"Lebenslang für Erstvergehen geht nie durch"

8. November 2008, 14:25
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IOC-Chef Rogge fordert härtere Gangart bei Dopingfällen und will Kampf gegen Inaktivität und Übergewicht forcieren - Interview

Wien - Den Kampf gegen Doping und die zunehmende Inaktivität der Jugend sieht IOC-Präsident Jacques Rogge als die anhaltend großen Herausforderungen für das Internationale Olympische Komitee. Das sagte der 64-jährige Belgier, der 2009 für eine weitere Vierjahresperiode kandidiert, am Freitagabend anlässlich der 100-Jahre-Gala des ÖOC in der Wiener Hofburg.

Rogge sieht den mächtigsten Sportverband der Welt trotz der weltweiten Finanzkrise gut aufgestellt und die kommenden Spiele in Vancouver, London und Sotschi als nicht gefährdet. Die Situation mit Österreich bezeichnet Rogge nach den offenbar ausgestandenen Irritationen wegen der Vorfälle in Salt Lake City und Turin als "gut". Das IOC sei sehr zufrieden damit, wie man in Österreich mittlerweile gegen Doping vorgehe, meinte Rogge, der die Doping-Geisel aber gleichzeitig als offenbar unausrottbaren Bestandteil des Sports bezeichnete.

Bezüglich künftiger Bewerbungen um Spiele meinte Rogge, dass Österreich beste Voraussetzungen dafür habe. "Wer eine EURO organisieren kann, kann auch Winterspiele veranstalten."

Wie beeinflusst die Finanzkrise und das anhaltende Dopingproblem die Situation des IOC?

Rogge: "Wir haben extrem konservativ investiert, deshalb wirkt sich die Finanzkrise derzeit bei uns nicht aus. Und laut Gesprächen mit den Organisationskomitees der kommenden Spiele in Vancouver, London und Sotschi ist die Situation unter Kontrolle. Es gibt keinen negativen Effekt."

Und Doping?

Rogge: "Doping ist und bleibt ein ewiges Problem im Sport, aber wir sind durchaus erfolgreich. Es gab 39 Fälle vor den Spielen in Peking, bei den Spielen selbst acht und sieben sind noch in der Pipeline. Es könnten also insgesamt 15 werden. Wir gehen da aber gerade sehr genau vor. Ich erwarte Ergebnisse in vier bis sechs Wochen."

Kann der Kampf gegen Doping jemals gewonnen werden?

Rogge: "Ganz ehrlich? Doping ist im Sport das, was die Kriminalität in der Gesellschaft ist. Und in jeder Gesellschaft gibt es Betrüger oder zumindest solche, die die Regeln nicht befolgen. In jeder Gesellschaft braucht man Polizisten, Gerichte und Gefängnisse. An die 400 Millionen Menschen betreiben weltweit Sport. Aber es gibt nicht 400 Millionen Heilige auf dieser Erde."

Wie stehen Sie zu lebenslangen Sperren nach Doping-Erstvergehen?

Rogge: "Das hält vor keinem Gericht der Welt. Jeder Athlet gewinnt da vor jedem Zivilgericht. Wir können im Sport nur Strafen aussprechen, die auch von Richtern akzeptiert werden. Ich persönlich bin dafür, Anabolika- und EPO-Doping mit vier Jahren zu bestrafen. Aber lebenslang für Erstvergehen geht nie durch. Auch als Krimineller wird man nicht beim ersten Mal erschossen."

Was sind sonst die kommenden Herausforderungen an das IOC?

Rogge: "Wir stehen vor Chancen, aber auch Problemen. Wir müssen die anhaltende Qualität der zuletzt exzellenten Olympischen Spiele sichern, auch die Jugendspiele sind eine Chance. Die Probleme bleiben dieselben. Der Kampf gegen Doping muss nicht nur fortgeführt, sondern verstärkt werden. Die zweitwichtigsten Bemühungen sind der Kampf gegen die Inaktivität und das Übergewicht, denn das ist das größte Problem für die Gesellschaft. Wir wollen möglichst viele Menschen zum Sport und zur Bewegung bringen."

Sie kandidieren für weitere vier Jahre. Was war der persönlich größte Erfolg ihrer bisherigen Präsidentschaft?

Rogge: "Dass ich die gleiche Person geblieben bin."

Nach den Vorfällen in Salt Lake City und Turin war das IOC sehr böse auf Österreich. Ist das erledigt?

Rogge: "Die Situation ist bereinigt. Wir hatten einen ehrlichen und offenen Dialog nach Turin. Wir mussten dem ÖOC eine Geldstrafe geben, das weiß jeder. Aber sowohl die Reaktion des ÖOC als auch die der Verbände und die neuen Gesetze durch den Kanzler waren sehr wichtig. Wir sind glücklich, wie man mittlerweile in Österreich gegen Doping vorgeht. Das Verhältnis ist gut."

Wie sehen Sie die Zukunft des olympischen Fußball-Turniers?

Rogge: "Ich werde demnächst eine Diskussion mit Sepp Blatter darüber haben. Derzeit sind wir glücklich darüber, dass drei Spieler über 23 teilnehmen können. Die Probleme haben wir mit den Vereinen, nicht mit der FIFA. Ich hoffe, dass unsere Gespräche eine bestmögliche Lösung bringen."

Wie ernst ist die Lage in Sotschi wirklich?

Rogge: "Ich sehe das nicht so. Jean-Claude Killy ist vom Treffen mit Wladimir Putin mit guten Nachrichten zurückgekommen. Es gibt eine solide Struktur, auch die Finanzen sind okay. Alle alpinen Projekte in den Bergen entwickeln sich gut, viel Arbeit gibt es natürlich noch bei Straßen usw. Aber darf ich erinnern, dass wir 2008 schreiben und noch sechs Jahre Zeit haben? Wir sind wachsam wie bei allen Spielen. Aber es gibt keine Sorgen oder gar eine Panik."

Sie gelten als mächtigster Sportfunktionär der Welt. Wie gehen Sie persönlich mit Macht um?

Rogge (lacht): "Ich würde nicht sagen, dass ich Macht habe. Eher Einfluss. Ich manage Dinge so, indem ich Teams aufbaue und versuche, einen Konsens zwischen meinen Gesprächspartnern herzustellen. Ich versuche immer, eine win-win-situation herzustellen. Wenn du das tust, brauchst du keine Macht. Wenn Menschen dir vertrauen, wird dein Einfluss bestehenbleiben. Aber das ist nicht klassische Macht, die ein Staatspräsident oder ein Armeechef hat. Das IOC ist eine Sportorganisation die Einfluss auf die Gesellschaft hat. Aber wir sind kein Souverän, der Lösungen für alle Probleme der Welt anbietet."

Wie sehen Sie die Rolle Österreichs in der Sport-Welt?

Rogge: "Österreich ist ein wichtiges Land in der olympischen Welt. In erster Linie wegen seiner erfolgreichen Athleten, denn für ein Land von acht Millionen Menschen habt ihr Einzigartiges erreicht. Österreich hat zudem zwei Spiele organisiert und auch die Kraft, Jugendspiele zu veranstalten. Österreich trägt sehr viel bei zur olympischen Bewegung."

Sollte sich Österreich auch wieder um Olympische Spiele bewerben?

Rogge: "Das muss Österreich selbst entscheiden. Aber alle wichtigen Elemente sind da. Die Geographie, das Klima, die Erfahrung. Österreich ist ein starkes, demokratisches Land und die Österreicher lieben Sport. Wer eine Fußball-EM organisieren kann, kann auch Olympische Winterspiele veranstalten." (APA)

 

 

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