Das kurze Leben des Dr. Suess

8. November 2008, 15:03
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Wie ein talentierter junger Mann in die Maschinerie der Nazis geriet und darin zugrunde ging: eine historische Fallstudie zum 70. Jahrestag der "Reichskristallnacht"

Walter Suess war ein Mann mit vielen Talenten. 1912 in Wien geboren, promovierte er 1936, im Alter von 24 Jahren, zum Doktor der Medizin. Gleichzeitig studierte er an der Musikakademie und legte die Staatsprüfung als Kapellmeister ab. Die Musik war seine große Leidenschaft, ihr widmete er sich mit Hingabe und Begeisterung, sie zog ihn mehr an als die Medizin. Suess gab Konzerte und dirigierte.

Im Februar 1937 etwa, als das Wiener Konzertorchester unter seiner Leitung ein Symphoniekonzert im Großen Ehrbarsaal in der Mühlgasse 30 im IV. Bezirk gab. Am 4. Mai 1937, um ½ 8 Uhr abends, fand im selben Saal ein Kammerkonzert statt, bei dem neben der Sängerin Felice von Antburg Dr. Walter Suess auftrat: Er improvisierte eine "Passacaglia und Fuge über ein freies Thema". Im August 1937 dirigierte er ein Symphoniekonzert mit dem Badgasteiner Kurorchester zugunsten des Forschungsinstituts Gastein. Auf dem Programm standen: die "Akademische Festouvertüre" von Brahms; Schuberts Symphonie Nr. 5, B-Dur; Mendelssohns Klavierkonzert Nr. 1 und Smetanas "Moldau". Ebenfalls im Jahr 1937, als seine Lebenswelt noch weitgehend intakt war, hielt Walter Suess in der Wiener Urania einen Vortrag mit Lichtbildern über die "Physiologie des Dirigierens", bei dem es ihm darum ging, in gemeinverständlicher Form die anatomischen und funktionellen Grundlagen des Dirigierens zu erläutern.

"Mischling I. Grades"


Einen gravierenden Einschnitt, der seine Zukunftspläne mit einem Schlag zunichtemachte, bedeutete 1938 der Ausschluss aus der Reichsmusikkammer ("da Sie die nach der Reichskulturkammergesetzgebung erforderliche Eignung im Sinne der nationalsozialistischen Staatsführung nicht besitzen"), wodurch ihm fortan jegliche öffentliche Betätigung auf musikalischem Gebiet untersagt war.

Walter Suess, dessen Vater Jude war, galt in der Diktion der Nationalsozialisten als "Mischling I. Grades". Seine Pläne, ein Leben als Musiker zu führen, hatte die Rassepolitik der Nazis mit einem Schlag zerstört. Ihm blieb nun nichts anderes übrig, als sich der Medizin zuzuwenden und sein Leben so gut es ging einzurichten. 1938 bot sich ihm die Gelegenheit, in Badgastein eine Praxis als Zahnarzt zu eröffnen. Er richtete sie für teures Geld ein - und wurde wieder Opfer nationalsozialistischer Willkür und Brutalität. Walter Suess gab darüber später zu Protokoll: "Da ich Mischling bin, habe ich mir bei den politischen und fachlichen Stellen Aufklärung geholt, ob ich die Praxis dort eröffnen könne. Überall wurde mir dies für vollkommen ordnungsmässig und rechtlich einwandfrei erklärt. (...) Als ich in Badgastein meine Praxis eröffnete, hatte ich zunächst wenig Patienten, da die Ortsgruppe sich mir gegenüber feindselig verhielt. Trotzdem kamen aber nach und nach mehr Patienten, sodass ich Hoffnung haben konnte, mein Auskommen leicht zu verdienen. In der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 wurde im Zusammenhange mit der Aktion gegen die Juden meine Ordination verwüstet und mir von der Ortsgruppe bedeutet, dass ich aus Badgastein verschwinden solle."

Deckmantel des "Volkszorns" 

7. November 1938 tötete der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan, nachdem er von der Deportation seiner Familie erfahren hatte, in Paris den der NSDAP angehörenden Legationssekretär Ernst vom Rath. Dieses Attentat benutzten die nationalsozialistischen Machthaber als Vorwand, um konzertierte antijüdische Aktionen unter dem Deckmantel des "Volkszorns" durchzuführen. Tatsächlich wurden die pogromartigen Exzesse von hohen Parteiebenen kontrolliert und gesteuert und von SA bzw. SS generalstabsartig durchgeführt.

