"Frauen sind Expertinnen für ihren Körper"

9. November 2008, 17:30
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Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Frauengesundheits- zentrums Graz, im dieStandard.at-Interview über die Bedeutung frauenspezifischer Beratung - Im November feiert der Verein sein 15-jähriges Bestehen

Mag.a Sylvia Groth ist seit 1999 Geschäftsführerin des Vereins Frauengesundheitszentrum Graz. Im Email-Interview mit Dagmar Buchta erklärt sie die gesellschaftliche Notwendigkeit dieser Institution, die nach wie vor bestehenden Tabus über den Frauenkörper, die Zusammenhänge von weiblicher Sozialisation, Gewalt und den typischen psychischen und physischen Problemen, mit denen Mädchen und Frauen zu kämpfen haben. Sie gibt auch Auskunft daüber, was im Gesundheitswesen bereits erreicht werden konnte und was für die Zukunft nötig und wünschenswert ist.

dieStandard.at: Das Grazer Frauengesundheitszentrum wurde im November 1993 auf Eigeninitiative steirischer Ärztinnen und Studentinnen gegründet. Was war der Anlass für die Gründung?

Sylvia Groth: Die ersten Frauengesundheitszentren entstanden in den Siebzigerjahren in den USA. Motto der Frauengesundheitsbewegung war: "Unsere Körper – unsere Leben". Anfang der Achtzigerjahre wurden etliche Zentren in Europa gegründet. In Österreich dauerte es länger – erst seit 1992 gibt es ein Frauengesundheitszentrum in Wien. Graz folgte kurz darauf.

Den Gründerinnen ging es darum, mehr Wissen über ihren eigenen Körper zu bekommen und dieses auch anderen Frauen bereitzustellen. Frauen sollten von ÄrztInnen und Ärzten als Expertinnen für ihren eigenen Körper ernst genommen und gut behandelt werden. Es gab eine Unzufriedenheit mit der gesundheitlichen Versorgung. Über-, Unter- und Fehlversorgung von Frauen wurde wahrgenommen und thematisiert. Es war auch wichtig aufzuzeigen, dass Lebensereignisse wie Schwangerschaft, Geburt, Wechseljahre keine Krankheiten sind – und dass Frauen diese Phasen mit Wissen und Unterstützung gut bewältigen können. Schließlich ging es auch darum, dass Frauen zwar die Hauptnutzerinnen des Gesundheitswesens sind, aber nicht in den Entscheidungs- und Führungsgremien sitzen.

dieStandard.at: Welche Schwierigkeiten gab es zu Beginn? Wie wurde der Verein finanziert? Wie viele Mitarbeiterinnen waren es anfänglich, wie viele sind es heute?

Sylvia Groth: Nach einer einjährigen Konzeptentwicklung wurde das Frauengesundheitszentrum im Dezember 1993 gegründet. Doch das erste Jahr war finanziell sehr schwierig. Durch die damalige Stadträtin Helga Konrad haben wir 1995 eine sichere Finanzierung der Stadt Graz erhalten. Bis heute ist dies die Basis unserer Arbeit. Die Zahl der Mitarbeiterinnen ist von drei Mitarbeiterinnen 1995 auf 16 im Jahr 2008 gestiegen.

dieStandard.at: Seit dem Beginn der Neuen Frauenbewegung Ende der 1960er-Jahre ist es für bewusste Frauen klar, sich auch in Belangen der Gesundheit, sowohl physisch als auch psychisch von Frauen beraten und behandeln zu lassen. Können Sie die Vorteile der frauenspezifischen Beratung kurz zusammenfassen?

Sylvia Groth: Frauen stellten erstmals die Definitionsmacht der Medizin in Frage. Und eröffneten den Blick auf die vielen Faktoren, die die Gesundheit von Frauen beeinflussen: ihre wirtschaftliche Situation und die Qualität ihrer Ausbildung, ihr Alter, gesundheitliche Beeinträchtigung, sexuelle Orientierung und Herkunft, die familiäre Arbeitsteilung, ihr Ausmaß an gesellschaftlicher Teilhabe und Partizipation und "ob wir Kinder haben oder keine entscheiden wir alleine". Es ging und geht darum, ganzheitliche Zusammenhänge aufzuzeigen, Wahlmöglichkeiten zu benennen und eine informierte Entscheidung von Frauen zu unterstützen. Dies alles auf der Basis von Respekt für die Frauen, der Anerkennung der Vielfalt ihrer Lebenswege und Präferenzen. Dies war ein radikaler Ansatz und er ist es auch heute noch.

dieSandard.at: Was hat sich Ihrer Meinung nach in diesen 15 Jahren des Bestehens verändert? Sind die Frauen und Mädchen bezüglich ihrer gesundheitlichen Probleme, die ja auch sehr oft sozial bzw. gesellschaftlich bedingt sind, bewusster geworden?

