Fischer: "Ausnahmepolitiker und Brückenbauer"

8. November 2008, 14:18
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Begräbnisfeierlichkeiten für früheren Wiener Bürgermeister - Festakt im Rathaus und Requiem im Dom - Bestattung in Ehrengrab am Zentralfriedhof

Wien - Helmut Zilk hat am Samstagvormittag seine letzte Reise angetreten - und sie führte zunächst zum Wiener Wahrzeichen, dem Stephansdom: Der Sarg mit dem verstorbenen Bürgermeister, der von 1984 bis 1994 dieses Amt ausübte, wurde am Vormittag von einem Wagen der Bestattung Wien mit Polizeieskorte vom Rathaus zur Kirche gebracht. Dort hatten zwei Fiaker-Kutschen zu Ehren des einstigen Stadtoberhaupts Aufstellung genommen.

Am Riesentor erwarteten Witwe Dagmar Koller und die weiteren Familienmitglieder sowie Dompfarrer Toni Faber den Wagen. Sie geleiteten den Sarg in die Kirche. Und auch die Bevölkerung nahm bereits Anteil: Das Geschehen wurde von zahlreichen Menschen beobachtet, die sich außerhalb der Absperrung, die großräumig um den Dom gezogen worden war, eingefunden hatten.

Sie ließen sich von der Witterung nicht beirren, denn der Auftakt zu den Begräbnisfeierlichkeiten war von Regen und kühlen Temperaturen begleitet. Groß auch das Interesse der Medien. Journalisten, Kamerateams und Fotografen beobachteten das Eintreffen des Sarges beim Dom.

Aufbahrung im Stephansdom

Nachdem der Leichnam in Empfang genommen worden war, bewegte sich das Kondukt in den vorderen Teil des Kirchenschiffs, wo der Verstorbene aufgebahrt wurde. Beflankt war der Sarg mit je drei Kerzenleuchtern. Zudem wurde ein schwarz gerahmtes Bild von Zilk aufgestellt sowie ein Bouquet aus roten Rosen niedergelegt, auf dessen Schleife geschrieben stand: "Die Liebe hört niemals auf. Immer Deine Dagmar". Im Anschluss daran sprach Dompfarrer Toni Faber ein Gebet und nahm die Segnung vor.

Danach wurde der Sarg mit Weihwasser besprengt und das Weihrauchfass geschwenkt. Anschließend nahm Dagmar Koller noch einmal Abschied von ihrem Gatten. Unter Tränen trat sie an Zilks Sarg. Zilk sei in besonderer Weise ein Lehrer für die Jugend und für die Menschen gewesen, so Dompfarrer Toni Faber: "Und er war bereit weiterzugeben, was er für wichtig und richtig erkannte."

Ehrenwache

Danach sang der Schulchor des Wiener Gymnasiums Hegelgasse das Lied "Näher, mein Gott, zu dir!". Zilk war vor seiner Laufbahn als Journalist und Politiker Lehrer gewesen. Er hatte in der Hegelgasse unterrichtet und war zuvor selbst dort Schüler gewesen. Zum Abschluss der Zeremonie nahm schließlich die Ehrenwache Aufstellung. Sie wird im Lauf des Vormittags aus Vertretern der Rathauswache sowie der Polizei und des Militärkommandos Wien bestehen.

Bis 12.00 Uhr hat die Bevölkerung noch Gelegenheit, vom Wiener Altbürgermeister im Dom Abschied zu nehmen. Nach der Aufbahrung wird der Steffl für kurze Zeit gesperrt, um letzte Begräbnisvorbereitungen zu treffen. Die Kirche ist auch während des Requiems, das um 14.00 Uhr beginnt, für die Bevölkerung geöffnet. Allerdings sind rund 500 bis 600 Plätze für Ehrengäste reserviert. Die Messe wird auch mittels Video-Leinwand live auf den Stephansplatz übertragen.

