Österreich gerät ins Rutschen (II)

7. November 2008, 19:07
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Die Entfremdung und die Hinwendung der Jungen zu extrem rechten Bewegungen ist spätestens seit der vergangenen Wahl das Krisenthema Österreichs

Im Jahre 1938 war das Deutsche Reich pleite. Ursache war die von Hitler forcierte Kriegsrüstung. Im November 1938 entfesselte deshalb das Regime eine wüste Gewaltorgie gegen Juden ("Reichspogromnacht" vom 9.November). In deren Gefolge wurden auch gewaltige Besitztümer geraubt, was a) dem Reich zunächst einmal finanzielle Luft und b) den "kleinen Volksgenossen" ordentlich Beute verschaffte. Dieser "Reichspogromnacht" vor 70 Jahren wird an diesem Wochenende gedacht.

Was das mit unserer heutigen Situation zu tun hat? Sehr einfach. Der Nationalsozialismus war eine rechte Revolution der Jungen. Er kommt nicht wieder. Aber die Entfremdung und die Hinwendung der Jungen zu extrem rechten Bewegungen ist spätestens seit der vergangenen Wahl das eigentliche Krisenthema Österreichs.

Die dezimierten Traditionsparteien Rot und Schwarz werden wieder eine Koalition bilden. Die Finanzkrise und die kommende Rezession lassen nichts anderes zu. Das wissen Faymann und Pröll. Sie wissen beide auch, zu ihrer Ehre sei es gesagt, dass die extrem rechten Parteien keine Partner sind. Aber sehr viele hinter ihnen wissen es nicht. Die Maßstäbe verrutschen.
Fußnote zur "Reichspogromnacht" vom 9. November: Es wird derzeit ehrfurchtsvoll spekuliert, warum Jörg Haider immer noch nicht in einer Kapelle in seinem schönen Bärental begraben ist, ohne dazu zu sagen, dass dieser wertvolle Besitz (ca. 10 bis 15 Mio. Euro) einst einer Jüdin geraubt wurde.

Was aber noch fataler ist - die traditionelle Politik, zu der trotz ihrer relativen Jugend Faymann und Pröll gehören, weiß nicht, wie sie eine Politik für die unruhigen, frustrierten von Zukunftsängsten bedrückten Jungen machen soll, um sie von der Hinwendung zu Herrn Strache abzuhalten.

Man muss den Jungen sagen, warum es dumm und falsch ist, Strache zu wählen. Aber man muss diesen Rutsch nach rechts nicht nur verbal bekämpfen, sondern ganz konkret, ganz real, materiell. Es geschieht nichts, fast nichts für die Jungen.

Strache wird gewählt, weil im unteren Segment bei den Jungen ein Verdrängungskampf um Ausbildung und Jobs stattfindet ("echte Österreicher" gegen Zuwanderer, serbische Zuwanderer gegen türkische Zuwanderer). Dort muss Geld hineingegeben werden, in Ausbildung, in Förderung für Intelligenzindustrien, nicht so sehr in Autobahnbeton. Das verpflichtende Vorschul-Kindergartenjahr ist gut, genügt aber nicht.

Um es ganz brutal zu sagen: In Österreich wird Politik für Pensionisten gemacht, nicht für Junge. In der verrückten Freitagnacht vor der Wahl wurden hauptsächlich Goodies für Pensionisten beschlossen. Das hört sich weniger herzlos an, wenn man sich etwa ansieht, dass die "Hacklerregelung" hauptsächlich Büropersonal in Frühpension begünstigt.

Ja, es ist eine Bankenkrise und eine Wachstumskrise zu bewältigen. Aber dahinter steht eine Zukunftskrise. Die Jungen werden demnächst die Verteilungsfrage stellen. Sie stellen sie schon, mit ihrem "Wieso nicht?" für Strache und Konsorten. (DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.11.2008)

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