Die Novemberpogrome des Jahres 1938, von den Nazis mit dem Euphemismus "Reichskristallnacht" bezeichnet, markierten einen radikalen Einschnitt, der einen entscheidenden Wendepunkt in der rassistischen Politik gegenüber den jüdischen Einwohnern Deutschlands und Österreichs bedeutete. Die Weichen wurden von Ausgrenzung und Ächtung in Richtung Existenzvernichtung gestellt - zunächst auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene, durch "Arisierungen", die Etablierung der entsprechenden Gesetze und Institutionen, die sukzessive Entrechtung und den völligen Ausschluss aus dem öffentlichen Leben - und die spätere systematische physische Vernichtung. Zwischen 7. und 13. November 1938 wurden weit mehr als die Hälfte der Synagogen, jüdischen Gebetshäuser und Friedhöfe in Deutschland und Österreich zerstört.

Nach offiziellen, wahrscheinlich zu niedrig bezifferten Angaben wurden im Deutschen Reich 91 Menschen bei den gewalttätigen Ausschreitungen getötet, Zehntausende Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt, zahllose jüdische Geschäfte beschädigt oder demoliert, ihre Besitzer auf die infamste Weise schikaniert und gedemütigt.

Die Salzburger Landeszeitung. Amtliches Blatt des Gaues Salzburg der NSDAP und sämtlicher Staats- und Gemeindebehörden berichtete am 10. November 1938 ausführlich über "Ausschreitungen in Stadt und Land Salzburg": "In der Gaustadt Salzburg richtete sich der erste Sturm der Entrüstung gegen die Synagoge. Schon kurz nachdem im Laufe der Nacht das Ableben des Gesandtschaftsrates vom Rath in der Stadt bekannt geworden war, zog eine erregte Volksmenge vor das jüdische Wahrzeichen und zerstörte Fenster, Einrichtungsstücke und die jüdischen Kultgegenstände. Kein Wunder, daß auch alle Salzburger Geschäfte, die heute noch Juden gehören, die Wut der Bevölkerung zu spüren bekamen. Unter anderen mußten die Parfümeriehandlung des Juden Rudolf Fürst in der Linzergasse, das jüdische Kaufgeschäft ,Zum Touristen', ebenfalls in der Linzergasse, das Singer-Schuhgeschäft in der Dreifaltigkeitsgasse, dann Pollaks Ramschwarengeschäft in der Franz-Josef-Straße und Spiegels Antiquitätenhandlung daran glauben. (...) Auch aus dem ganzen Gaugebiet wird heute berichtet, daß die Erregung unter der Bevölkerung überall zu Aktionen gegen Judengeschäfte führte. Ausführliche Meldungen liegen zur Stunde aus Hallein und Badgastein vor. In Badgastein wurden von den Aktionen unter anderen betroffen das Hotel ,Bristol', das der polnischen Jüdin Kokisch gehört, das Kurhaus 'Cäcilia', das sich in Besitz des aus Berlin stammenden Juden Burger befindet, das Kurhaus Dr. Wassing und die Villa des Professor Hatschek; auch das Zahnatelier des Juden Süß, die Geschäfte Steininger, König, Posele, Horowitz und Rosenberg blieben nicht verschont."

Furcht vor Sanktionen

Der Bericht des Führers des Sicherheitsdienst-Unterabschnitts Salzburg an den SD-Führer des SS-Oberabschnitts Donau in Wien betreffend die "Reichskristallnacht" in Salzburg, 10. November 1938, beschrieb die Zerstörung von Einrichtungsgegenständen in einer Reihe jüdischer Geschäfte und in der Synagoge. Die etwa 30 bis 50 Täter, fast ausnahmslos der SA angehörig, erbrachen die Geschäfte mit verschiedenen Werkzeugen, demolierten das Inventar und vernichteten es teilweise vollständig. In der jüdischen Synagoge Salzburg in der Lasserstraße zertrümmerten sie die Einrichtung. Sämtliche Juden Salzburgs wurden von der Staatspolizei in "Schutzhaft" genommen.