Musikalisch gestaltet wird das Requiem von den Wiener Symphonikern und der Wiener Dommusik unter der Leitung von Domkapellmeister Markus Landerer mit Werken von Michael Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert. Am Ende des Gottesdienstes wird der Donauwalzer erklingen.

Ansprache des Bundespräsidenten

"Österreich verdankt ihm sehr viel und Wien umso mehr." Mit diesen Worten hat am Samstag Bundespräsident Heinz Fischer dem verstorbenen Altbürgermeister und ehemaligen Minister Helmut Zilk gedacht. Der Tod Zilks habe im ganzen Land unglaubliche Betroffenheit ausgelöst. Der frühere SPÖ-Politiker sei zurecht als Ausnahmepolitiker, Brückenbauer und leidenschaftlicher Gestalter mit Volksnähe gelobt worden, sagte Fischer beim Trauerfestakt im Wiener Rathaus.

"Es ist schmerzlich, von ihm Abschied zu nehmen", so Fischer. Er betonte vor allem Zilks Verdienste als Politiker. "Wir haben gut und kameradschaftlich zusammengearbeitet", erinnerte sich der Bundespräsident an die gemeinsame Zeit in der Regierung unter Bundeskanzler Fred Sinowatz (S). Zilk war damals Unterrichtsminister, Fischer Wissenschaftsminister gewesen. In seiner Zeit als Wiener Bürgermeister (von 1984 bis 1994, Anm.) habe Zilk großes bewirkt, ohne auf die kleinen Sorgen zu vergessen, so Fischer: "Er konnte die Lust an der Kontroverse mit Streitkultur und Durchsetzungsvermögen mit Toleranz verbinden."

Der Bundespräsident sprach zudem von Zilks "klarer und unmissverständlicher Gegenposition" zu totalitären Systemen, insbesondere dem Nationalsozialismus. Dies wolle er besonders am heutigen Tage, am Vorabend des 70. Jahrestages der sogenannten Reichskristallnacht, hervorheben. Der Altbürgermeister habe jede Form von Rassismus und Antisemitismus entschieden verurteilt. Umstrittene Projekte wie die Gründung des Jüdischen Museums oder das Hrdlicka-Denkmal für gedemütigte Juden vor der Albertina sprächen eine deutliche Sprache.

Zum Abschluss seiner Rede richtete Fischer noch persönliche Worte an Zilks Witwe Dagmar Koller: "Liebe Dagmar, Helmut hat niemanden unberührt und unbeeindruckt gelassen." Er habe eine Meinung gehabt und diese laut und deutlich gesagt. Zilk habe nicht nur einen festen Platz in der Geschichte Wiens und des Landes, sondern auch in den Herzen so vieler Menschen.

Havel gedachte "Freund der Tschechoslowakei"

Beim Trauerfestakt im Wiener Rathaus, der Samstagmittag begann, hat auch Tschechiens Ex-Präsident Vaclav Havel dem verstorbenen Wiener Altbürgermeister Helmut Zilk gedacht: Er sei gekommen, um Abschied von einem Menschen zu nehmen, den er als Freund zu bezeichnen wage, so das frühere Staatsoberhaupt: "Aber viel wichtiger war, dass er der Freund unseres Landes war, der Tschechoslowakei und dann der tschechischen Republik."

Zilk habe sich für die Kulturbeziehungen zwischen den beiden Ländern sehr engagiert, betonte Havel. "Er war der Vorsitzende der Tschechisch-Österreichischen Gesellschaft und ist Ehrenbürger Prags." Außerdem habe der Altbürgermeister in der Zeit des Kommunismus auf verschiedene Weise die inländische Opposition der CSSR unterstützt. "Der Eiserne Vorhang konnte fallen, weil er von beiden Seiten angebohrt wurde", unterstrich der frühere Präsident. Zilk habe sich um das freie Leben von vielen Europäern verdient gemacht.

