Letzte Adresse: Aegidigasse 5

8. November 2008, 15:04
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In arisierten Sammelwohnungen wurden Juden zusammengepfercht, später deportiert und ermordet - um Gedenktafeln wird heute noch gestritten

Der Vormieter hätte sich erhängt, sagte man dem Ehepaar. Als sie die neue Wohnung im sechsten Bezirk betraten, begann die kleine Tochter zu plärren. Das Mädchen spüre die Vorgeschichte des Raumes, glaubte die Mutter - ohne zu ahnen, was sich dort tatsächlich abgespielt hatte. Denn in jener Wohnung, die für die damals einjährige Monika Heske samt Bruder, Eltern und Großmutter im Winter 1941 ein neues Zuhause wurde, hatten in den Monaten zuvor Wiener Juden eng zusammengedrängt auf ihre Deportation gewartet. Ende Oktober wurden sie nach Lódz gebracht, zum Jahreswechsel waren sie tot.

Heute ist Monika Heske 68 Jahre alt, lebt schon lange in Niederösterreich, und wenn sie vom Haus ihrer Kindheit spricht, gerät sie ins Schwärmen. Eines der modernsten Wohnhäuser Wiens sei die Aegidigasse 5 gewesen. Schöne, geräumige Wohnungen, mit Badezimmer und Zentralheizung, "eine Seltenheit" in der damaligen Zeit, "kaum vorstellbar", dass man es, wie sie soeben erfahren hat, als Zwischenlager verwendet habe.

Das unscheinbare Haus nahe dem Raimundtheater erzählt ein Stück NS-Geschichte. Insgesamt 60 Juden und Jüdinnen hat das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) mit dem Vermerk "Letzte Wohnadresse Aegidigasse 5" registriert, für viele weitere Menschen war es eine Zwischenstation auf dem Weg ins Vernichtungslager. Die Nazis erklärten die sogenannten "Judenwohnungen" zu Sammellagern für andere Juden, die ihre eigenen Behausungen verlassen mussten, um "Ariern" Platz zu machen.

Von den 44 Menschen, die laut Aufzeichnungen der Israelitischen Kultusgemeinde im September 1939 im Haus gewohnt hatten, waren zwei Jahre später nur noch elf Personen übrig. Die übrigen 33 waren bereits in die größeren Deportationslager im zweiten Bezirk gebracht worden - und aus den freigewordenen Wohnungen der Aegidigasse 5 machte man neue Sammelwohnungen.

Von Deportation war 1938 vorerst nicht die Rede: Man schrieb die Zeit bitterer Wohnungsnot, seit dem Bürgerkrieg 1934 war kaum gebaut worden. Der Wiener Bevölkerung fehlten 1938 schätzungsweise 70.000 Wohnungen. Fast genauso viele Objekte befanden sich in jüdischer Hauptmiete - die Gleichung war schnell gemacht.

Per Gesetz wurde der Kündigungsschutz für "nichtarische" Mieter aufgehoben. Gleichzeitig wurde jüdischen Hauptmietern vorgeschrieben, auf Verlangen der Behörde andere jüdische Untermieter bei sich aufzunehmen - ohne Widerspruchsrecht. Doch als das Gesetz in Kraft trat, hatte die Wiener Bevölkerung längst Tatsachen geschaffen. Bereits in den ersten vierzehn Monaten nach dem Anschluss waren fast zwei Drittel der jüdischen Wohnungen "wild" und ohne Anordnung arisiert worden - ein Vorgehen, das auch den Wiener Gauleiter Josef Bürckel nervös werden ließ: Nur öffentliche Organe seien "zu Beschlagnahmungen befugt", ließ er im Völkischen Beobachter Anfang April 1938 - noch vor der Volksabstimmung über den Anschluss an Hitlerdeutschland - verkünden.

Eine reine Schikane


Das geschah dann auch: Jene Juden, die nach ihrem Rausschmiss bei Freunden und Bekannten Unterschlupf gefunden hatten, landeten früher oder später erst recht in einem der Sammellager, wie die Aegidigasse 5 eines war. Ihre Möbel mussten sie zurücklassen - in den Sammelwohnungen wäre dafür aber ohnehin kein Platz gewesen. Mehrere einander unbekannte Erwachsene, Kinder, alte Menschen, Kranke wurden in eine Wohnung gepfercht, Monate später gekündigt und einer anderen Wohnung zugewiesen. Zwei-, dreimal innerhalb weniger Monate konnten jüdische Mieter zum Übersiedeln von einer Sammelwohnung in die nächste gezwungen werden. Warum, das wusste niemand. "Eine reine Schikane", vermutet der Wiener Historiker Jonny Moser, der selbst als Heranwachsender innerhalb von vier Monaten zweimal "ausgewiesen und einer anderen Wohnung zugewiesen" wurde. "Die Nazis spielten die Feschaks, die zeigen wollten, wie schnell sie das Wohnungsproblem lösen können", glaubt Moser.