Walter Suess, der nach den Drohungen der NSDAP-Ortsgruppe bei einem Verbleib in Gastein schwere Sanktionen befürchten musste, übersiedelte mit seiner Frau, einer angehenden Sängerin und Schauspielerin, nach Wien. Ab Mitte November 1938 arbeitete er in der Ordination seiner als Dentistin tätigen "arischen" Mutter. Wohnung und Ordination befanden sich in denselben Räumlichkeiten ( Molkereistraße 7 im 2. Bezirk).

Suess äußerte über die Vorkommnisse in Badgastein Verbitterung, zumal er von keiner Seite Schadenersatz verlangen konnte und durch die Vernichtung der teuren, noch nicht ausgezahlten Instrumente stark verschuldet war. Er plante, Österreich zu verlassen und mit seiner Frau nach Argentinien zu emigrieren.

Als er bereits sämtliche Vorbereitungen zur Ausreise beendet hatte, erhielt er von der Militärbehörde die Verständigung, dass er nicht ausreisen könne, weil er militärpflichtig sei. Der vor zwei Jahren noch hoffnungsvolle junge Mann musste zusehen, wie ihm sein Leben mit einem Mal förmlich entglitt und seine Zukunftspläne völlig zerstört wurden.

Als Suess in der Gefängniszelle auf seine Hinrichtung wartete, führte er in seinem Gnadengesuch unter anderem als mildernden Umstand an: "(...) dass ich im Jahre 1938 die Existenz verlor, mir aber die Bewilligung zur Auswanderung vom Wehrmeldeamt verweigert wurde, sodass ich mich einer völlig hoffnungslosen Zukunft gegenübersah (...)".

"Nie marxistisch eingestellt"

Im Sommer des Jahres 1939 kam Walter Suess mit der kommunistischen Bewegung, deren Mitglieder in der Illegalität unter größter Gefahr agierten, in Berührung. Nicht politische Überzeugung, sondern andauernde Demütigungserfahrungen, rassistische Unterdrückung und der vage Wunsch, sich nicht völlig der Diktatur zu beugen, begründeten diese Annäherung. In seinem Gnadengesuch schrieb er später: "Ich war meiner ganzen Erziehung und Umwelt in meinem Elternhaus nach nie marxistisch eingestellt. Mein ganzes Streben galt immer nur der Kunst und Wissenschaft. Ich wurde lediglich durch äussere widrige Umstände und Verführung durch Dritte auf diese Bahn gelenkt."

Gegenüber Martha Zäuner, einer jüdischen Patientin, die Walter Suess kurz vor ihrer erzwungenen Emigration, im Juli 1939, in seiner Ordination in der Molkereistraße im 2. Bezirk aufsuchte, äußerte Walter Suess erstmals seine Bereitschaft, im Widerstand tätig zu werden. Über Vermittlung Zäuners trat der kommunistische Bezirksfunktionär Otto Kubak an ihn heran, und über diesen kam Suess kurz nach Kriegsbeginn in Kontakt mit Robert Kurz ("Burli"), dem Leiter der Bezirksgruppe Leopoldstadt.

Da der KP-Sympathisant in politischer Hinsicht ein vollkommen unbeschriebenes Blatt war, wurde er zunächst in keine Aktivitäten eingebunden, sondern lediglich gefragt, ob er bereit sei, regelmäßig für die Unterstützung politischer Häftlinge zu spenden. Nachdem man sich von seiner Gesinnungstreue überzeugt hatte, stellte Suess zwischen Oktober 1939 und Februar 1940 seine Wohnung für konspirative Zusammenkünfte zur Verfügung. Für den Fall einer Störung bestand die Verabredung, dass die anwesenden Personen zahnärztliche Patienten seien.

Politische Umorientierung

Im Vordergrund dieser Besprechungen stand vor allem die politische Umorientierung, die sich für die kommunistische Bewegung aus dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes ergab. An diesen Sitzungen nahmen auch einige kommunistische Spitzenfunktionäre teil, etwa Leopold Fritzsche, Leopold Blauensteiner und Lothar Dirmhirn (alle drei später hingerichtet). Im Jänner 1940 richtete Kurz bei Suess mit dessen Einwilligung eine "Lit-Stelle" (Literatur-Stelle) für den zweiten Bezirk ein und deponierte etliche Male mehrere Pakete der Roten Fahne und des Mitteilungsblattes der KPÖ, die einige Zeit später von Margarethe Gebauer ("Erika") abgeholt wurden. Suess' Ehefrau und seine Mutter waren in diese Vorgänge wahrscheinlich nicht eingeweiht. Um ihnen gegenüber seine Aktivitäten abzuschirmen, schenkte er ihnen vor den jeweiligen Zusammenkünften Theater- oder Konzertkarten.