Zum Abschluss seiner Rede spielte Havel auf Spionagevorwürfe seitens Tschechiens an, mit denen Zilk im Jahr 1998 konfrontiert gewesen war: "Vielleicht haben wir ihm aufgrund unserer Unkenntnis auch Unrecht getan, vielleicht haben wir ihn verletzt und ich möchte mich im Namen der Tschechen bei ihm entschuldigen." Damals wurden Gerüchte laut, Zilk habe in den 1960er Jahren für den Geheimdienst gearbeitet. Die Prager Regierung entlastete Zilk offiziell von den Vorwürfen. Der damalige tschechische Präsident Vaclav Havel hat sich bereits damals in einem persönlichen Gespräch bei Helmut Zilk entschuldigt.

Häupl: "Habe meinen zweiten Vater verloren"

Wiens Bürgermeister Michael Häupl hat am Samstag im Rathaus, wo zu Mittag ein Trauerfestakt stattfand, ebenfalls Abschied von Altbürgermeister Helmut Zilk genommen. Die Bundeshauptstadt habe einen "Stadtvater" verloren, so Häupl: "Und mir persönlich geht es fast so, als hätte ich meinen zweiten Vater verloren." Der Tod des prominenten früheren SPÖ-Politikers bedeute einen großen Verlust für Wien, Österreich und Europa.

Wenn man heute durch die Bundeshauptstadt gehe, sehe man überall Spuren von den Tätigkeiten und Leistungen Zilks, konstatierte der Bürgermeister. Diese würden von der Donauinsel über die Wohnbauoffensive und den U-Bahn-Ausbau bis hin zu kulturpolitischen Errungenschaften reichen.

Zilk habe Wien heller und freundlicher gemacht und sei über die Grenzen des Eisernen Vorhangs hinweggeschritten. Er habe Kontakte auf der anderen Seite Europas geknüpft und sich nach dem Fall des Kommunismus für die Heranführung dieser Länder an den Westen eingesetzt, erinnerte sich Häupl. Er werde vor allem die vielen persönlichen Gespräche mit dem Altbürgermeister vermissen, bekundete das Stadtoberhaupt: "Und selbst wenn er zornig war, hat man seine Liebe gespürt, weil hinter seinem Zorn immer die Sorge gestanden ist."

Ex-ORF-Generaldirektor Bacher würdigte "fulminanten TV-Direktor

Ex-ORF-Generalintendant Gerd Bacher würdigte Zilks Verdienste für das österreichische Fernsehen. Der Verstorbene sei ein fulminanter TV-Direktor gewesen: "Der weltweite Auftritt des ORF im Zuge des Prager Frühlings ist seinem Netzwerk in der damaligen Tschechoslowakei zu verdanken." Zilk war zwischen 1967 und 1974 Programmdirektor der Rundfunkanstalt. Zudem seien die "Stadtgespräche", die Zilk bereits ab den frühen 1960er Jahren moderierte, "europäische Uraufführungen" gewesen, die so manchem "Bonzen" den Atem geraubt hätten.

Die rund 50-minütige Trauersitzung im Rathaus wurde von den Wiener Sängerknaben musikalisch umrahmt. Zum Festakt waren über 1.000 Gäste eingeladen. Unter den Anwesenden befanden sich neben Zilks Witwe Dagmar Koller und seinem Sohn Thomas sowie engen Familienangehörigen auch Mitglieder der Bundesregierung sowie zahlreiche Wiener Politiker, Vertreter der Wirtschaft und Kulturschaffende. (APA/red)

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    Bundespräsident Fischer im Wiener Rathaus: "Österreich verdankt ihm sehr viel und Wien umso mehr."

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    Der Trauerzug auf dem Weg zum Wiener Stephansdom.

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    Der Sarg des früheren Wiener Bürgermeisters im Dom.

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    Witwe Dagmar Koller nimmt Abschied von Helmut Zilk.

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