Sylvia Groth: Das Gesundheitssystem hat sich verändert. Auch in Österreich wollen Patientinnen und Konsumentinnen gesundheitlicher Leistungen sich beteiligen und ihre Rechte gewahrt sehen. Strukturen dafür entstehen aber nur langsam. Ein schöner Erfolg ist beispielsweise im Fachbeirat Frauengesundheit zu sehen, der die Gesundheitsplattform des Landes Steiermark in allen Fragen der Frauengesundheit berät und auch selbst initiativ werden kann. Wenn Frauen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fordern, geht es letztlich auch um ihre Gesundheit. Armut sowie Doppel- und Mehrfachbelastung sind Krankheitsrisiken. Und doch hören wir immer wieder, wie schlecht Frauen sich z.B. vor einer Gebärmutterentfernung oder in Bezug auf die Hormonspirale beraten sehen.

dieStandard.at: Sie sagten vorhin – und auch auf Ihrer Homepage steht – dass Frauen selbst die Expertinnen sind. Was bedeutet das für die Beratung? Worin sehen Sie das Spezielle Ihrer Einrichtung?

Sylvia Groth: Wir nehmen Frauen und ihre Erfahrungen und Wünsche ernst. Für die Beratung bedeutet dies, dass wir ihnen nicht sagen, was sie tun sollen, sie nicht belehren oder für sie entscheiden. Stattdessen stellen wir Informationen zur Verfügung, damit die Frauen selbst bestimmen können, was für sie, in ihrer Lebenssituation, das Beste ist. Die Entscheidung der Frauen nach einer Beratung achten wir in jedem Fall.
Selbstverständlich ist das Wissen, das wir weitergeben, evidenzbasiert, also wissenschaftlich abgesichert durch seriöse unabhängige Studien. Die Informationen in den Gesprächen, aber auch auf der Website www.fgz.co.at, bereiten wir so auf, dass sie auch von Nichtmedizinerinnen gut verstanden werden können. So haben wir etwa, sofort nachdem die umstrittene HPV-Impfung auf den Markt gekommen ist, eine Zusammenfassung der damals vorliegenden Untersuchungen dazu ins Internet gestellt, damit die Frauen nicht nur Werbebroschüren der Herstellerfirma zur Verfügung haben, sondern auch unabhängige Information.
Diesen Erfahrungen von Frauen verleihen wir öffentlich eine Stimme – durch Öffentlichkeitsarbeit und bei unserer Mitarbeit in Arbeitsgruppen und Gremien.

dieStandard.at: Das Angebot des Frauengesundheitszentrums reicht von Beratungen über unterschiedlichste Informationsveranstaltungen, Psychotherapie, Schwangerschaftstest bis zu Selbsthilfegruppen. Beobachten Sie bei einer bestimmten Problemstellung eine besondere Häufung?

Sylvia Groth: Natürlich gab es über die Jahre Schwerpunkte. Eine Zeitlang war der Wunsch von Frauen nach Gynäkologinnen mit Kassenvertrag sehr groß. Da konnten wir einiges bewirken. Seit Ende 2006 ist die HPV-Impfung ein großes Thema.
Während früher Gruppen viel besucht waren und die Frauen Austausch suchten, werden jetzt immer mehr individuelle Beratungen gewünscht. Wir reagieren darauf, indem wir unser Beratungsangebot ausgebaut haben, auch auf der Website. Es gibt jetzt weniger Veranstaltungen in unseren Räumen am Joanneumring 3, dafür gehen wir verstärkt zu den Frauen hin – in die Gemeinden am Land, in Vereine, in Schulen ...

dieStandard.at: In Europa und den USA ist die Anzahl von Mädchen und Frauen mit Ess-Störungen in den letzten Jahren enorm gestiegen. Kommen viele von diesem Krankheitsbild Betroffene zu Ihnen?

Sylvia Groth: Ja, das ist Thema in unseren Workshops in Schulen und in der Psychotherapie. Von allen Frauen, die bei uns Psychotherapie in Anspruch nehmen, kommt etwa jede vierte wegen eines Essproblems.

dieStandard.at: Und wie schaut es mit weiblichen Gewalterfahrungen aus?

Sylvia Groth: Gewalt ist auch laut Weltgesundheitsorganisation WHO ein großes Gesundheitsrisiko für Frauen. Neben akuten Verletzungen gibt es auch langfristige gesundheitliche Folgen. Viele chronische Erkrankungen – körperliche wie seelische – gründen auf oft weit zurückliegenden Erfahrungen von Gewalt. Dies berücksichtigen wir auch in Beratungen, besonders bei Frauen, die bereits einen langen Leidensweg und mehrfache Operationen hinter sich haben. Mit ihnen ist es wichtig, das Thema Gewalt anzusprechen. Dies ist nicht immer einfach. Im Gesundheitswesen war dies, anders als in Justiz und Polizei, bisher kaum Thema. Wir bieten daher seit einem Jahr mit dem Projekt "Gesundheitliche Folgen von Gewalt" Schulungen für Krankenhaus-MitarbeiterInnen an. Ambulanzen sind häufig die erste Anlaufstelle für Frauen mit Gewalterfahrungen. Werden die Frauen hier entsprechend betreut und informiert, kann dies die Spirale stoppen und weitere Gewalt verhindern.

dieStandard.at: Viele ÄrztInnen und TherapeutInnen berichten, dass auch die Burnout-Fälle im Zunehmen sind. Besonders Frauen mit Doppel- und Dreifachbelastung seien darunter. Wie oft wird das Grazer Frauengesundheitszentrum damit konfrontiert?