Am 15. Mai 1940 verhaftete die Gestapo den Bezirksleiter Robert Kurz, der jedoch auch nach schweren Misshandlungen seine Mitarbeiter nicht belastete, sodass sich die Aktion vorerst als Fehlschlag entpuppte und die Gruppe intakt blieb. Jedoch stellten Suess und seine Genossen für etwa zwei Monate jegliche illegale Tätigkeit ein.

Durch die vorherige Beobachtung der Umgebung von Kurz war es der Gestapo jedoch anscheinend gelungen, einige Kontaktpersonen zu eruieren, und daraufhin setzte sie gezielt zwei V-Leute (= Vertrauensleute = Spitzel) ein, um Kurz zu überführen und die ganze Gruppe auffliegen zu lassen. Zunächst trat Franz Pachhammer (Deckname "Lux") auf den Plan, ein extrem geltungssüchtiger Provokateur, der sich Anfang 1940 - anders als die meisten V-Leute - freiwillig der Gestapo als Zuträger angedient hatte.

Pachhammer hatte sich für die nunmehrige Aufgabe dadurch "qualifiziert", dass er nach vorheriger Rücksprache mit Lambert Leutgeb (Leiter des Nachrichten-Referates der Wiener Gestapo) am 12. Februar 1940, dem Jahrestag des Schutzbund-Aufstandes, eine Gruppe kommunistischer Jugendlicher aus Baumgarten den NS-Behörden ans Messer lieferte, indem er sie am Zentralfriedhof zu einer Kranzniederlegung an der Urne des 1934 hingerichteten Schutzbund-Kommandanten Karl Münichreiter provozierte und eine Viertelstunde vor deren Festnahme das Geschehen fotografisch festhielt.

"Lux" pirschte sich zunächst an Gertrude Fischer, eine frühere Mitarbeiterin von Kurz und Bekannte von Suess, heran und nahm anschließend, im Juli 1940, mit Suess selbst Kontakt auf, dem er weismachte, er sei vom "Kreis" (jeder Kreis der illegalen KPÖ umfasste mehrere Wiener Bezirke) mit der Reorganisierung des zweiten Bezirks beauftragt worden. Suess äußerte zunächst Skepsis und mangelnde Bereitschaft, woraufhin er von "Lux" der Feigheit geziehen wurde.

Gut informiert

Da der Spitzel jedoch auch über Kurz anscheinend gut informiert war, gelang es ihm, die Bedenken seines Opfers zu zerstreuen. Er "entfaltete in der Folge eine ungeheure Aktivität und brachte Vorschlag über Vorschlag", hielt Suess später in einer Eingabe an den 5. Senat des Volksgerichtshofes fest.

Dem Schwerpunkt der nun folgenden Tätigkeit - Herstellung und Vertrieb illegaler Zeitungen und Flugschriften auf dezentraler Ebene - kam der Umstand zugute, dass die bisherige Versorgung mit Material von "oben", d. h. durch die Stadtleitung der KPÖ, nur sehr unzureichend funktioniert hatte, was auch der Gestapo nicht entgangen war. Angesichts der desolaten organisatorischen Strukturen und mehrerer miteinander konkurrierender politischer KPÖ-Leitungsgremien wird daher für diese Phase die Absicht der Gestapo erkennbar, Teile des kommunistischen Untergrunds von unten nach oben zu unterwandern und aufzurollen.

Pachhammer stellte dem arglosen Widerstandskämpfer eine Schreibmaschine sowie einen Vervielfältigungsapparat zur Verfügung und beauftragte ihn mit der Herstellung der Zeitung Hammer und Sichel, Nr. 1. Er instruierte ihn über den gewünschten Inhalt, "auch musste ich ihm jeden Entwurf zur Anfertigung der Matrize mitgeben, angeblich zur Begutachtung durch den Kreis-Lit-Mann", schrieb Suess in seiner Zelle im Wiener Landesgericht.

Gestapo-Provokateur

Die Gestapo war demnach also nicht nur in die Verteilung, sondern auch in den Produktionsprozess illegaler Schriften involviert. Hundert Exemplare der genannten Zeitung übergab Suess dem Provokateur, der ihn Anfang September mit der Produktion einer zweiten Nummer beauftragte.

