Sticklers Rücktritt: Reform, aber radikal

7. November 2008, 22:45
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Mehr als ein Schritt zurück in die Vergangenheit, in die Kleinkariertheit, in die Provinzialität - von Johann Skocek

Friedrich Stickler, der Präsident des ÖFB, tat, was stets alle von ihm gefordert hatten. Er traf eine Entscheidung. Stickler hat allerdings entschieden, was nie jemand von ihm erwartet hätte - er ist zurückgetreten. Am Ende eines Jahres, in dem Österreich das größte Sport- und also Fußballereignis seiner Geschichte zu aller Zufriedenheit organisiert hat, ist das ein nicht zu überschätzendes Signal der Unsicherheit. Wiens Verbandspräsident Kurt Ehrenberger drohte in der Präsidiumssitzung am Freitag, Stickler bei nächster Gelegenheit nicht mehr zu wählen. Der Präsident muss große Sorgen gehabt haben, um unter der Drohung eines schwachen Landesverbandspräsidenten zu weichen. Ehrenberger führt interimistisch den ÖFB. Das ist mehr als ein Schritt zurück in die Vergangenheit, in die Kleinkariertheit, in die Provinzialität.

Durch Sticklers Schritt tritt wenigstens die auch während der EUROphorie sichtbare organisatorische, strukturelle, und strategische Schwäche des ÖFB offen zutage. Eine Reform an Haupt und Gliedern ist nicht mehr aufschiebbar. Es kann nicht damit getan sein, dass ein Präsident seine eigene Unzulänglichkeit einräumt, der größte und wichtigste Sportverband Österreichs muss sich eine neue Führungsmannschaft, ein neues Leitbild, eine neue Respektabilität schaffen. Wenn sich der ÖFB auf neue Füße stellt, dann könnte auch die Mitarbeit ehemaliger Fußballgrößen nicht nach dem Freunderlprinzip, sondern wie im Skiverband nach Qualitätskriterien gestaltet werden. Die Reform garantiert kein wettbewerbsfähiges Nationalteam, aber ohne sie sind weitere Misserfolge garantiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2008)

 

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