Spätestens ab 1941 erfüllten die Sammelwohnungen aber noch eine weitere Funktion. Sie sollten die verbliebenen Juden kontrollierbar und effizient abschiebbar machen. Hausbesorger wurden angehalten, Listen der jüdischen Hausbewohner zu führen, die den Nazis dann als Grundlage ihrer grausamen Deportationslogistik dienten. Juden wurde es gesetzlich verboten, ohne behördliche Zustimmung zu übersiedeln, Sammelwohnungen wurden regelmäßig von Gestapo-Wachen auf "U-Boote" untersucht.

Irgendwann seien sie "einfach verschwunden". So beschreibt es Sepp Tatzel, der bis zu seinem Einberufungsbefehl 1943 um die Ecke wohnte. Der Wiener Kabarettist und Schriftsteller war 1941 16 Jahre alt und kann sich "dunkel erinnern", dass es in der Aegidigasse 5 eine "gewisse jüdische Konzentration" gegeben habe, die er heute als ungewöhnlich beschreibt: Zwar hätten in Mariahilf viele jüdische Familien gewohnt. "Aber ein Haus, in dem so viele Parteien Juden waren, das gab es nur in der Leopoldstadt." An Deportationen kann er sich aber nicht erinnern. "In meiner Schulklasse waren viele Juden, die sind alle rechtzeitig geflüchtet", vermutet Tatzel.

Von jenen 60 Menschen, die von der Aegidigasse 5 direkt nach Lódz und Riga deportiert wurden, lebte zu Kriegsende niemand mehr. In den Wohnungen hatten sich neue Mieter niedergelassen - froh darüber, in einer ausgebombten Stadt gut erhaltenen Wohnraum gefunden zu haben. Auch das Gebäude selbst erzählt von der weitreichenden Verwüstung jüdischen Lebens im Wien der NS-Zeit: Ernst Epstein, unter anderem Bauleiter des Loos-Hauses am Michaelerplatz, war es, der die Aegidigasse 5 1929 nach eigenen Plänen errichtete. Im Mai 1938, einen Tag nach der Einführung der Nürnberger Rassengesetze in der "Ostmark", beging der Baumeister Selbstmord. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Aegidigasse 5 im Besitz des jüdischen Bankiers Victor Bloch. Ihm gelang 1939 die Flucht nach England. Das Haus und das Bankvermögen blieben jedoch in den Händen Victor Blochs nichtjüdischer Co-Gesellschafter, die das Gebäude zwei Jahre später - gegen Vorlage eines Ariernachweises - weiterverkauften. Blochs Nachkommen beantragten Entschädigung und wurden mit Pauschalbeträgen abgefunden.

Heute gehört das Haus Aegidigasse 5 der Wiener armenisch-katholischen Mechitaristenkongregation. An seine Rolle im Nationalsozialismus erinnerte bis vor kurzem nichts. Erst vor rund zwei Wochen wurden auf Initiative einiger engagierter Mariahilfer 60 Gedenktafeln im Gehsteig vor dem Haus verlegt. Seit März 2008 werden dort unter dem Projektnamen "Erinnern für die Zukunft" laufend Gedenktafeln für die Opfer des Nationalsozialismus in den Gehsteigen vor den Häusern, in welchen die Opfer unmittelbar vor ihrer Deportation, wohnten, verlegt. Die Recherche der Daten hat ein Team von Ehrenamtlichen der Geschichtswerkstatt im Bezirksmuseum Mariahilf übernommen. Insgesamt sind es etwa 700 Namenstafeln, die im sechsten Bezirk verlegt wurden und werden - 60 davon wurden Mitte Oktober im Gehsteig vor dem Haus Aegidigasse 5 versenkt.

Über den Wunsch der Ehrenamtlichen, auch an der Fassade des Hauses eine Gedenktafel anzubringen, um die Geschichte der Sammelwohnungen zu thematisieren, zeigt sich Mechitaristen-Pater Marek, Immobilienverwalter des Ordens, jedoch wenig begeistert: "Das sollen sie auf dem Gehsteig machen. Aber auf meiner Liegenschaft finde ich das nicht in Ordnung." Warum? "Wir sind Priester und wollen keine Politik machen." Außerdem handle es sich um kein Amtsgebäude, sondern um Privatwohnungen, und deren Mieter seien nicht zu bevormunden. "Ich hätte kein Problem damit", meint hingegen Ingrid Kristöfl-Zauner, die seit den Achtzigerjahren im Haus wohnt und erst durch die Gedenktafeln erfahren habe, "dass in dem Haus Juden gewohnt haben".

"Niemals, nie" habe irgendjemand im Haus über die Vorgänge während der NS-Zeit gesprochen, erzählt auch Monika Heske, die bis 1960 in der Aegidigasse 5 wohnte. Die Nachbarn hätten nicht viel gewusst, glaubt Heske. "Das, was sie wussten, haben sie vielleicht gar nicht wissen wollen."(Maria Sterkl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9. 11. 2008) 

  • "Erinnern für die Zukunft": Von jenen 60 Menschen, die von der
Aegidigasse 5 direkt in die Lager nach Lódz und Riga deportiert wurden,
lebte zu Kriegsende niemand mehr.
    foto: christian fischer

    "Erinnern für die Zukunft": Von jenen 60 Menschen, die von der Aegidigasse 5 direkt in die Lager nach Lódz und Riga deportiert wurden, lebte zu Kriegsende niemand mehr.

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