Etwa 20 bis 40 Exemplare davon erhielt der KP-Funktionär Karl Ficker, den Rest händigte der Verfasser "Edi Hofer" aus, den Suess durch Pachhammer kennengelernt hatte. Hinter dem Decknamen "Edi Hofer" verbarg sich Eduard Pamperl (geb. 1919), ein Schulfreund Pachhammers, der zugleich mit diesem als Spitzel in den Dienst der Gestapo getreten war.

"Lux" versuchte Suess auch für die Bildung einer kommunistischen Sabotage- und Terrororganisation zu gewinnen, was dieser aber strikt ablehnte. Hingegen kam er seinem Ansinnen nach, den Aufbau einer illegalen kommunistischen Ärzteorganisation in Angriff zu nehmen, doch blieb dieser Versuch erfolglos. Von verschiedenen Genossen gingen ihm Warnungen bzw. Ratschläge zu, den vermeintlichen "Übereifer" Pachhammers zu dämpfen, in dem Suess jedoch bloß "jugendliche Begeisterung" zu erkennen vermeinte.

Zwischen 5. und 7. April 1941 verhaftete die Gestapo Walter Suess, dessen Ehefrau, Karl Ficker und zehn weitere Personen, die vom "Litapparat" bzw. den V-Leuten mit illegalem Material versorgt worden waren. Im Juni des Jahres 1941 gingen darüber hinaus Otto Kubak, Erwin Kritek und etliche andere Mitarbeiter der Bezirksleitung ihren Verfolgern ins Netz. Erst jetzt legte auch Robert Kurz ein Geständnis ab.

Besonderer Zynismus

Nach fast 17-monatiger Haft erhielt Suess die Anklageschrift, die zwar ansatzweise die Bedeutung von "Lux" als Initiator der illegalen Tätigkeit des Angeklagten nach dem Juni 1940 erkennen ließ, den Gestapo-Provokateur aber als "kommunistischen Funktionär" qualifizierte. Suess verfasste daraufhin die schon erwähnte Eingabe an den Volksgerichtshof - ein überaus bemerkenswertes Dokument, in dem der Untersuchungshäftling die Rolle des Spitzels mit vielen Details aufdeckte und eine Gegenüberstellung verlangte. Denn es war ihm mittlerweile gelungen, dessen richtigen Namen - Franz Pachhammer - zu eruieren.

Auch war ihm bekannt, dass der zur Wehrmacht eingezogene V-Mann im März 1941 von Wien nach Altmünster am Traunsee verlegt worden war. Suess ließ sich auch nicht daran hindern, diese Sachverhalte sogar bei der Hauptverhandlung (4. November 1942) anzusprechen, woraufhin die Gestapo den Kriminalsekretär Handl als "Zeugen" auftreten ließ, der aussagte, "Lux" sei kein V-Mann gewesen, sondern ein unbekannt gebliebener Kommunist. Der Volksgerichtshof ergänzte diese Lüge durch einen Zynismus besonderer Art: Es sei festgestellt worden, dass die von Suess verfassten Flugschriften auch an andere KP-Funktionäre verteilt wurden, was ein V-Mann der Gestapo sicherlich nicht getan hätte!

Walter Suess, Robert Kurz und Otto Kubak wurden wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zum Tode verurteilt, Erwin Kritek zu acht Jahren Zuchthaus. Die Abschiedsbriefe, die Suess an seine Mutter in der Gefängniszelle geschrieben hatte, wurden ihr nicht übergeben, da man befürchtete, die Angehörigen könnten die Briefe "propagandistisch verwerten". Der 31-jährige Suess und seine Mitverurteilten Kurz und Kubak wurden am 28. Jänner 1943 im Landesgericht Wien hingerichtet. "Die Vollstreckungen verliefen ohne Besonderheiten", hieß es im Akt des Volksgerichtshofs lapidar. Bezüglich der Überlassung der Leichname solle das Anatomische Institut der Universität Wien berücksichtigt werden.

Der in einem anderen Verfahren ebenfalls zum Tode verurteilte Karl Ficker konnte im November 1942 aus der Haft entfliehen und sich bis Kriegsende 1945 verborgen halten. (Andrea Hurton, Hans Schafranek/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9. 11. 2008)

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