Sylvia Groth: Die Erschöpfung von Frauen ist Thema in vielen Therapien. Die Leistungsanforderungen in Beruf, aber auch zusammen mit der Verantwortung und der Arbeit, die Frauen in der Familie wahrnehmen, ist überfordernd für viele. Wir ermutigen Frauen, möglichst frühzeitig Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Neben individueller psychotherapeutischer Beratung bieten wir auch Vorträge zu diesem Thema an.

dieStandard.at: Wie alt sind die Mädchen und Frauen, die das Frauengesundheitszentrum aufsuchen, im Durchschnitt?

Sylvia Groth: Mit den Workshops in den Schulen erreichen wir Mädchen ab 12 Jahren, unsere Turngruppe für alte Frauen besuchen viele über 80-Jährige. Da wir zielgruppenspezifisch arbeiten, hängt es wirklich vom jeweiligen Angebot ab. Wir versuchen besonders jenen Frauen Angebote zu machen, die sonst schlecht erreicht werden.

dieStandard.at: Auf Ihrer Homepage heißt es, dass das Frauengesundheitszentrum "Frauen eine Stimme bietet" – was genau verstehen Sie darunter?

Sylvia Groth: Wir vertreten die gesundheitlichen Interessen von Mädchen und Frauen. Indem wir die Interessen und Bedürfnisse von Frauen ernst nehmen und genau auf ihre Berichte achten, erfahren wir von Missständen und Lücken in der medizinischen oder sozialen Versorgung. Darauf reagieren wir mit verschiedenen Mitteln: einem neuen Angebot in unserem Veranstaltungsprogramm, einem neuen Projekt, einer Pressemitteilung oder Interventionen bei PolitikerInnen. Stets geht es darum, den Bedürfnissen von Frauen Gehör zu verschaffen.

dieStandard.at: Welche Kampagnen und Kooperationen werden durchgeführt bzw. vom Verein unterstützt?

Sylvia Groth: Zur Zeit laufen 7 Projekte
•Gesundheitliche Folgen von Gewalt – Fortbildung für MitarbeiterInnen in KAGes-Krankenanstalten, in Kooperation mit der KAGes. Gesundheitliche-Folgen-von-Gewalt
•Wissen macht gesund – Kompetenztraining, in Kooperation mit der Universität Hamburg, Kompetenztraining
•MÄDCHENGESUNDHEIT STEIERMARK - MAEDCHENGESUNDHEIT-STEIERMARK
•MIA – Mütter in Aktion – MIA-Muetter-in-Aktion
•Hotline Essstörungen – Hotline-Essstoerungen
•Lesben und Gesundheit – Lesben-und-Gesundheit
•Baustelle Körper – gemeinsam mit dem DOKU GRAZ, Baustelle-Koerper

dieStandard.at: Haben Sie Pläne für die Zukunft?

Sylvia Groth: Patientinneninformation, Patientinnenrechte und Patientinnenbeteiligung bleiben wichtige Themen und Arbeitsbereiche.
"Wünsche" sind:
•Frauengesundheitsthemen in Aus- und Fortbildungen für ÄrztInnen und andere Gesundheits- und Sozialberufe
•Die Klitoris in die Schulbücher! Erklärungen zu und richtige Darstellungen von der Klitoris in Schulbüchern und Fachbüchern
•Brustzentren nach EUSOMA-Kriterien
•Bessere Strukturen für Rückmeldungen von PatientInnen und KonsumentInnen gesundheitlicher Leistungen (Bsp.: Hormonspirale)
•Pubertät, Schwangerschaft, Wechseljahre sind Lebensphasen und sollen als nicht medikalisiert werden.
•Längerfristige budgetäre Absicherung, um konzentriert inhaltlich für die Frauen und Mädchen arbeiten zu können
•Öffentliche Unterstützung für Selbsthilfegruppen, um sie vor dem Einfluss der Pharmafirmen zu schützen

dieStandard.at: Und wie wird das 15-jährige Bestehen des Frauengesundheitszentrums gefeiert?

Sylvia Groth: Am 18. November mit einer Straßenaktion für alle GrazerInnen gemeinsam mit dem Mezzanintheater und PolitikerInnen um 10 Uhr 30 am Jakominiplatz. Und bei einem Empfang des Landeshauptmanns am Nachmittag mit unseren treuesten NutzerInnen, KooperationspartnerInnen und anderen WegbegleiterInnen.

diestandard.at: Vielen Dank für das interessante Gespräch.
(Dagmar Buchta/dieStandard.at, 09.11.2008)

Zur Website des Frauengesundheitszentrums Graz:

www.fgz.co.at

 

  • Mag.a Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Grazer Frauengesundheitszentrums
    Foto: fgz

    Mag.a Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Grazer Frauengesundheitszentrums

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