gewesen."

"Wortbruch"

Schon nach der EM habe er mit einem Rücktritt spekuliert, doch dann kam ihm der Abgang von Josef Hickersberger und die daraus resultierende Teamchef-Suche dazwischen. "Hickes" Handlungsweise liegt Stickler ("Ich bin von ihm persönlich enttäuscht") noch heute im Magen, für ihn sei es ein "Wortbruch" gewesen, "denn wir waren uns per Handschlag über die Vertragsverlängerung vollkommen einig".

"No-Win-Situation"

Rückblickend sei der Abschied von Hickersberger einer der schwierigsten Momente seiner sechs Jahre und sieben Monate währenden Amtszeit gewesen. Das unglückliche Timing bei der Teamchef-Bestellung des ehemaligen Rapid-Meistermachers im Herbst 2005 unmittelbar vor einem Champions-League-Spiel der Hütteldorfer verteidigte der Wiener. "Das war eine No-Win-Situation, weil die Liga an diesem Tag ihre Sitzung hatte und Hickersberger als Teamchef vorgeschlagen hätte, und dann hätte es so ausgesehen, als ob mir ein Kandidat aufs Auge gedrückt worden wäre."

Selbstkritik

Selbstkritik zeigte Stickler hingegen bezüglich der Verlängerung des Vertrags von Hans Krankl nach der verpassten Qualifikation für die EM 2004 ("Damals wäre ein Schnitt und eine Verjüngung der Mannschaft möglich gewesen") und beim misslungenen Rekrutierungsversuch von Steffen Hofmann für das ÖFB-Team im Sommer 2005. "Da hatten wir zwar die mündliche Zusage des FIFA-Präsidenten, aber wir sind dann an den FIFA-Statuten gescheitert. Das betrachte ich als persönliche Niederlage."

Kritik an Spielern

In seiner Amtszeit wurden die Qualifikationen für die EM 2004 und die WM 2006 nicht geschafft, auch in den Freundschaftsspielen setzte es viele Niederlagen. "Wir mussten ein Team für die EM formen, aber trotzdem ist es nicht lustig, wenn man so viele Spiele verliert", gab Stickler zu. Sein Ärger über die jüngsten Ergebnisse gegen die Färöer (1:1) und Serbien (1:3) ist noch nicht verraucht. "Vielleicht nimmt der eine oder andere die Einberufung ins Nationalteam nicht ernst genug, vielleicht besteht ein Motivations- oder Identifikationsproblem, vielleicht muss man sich von dem einen oder anderen trennen", mutmaßte der nunmehrige Ex-ÖFB-Präsident.

Stickler stieß auch die im November in letzter Sekunde ("Vielleicht fehlt im österreichischen Fußball der Killerinstinkt, den Sack zuzumachen") verpasste Teilnahme an der U21-EM sauer auf. "Aber da haben die Spieler nachher wenigstens in der Kabine geweint. Das habe ich bei der Mannschaft nicht gesehen, die nach dem 1:1 gegen die Färöer heimgeflogen ist." Die Kritik einiger Spieler an der Organisation der Rückreise aus Torshavn habe ihn "persönlich getroffen, weil sie zeigt, dass die Spieler Gründe bei anderen, aber nicht bei sich selbst gesucht haben".

"Mein Projekt"

Die Highlights seiner Amtszeit waren der Zuschlag und die erfolgreiche organisatorische Abwicklung der EURO 2008 sowie Achtungs-Erfolge auf Junioren-Ebene wie etwa der vierte Platz bei der U20-WM 2007 in Kanada. Letzteres sei auf die "Challenge 08"-Initiative zurückzuführen, die Stickler als "mein Projekt" bezeichnete. "Das rechne ich mir wirklich an. Im Nachwuchsbereich ist viel geschehen." In diesem Zusammenhang plädierte Stickler dafür, die Landesverbände als Träger der Akademien zu belassen, "weil sie dann aufgefangen werden könnten, sollte ein Verein in Konkurs gehen." Unerlässlich sei bei diesem Thema eine intensive Zusammenarbeit mit der Bundesliga, die seit dem Amtsantritt von Liga-Boss Martin Pucher vor rund zweieinhalb Jahren "dramatisch besser" geworden sei.

"Nagelprobe für den ÖFB"

Der gemeinsam mit der Liga entwickelte Österreicher-Topf ist für Stickler sogar besser als das von der FIFA forcierte, aber rechtlich fragwürdige "Homegrown"-Projekt der FIFA. "Österreich muss weiterhin alles daran setzen, sich als Ausbildungsland zu entwickeln", forderte der 59-Jährige. Außerdem riet Stickler dem ÖFB, das Führungsgremium auf eine beschauliche Personenzahl zu reduzieren. Dass dabei Widerstand aus so manchem Landesverband zu erwarten ist, weiß Stickler. "Aber das wird die Nagelprobe für den ÖFB."

Einen Wunsch-Nachfolger hat Stickler nach eigenen Angaben nicht. Viel werde davon abhängig sein, ob künftig tatsächlich ein hauptamtlicher Präsident den ÖFB führe. In diesem Fall wäre wohl der aktuelle Generalsekretär Alfred Ludwig ein Anwärter, auch wenn Stickler seinen "General" nicht direkt ins Spiel bringen wollte. "Aber dass er einer der Funktionäre im österreichischen Fußball ist, der über unglaubliches Fachwissen und Erfahrung verfügt, ist klar." Stickler skizzierte sein persönliches Anforderungsprofil für den neuen ÖFB-Chef. "Vorrangig ist, dass er der Manager dieses Verbandes ist. Aber es ist auch Fußball-Sachverstand wichtig."

UEFA-Karriere?

Sticklers Karriere im österreichischen Fußball ist vorbei, der UEFA könnte er hingegen noch länger erhalten bleiben. Zumindest bis zum nächsten Kongress im März 2009 sitzt der Wiener der europäischen Club-Wettbewerbskommission vor. Ob er dann die Führung zurücklegt, ließ Stickler ebenso offen wie seine Kandidatur für das Exekutiv-Komitee, das höchste Gremium des europäischen Verbandes.

Mehr Zeit für Brückner

Am Samstag verabschiedete sich Stickler telefonisch unter anderem von Teamchef Karel Brückner, den er einmal mehr verteidigte. "Die Kritik an ihm kam zu schnell und zu emotional. Er ist einer der besten europäischen Trainer, man muss ihm für diese Aufgabe schon ein bisschen Zeit geben."

Kritik an Svetits

Zum Abschluss ließ es sich der 59-Jährige nicht nehmen, heftige Kritik am Magna-Wiener-Neustadt-Sportdirektor Peter Svetits zu üben. "Er ist der böse Geist im österreichischen Fußball, man wäre gut beraten, ihn von allen Funktionen fernzuhalten. Er vertritt nur seine eigenen Interessen beziehungsweise die einer ihm nahestehenden Gruppierung. Ich glaube nicht, dass er irgendwann etwas Gutes für den österreichischen Fußball entwickelt hätte." (APA)

 

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    Stickler zu den jüngsten Leistungen des Teams: "Vielleicht nimmt der eine oder andere die Einberufung ins Nationalteam nicht ernst genug, vielleicht besteht ein Motivations- oder Identifikationsproblem, vielleicht muss man sich von dem einen oder anderen trennen"

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